Nachhaltigkeit, Stadt
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Lissabon: Wie viel Tourismus ist zu viel Tourismus?

Lissabon

Das Land, in dem ich mich neben Deutschland am besten auskenne ist Portugal. Und das nicht wegen Ausflüge im Namen des Tourismus, nein, so richtig mit vor Ort wohnen und einheimischen Gemüsehändlern mit Händen und Füßen erklären wollen, dass man gerne 450g Kartoffeln kaufen möchte, nur, um dann zu merken, dass die Gemüsehändler perfekt Englisch sprechen. Und das kam so: Vor geraumer Zeit, als ich noch studierte, also praktisch in der Steinzeit, hatte ich diese fixe Idee, dass ich sehr gerne eine dieser gewandten Menschen sein möchte, die neben Englisch noch eine weitere Sprache fließend sprechen. Und da alle Spanischkurse schon voll waren, fiel meine Wahl auf Portugiesisch. Nach einem Jahr Portugiesisch kam der Härtetest für meine Sprachkenntnisse: Eine Woche Urlaub in Lissabon! Den Härtetest bestanden meine Sprachkenntnisse nicht („Do you speak English?“) nicht, aber Portugal gefiel mir ganz ausgezeichnet, unter anderem weil es dort die besten Salzkartoffeln der Welt gibt. Und viel gegrillten Fisch und wer kann schon nein zu gegrilltem Fisch sagen? Besonders, wenn es dazu diese vorzüglichen Salzkartoffeln gibt. Über die portugiesische Salzkartoffeln sollte ich bald ein Traktat verfassen, aber erst nach diesem, sonst verliere ich meinen roten Faden in einem Haufen von Salzkartoffeln, denn eigentlich will ich über Tourismus schreiben, genauer gesagt über die Frage, wie viel Tourismus zu viel Tourismus ist.

Diese Frage schoss mir durch den Kopf, als ich Anfang November für einige Tage in Lissabon war. In den letzten zehn Jahren habe ich die Stadt viermal besucht und die Veränderung zu meinem letzten Aufenthalt 2013 stachen mir sofort ins Auge: 2013 wohnte ich zwei Monate am Largo de Intendente, einem Problembezirk in der Innenstadt. Das Viertel sollte aufgewertet werden, die Bürgermeisterin war schon demonstrativ hingezogen und es gab ein hippes Künstlerhostel (in dem ich wohnte) und gegenüber eine hippe Bar. Auf dem Weg zur Metro sah ich Obdachlose, mit Pappkartons zugedeckt, in Hauseingängen schlafen oder Heroin spritzen, neben meiner Wohnung standen Sexarbeiterinnen an der Ecke und warteten auf ihre Freier, während ihre Zuhälter im Café daneben ein Auge auf das Geschäft hatten. In den Nebenstraßen trieben sich allerhand suspekte Charaktere herum und die Armut der Bewohner um mich herum war zum Greifen nahe, wenn die Senioren im Supermarkt sich für die Woche wieder nur ein Glas Bohnen und trockenes Brot leisten konnte. Die Häuser waren baufällig, zugig und feucht, die Fassaden bröckelten und drumherum lag Müll. Trotzdem schloss ich das Viertel (nach anfänglicher Scheu davor auf der Straße erschlagen und ausgeraubt zu werden) ins Herz. Schließlich wohnte man in Intendente mitten im Herzen Lissabons, die Innenstadt war nur einen Fußmarsch entfernt und direkt gegenüber meiner Wohnung gab es in Casa Intendente den vielleicht schönsten Ort der Welt, um abends einen Gin Tonic zu trinken.

Vier Jahre später ist der Largo de Intendente komplett renoviert, es gibt einen angesagten Fahrradladen, einen schicken Burgerladen, ein hippes Hotel, ein megahippes Hostel, eine ultrahippe Weinbar und eine hyperhippe Filiale von „A Vida Portugesa“, (das portugiesisches Äquivalent zu Manufactum). Alles streng nach dem Gentrizierungsleitfaden also, erst waren die Künstler da, nun zieht das Geld ein. Man begegnet auf der Straße keinen Obdachlosen und Sexarbeiterinnen und im Supermarkt weniger Senioren beim Bohnenkauf. Stattdessen gut gekleideten jungen Portugiesen und vor allem Touristen. Das Rattern ihrer Rollkoffer auf dem Kopfsteinpflaster ist ein stetiges Hintergrundgeräusch. Die von Google Maps navigierten Ausländer flanieren die Avenida rauf und runter, die meisten Restaurants sind derart rammelvoll, dass man ohne Reservierung keinen Platz mehr bekommt und die Häuser aufwendig saniert oder zumindest mit Plakaten behängt, die von der baldigen Sanierung verkünden. Ich konzentriere mich hier in meiner Beschreibung zwar auf Intendente, aber das Phänomen konnte ich in der ganzen Stadt beobachten.

Einerseits freut es mich, dass es Lissabon besser geht als 2013, als die Wirtschaftskrise der Stadt und ihren Bewohnern so richtig eins reingewürgt hat. Die Krise und der Leerstand haben für kreative Freiräume gesorgt, die jetzt zum besonderen Flair der Stadt beitragen. Und wer damals in ein Haus investiert hat, um es in ein airbnb zu verwandeln, der reibt sich jetzt vermutlich die Hände. Und natürlich freut es mich für die Einheimischen, dass der Tourismus zu boomen scheint und an jeder Ecke süße kleine Cafés und Lädchen aus dem Boden gesprossen sind, die wunderschönes Keramik oder niedliche Zeichnungen oder geflochtene Korbtaschen verkaufen.

Der Anzahl an Menschen mit Rollkoffern nach, die ich dieses Mal alleine in der Straße sah, in der ich wohnte, musste es dort einen Haufen airbnb-Wohnungen geben. Nun handelt es sich bei diesem Stadtteil um ein nettes, ruhiges, innenstadtnahes Viertel mit schönen Häusern, ein  Viertel also, in dem man gerne wohnt. Nur wie lange wird man es sich als Einheimischer noch leisten können, dort zu wohnen, wenn fast der gesamte Wohnraum zu airbnb-Wohnungen umgewandelt wird, weil das lukrativer für Vermieter ist, als langfristig zu vermieten? Wohin ziehen, wenn die gesamte Innenstadt ein airbnb-Abziehbild von Lissabon geworden ist, voll mit Deutschen und Amerikanern, die pasteis de nata essen und mit der eletrico No. 28 fahren und abends Hamburger essen, auch wenn das eigentlich nicht zum portugiesischen way of life gehört, aber Hamburger sind universell und das Wort Hamburger wird in jeder Sprache verstanden. Wohingegen Salzkartoffeln „Batatas“ sind und das muss  man ja erst mal wissen, so als Tourist, und dann noch auch noch den Mumm haben, das Wort auszusprechen und wieso kann hier eigentlich niemand Deutsch?

Das wirkt jetzt so, als ob ich gegen airbnb-Wohnungen und Gentrifizierung bin, was nicht stimmt, denn dann wäre ich eine Heuchlerin, schließlich habe ich in Lissabon auch eine Unterkunft über airbnb gebucht. Ich bin auch eletrico gefahren, habe eine geflochtene Korbtasche gekauft und jede Minute meines touristischen Daseins in Lissabon voll und ganz ausgekostet. Ich bin sozusagen Teil des Problem. Und kann keine Antwort auf die Frage geben, wie viel Tourismus zu  viel ist. Ich hoffe einfach, dass Lissabon seinen Charakter trotz des momentanen Hypes behält und mich auch das nächste Mal mit diesem einzigartigen Licht, den leckersten Salzkartoffeln der Welt und dem schönsten Aussichtspunkt der Welt begrüßt (genaue geographische Lage verrate ich gerne auf Nachfrage).

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