Arbeitswelt
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Über angemessene Gehälter

Es ist vielleicht eines der größten Mysterien unserer stellenweise recht verkorksten Gesellschaft, niemand redet darüber und doch reden alle immer darüber, in vagen Andeutungen und verschüchterten Fragen. Die Rede ist vom Gehalt, dem festen Geldbetrag, den wir monatlich für unsere Arbeit erhalten. Und das auf merkwürdige Art und Weise nie zufrieden stellt.

Natürlich müssen wir alle schauen, dass wir genug Geld haben, um ein gutes Leben zu führen. Aber ich habe manchmal das Gefühl, dass mehr Geld auch die Ansprüche für ein gutes Leben so weit in die Höhe schraubt, dass man mehr Geld möchte, um die gewachsenen Ansprüche weiter zu befriedigen. Ein Teufelskreis? Eine Spirale der Maßlosigkeit?

Messen wir, misst unsere Gesellschaft den Wert einer Arbeit an dem Geld, das dafür gezahlt wird?
Warum verdienen dann gerade die Menschen, deren Arbeit diese Gesellschaft vielleicht am meisten schätzen sollte, so wenig? Neulich habe ich mit einer Sozialarbeiterin gesprochen, der für eine 30-Stunden-Stelle 1800 € angeboten wurden. Sie nannte das „ein bisschen wenig“. Ich musste daran denken, dass mir als Berufseinsteiger auf einer (meiner Meinung nach) ziemlich unbedeutenden Marketingstelle ähnlich viel gezahlt wurde, inklusive Obst, Kicker und diesem ganzen Startup-Klimbim. Ich war trotzdem nicht zufrieden. Und wäre es auch heute nicht, denn für die Branche ist das kein gutes Einstiegsgehalt.
Wie unfair ist es da, dass ausgerechnet die Lumpensammler und Geradebieger der Probleme dieses Systems – Sozialarbeiter, Erzieher, Pädagogen – so schlecht verdienen?

Messen wir vielleicht sogar unseren Selbstwert an dem Geld, das für unsere Arbeit gezahlt wird?
Ein Indiz: diese merkwürdige Doppelmoral, die viele Menschen vornehmlich in „Kreativberufen“ auszeichnet. Auf der einen Seite heißt es „Ich arbeite nicht für Geld, sondern für meine Selbstverwirklichung“. Auf der anderen Seite heißt es „Mein Gehalt ist ein Witz, ich werde schlecht bezahlt.“.
Seit wann wird der Grad der Selbstverwirklichung in Euro gemessen?

Aber nein, das Argument ist ja auch „Im Vergleich zu“ oder „Nach dem und dem Standard verdiene ich zu wenig.“ Ich frage mich: Warum können wir nicht alle genau so viel verdienen, wie wir brauchen und damit zufrieden sein?
Ich bin großer Fan davon, für seine Rechte, für ein „angemessenes“ Gehalt zu kämpfen. Ich finde aber auch, dass man die Blase sehen muss, in der man das tut. Dass man die Relationen anerkennt. Dass man sich nicht immer per se schlecht behandelt fühlt.

Damit möchte ich keine Firma, kein Unternehmen aus der Pflicht nehmen, ihre Angestellten ordentlich zu bezahlen. Denn mit Fairness und einem Bewusstsein für soziale Gerechtigkeit der Chefs und Entscheidungsträger, steht und fällt ein System der Ausbeutung und der Unterbezahlung. Und ich wünsche mir sehr, dass es fällt.

Es regt mich auf. Es macht mich traurig. Es macht mich vor allem wütend. Auf mich, weil ich keine Antworten auf diese vielen Fragen weiß. Auf alle, die sich beschweren, obwohl sie doch schon ein gutes Leben mit ihrem Geld führen können. Auf dieses ganze System, weil es Menschen auseinander treibt.

P.S.
– Dieser Artikel entstand in Rage.
– Es gibt schon positive Beispiele von Firmen, die ihre Mitarbeiter nach dem Bedarfsprinzip bezahlen. (Zumindest glaube ich, dass es BeispielE gibt, gefunden habe ich nämlich nur eins: Die Weltverbesserer von mein-grundeinkommen.de)
– Das Thema „Bedarfsprinzip“, bzw. generell das Problem der „sozialen Gerechtigkeit“ wird in diesem tollen Artikel der BPB erklärt.

2 Kommentare

  1. Ufff. Starker, aber gute Tobak. Mein lebenslanges Thema – auch in der DäDäRä… da stand die Frage, ob ich mir bei ca. 800 DDR-Mark mtl. in einer ÖPNV-gesegneten Großstadt unbedingt einen Trabbi für 8000 DDR-Mark kaufen muss. Da stand auch die Frage, ob man wirklich glücklich sein kann, wenn man nur eine 3-Zimmer-Altbauwohnung mit Außen-WC und Ofenheizung, aber dafür mit kleinem, gemeinsam genutzten Gärtchen im Hinterhof sein Eigen nennen konnte, statt 3- Zimmer- Wohnklo mit Heizung in Grünau.

    Und heute ist es nicht anders: wir messen uns an der Größe unserer Autos, den Markenklamotten, unseren exorbitanten Reisen (wir berichten von Plätzen, aber nicht von Menschen!) und damit eben nur an unseren Gehältern. Zu all dem von Dir beschriebenen kommt noch das Problem, dass in Beziehungen häufig die Frauen die „Besserverdienenden“ sind- sehr zum Leidwesen vieler Männer. Verstehe ich übrigens gar nicht, ich lebe sehr harmonisch in genau so einer Konstellation. Es scheint also wirklich daran zu liegen, dass wir uns falsch definieren. Es ist das leidige Ding mit dem „Selbst“-Bewußtsein. Wir analysieren alles, aber zunehmend ohne Empathie- nicht nur gegenüber anderen, nein: auch gegenüber uns selbst. Und wir passen uns immer mehr an. Mit dem Älterwerden beobachte ich bei vielen, mit denen ich früher ohne Probleme Grenzen brechen konnte, wie sie sich im mainstream einrichten, ohne dabei zu erkennen, dass sie dabei immer mehr zu denen werden, die sie früher mal belächelt oder gar verurteilt haben (mein Haus, meine Yacht…).

    Naturlich ist es schön, wenn ich auf Arbeit viel geleistet habe, dass ich auch gut dafür bezahlt werde. Ein OP-Arzt, der 12h am Tag in der Klinik ist, wird auch gut bezahlt, hat aber letztlich gar keine `Zeit mehr, für seinen schönen Batzen Geld. Er kann ihn einfach nicht mehr sinnvoll ausgeben und scheint deshalb zu glauben, er wird glücklich, wenn immer der neuste Porsche in seiner Garage steht und er von seinen Kollegen um seine schöne Frau beneidet wird. Ist er wirklich glücklich? Hat er schon als Kind so altbacken geträumt? Sicher, diese Klientel mag es immer noch geben – siehe Burschenschaften.

    Ich beobachte aber auch mit Freude, dass trotz all dem Konsum- und Reichtumswahn und der damit verbundenen oftmals sinnlosen Zerstörung unserer Umwelt ein bewußtes Gegensteuern zunehmend auch weltweit erkennbar ist – siehe Euer sehr schöner blog! Und vielleicht gelingt es ja doch noch rechtzeitg, die physische und psychische Selbstabschaffung der Erde zu verhindern.

  2. Ich denke dass die Unzufriedenheit über das Gehalt daher kommt, dass die Selbstbestimmung fehlt und auch die Vergütung nicht an der Leistung bemessen wird.
    Man wird zu einer Marionette der Firma, wird gezwungen Überstunden zu machen, sich zu verbiegen, seine eigenen Ideen und Gedanken zurück zu stellen und nur mechanisch Abläufe zu befolgen. Und wehe man ist mal eine Woche krank. Gleichzeitig ist es jedoch egal, ob wir schuften wie ein Tier, denn der Kollege wird vielleicht einfach besser bezahlt, weil er… ein Mann ist, oder Ähnliches. Es ist ganz egal ob wir 1 oder 10 unbezahlte Überstunden machen, danken tut es niemand und bezahlen auch nicht.
    So leben wir also in einem System, in dem wir nur durch Arbeitsleistung definiert werden, gleichzeitig jedoch unsere Leistung nichts wert ist. Das ist doch ein Widerspruch in sich.

    Ich bin auch Sozialarbeiterin. Meinst du bei dem Gehaltsvergleich Brutto oder Netto? 😀

    Viele Grüße, Anja

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