Arbeitswelt
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Welches Leben darf’s denn sein?

Ein Abend zugebracht mit dem Durchforsten von Stellenanzeigen und nun fühlt sich alles verkehrt an. So als hätte ich mir den linken Schuh an den rechten Fuß gezogen und die Klettverschlüsse unter der Sohle verknotet. Es ist immer dasselbe: Keine Ahnung welchen Suchbegriff ich überhaupt eingeben soll. Welche Branche, welche Karrierestufe. Was ich gerade tue beruflich, ist was ich kann, was mir nicht schwerfällt. Aber ist es, was mein Herz erfüllt?


Plötzlich ist man endemittezwanzig oder vielleicht sogar schon anfangmittedreißig und weiß nicht viel mehr, als dass einen ein berufliches Fortkommen in einem Bereich, der „verkaufsorientiertes Denken“ und eine „betriebswirtschaftliche Ausbildung“ voraussetzt, nicht wirklich interessiert. Stichwort Lebensglück und Sinn des Ganzen.

Traum und Selbstzensur

Dabei ist da ein Heer von Möglichkeiten. Träumereien. Und schon blinken die scharfen Schneiden der Schere im Kopf:
Zurückziehen, ein Buch schreiben. – Worüber?
Sozialer Bereich? – Geht mir emotional zu sehr an die Substanz.
Lehrer, was mit Kindern? – Ich kann nicht mal vor einer Kleinstgruppe Erwachsener reden ohne eine vor Verunsicherung zitternde Stimme zu bekommen. Ich bin doch selbst ein ewiges Kind.
Was künstlerisch-kreatives, hat mein Berufsorientierungstest beim Arbeitsamt damals ergeben. –  Immerhin, ich kann stricken, nähen, dekoriere gern meine Wohnung um und schreibe gedankenvolle und zuweilen witzige Texte. Also Dawanda-Mutti mit angeschlossenem Café im Szene-Kiez? Arrrrrrch!

Womit ist man denn zufrieden? Was hat Sinn? Für mich: mit guten Leuten zusammen sein, gemeinsam etwas schaffen. Einen Film drehen, eine Wohnung streichen, einen Betriebsrat gründen, einen Umsturz planen. Kreativer Blödsinn. Meinetwegen Holz hacken, wenn es hilft. Ein grob umrissenes Ziel vor Augen und entsprechend den eigenen Fähigkeiten vorgehen. Improvisieren.

Das sei mein Bewerberprofil. Welcher Platz im Leben braucht mich?

Und davon willst du leben?

Es ist auch eine Frage des Mutes. Als ich einmal wachen Auges träumte letztens, schwebte mir vor, alles in den Wind zu schlagen, vom Ersparten zu leben auf kleinem Fuße für, sagen wir, ein Jahr, und jeden Monat einen anderen Job anzunehmen.
Einen, vor dem mir graut (Call Center? Barkeeper?).
Einer wie in einer romantischen Komödie (Aushilfe im Buchladen).
Einer, bei dem ich mir die Hände schmutzig mache (Umzugshelfer, Frittentante im Schnellrestaurant).
Einer, der soziales Engagement verlangt (Tafel, Flüchtlingshilfe).
Einer, der schlecht bezahlt ist, aber große Ehre bringt (Ähm… Stadtschreiber?).
Einer, der skurril genug ist um ein Buch darüber zu schreiben (Hausmeister, Nachtdienst in der Spielothek).
Und über all das dann tatsächlich regelmäßig zu schreiben. Wenn schon sonst nichts dabei herumkommt, dann doch wenigstens eine groß angelegte Horizonterweiterung. Oder?

Gegenargumente? Natürlich! Das liebe Geld. Wovon soll man leben? Wovon sich und das Kind ernähren? Wer zahlt dann die Krankenkasse? Und, ach herrje, wie macht sich das auf meinem Lebenslauf? Wie verkaufe ich das gut bei meiner Rückkehr ins „normale“ Leben? „Sabbatical mit Selbstfindungsnebenerwerb“? Wie schnell man wieder in diese Selbstmarketing-Schiene rutscht. Um dann noch einmal kurz schief zu grinsen und den farbenfrohen Tagtraum davonziehen zu lassen.

Was willst du eigentlich?

Aber was in Gottes Namen will ich denn nun nur?! Vielleicht will ich ja gar nicht zurück. Bleib, schöner Traum, nimm mich mit! Mach mich mutig genug, dich Wirklichkeit werden zu lassen. Ein Anrecht auf Dasein als Träumer, ja. Aber bitte wenigstens mittelgut bezahlt. Damit es reicht für ein Ticket quer durch die Stadt und die zweieinhalb Zimmer Altbau mit Wannenbad. Wer weiß, dass er nicht viel mehr braucht zum Glück, sollte vielleicht anfangen loszulassen. Diese blöden Konventionen – vom nächsten Karriereschritt, vom großen Geld, vom sorgsam inszenierten Bewerbungsfoto. Memo an mich selbst: Öfter mal in den Spiegel schauen. Aufrecht stehen. Sagen: „Ich mach das jetzt …nicht mehr mit.“

2 Kommentare

  1. Gerade habe ich mich hierher verirrt, diesen Artikel als den ersten gelesen – und ich weiß: Hier bin ich richtig. Danke für das Ausformulieren meiner eigenen Gedanken!

    Liebe Grüße
    Jenni

    • Marla Stromponsky sagt

      Hallo Jenni,

      danke für das Lob. Immer beruhigend zu wissen, dass wir mit solchen Gedanken nicht alleine dastehen.

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