Beste Freunde, Nachhaltigkeit
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Sind wir nicht alle ein bisschen Hipster?

Hipster

Vor einer Woche führte ich mit Freunden einmal mehr die inzwischen zum Standard gewordene Diskussion am Kneipentisch über das Phänomen des Hipsters: Warum kann niemand den Hipster leiden? Denn obwohl sich die Kultur der Hipster vom Randphänomen zum Mainstream gewandelt hat: Der Hass ist geblieben.

Halten wir zunächst einmal fest: Wir wissen alle, von wem ich spreche. Die Beine stecken in knallengen Acne Skinny-Jeans und treten eifrig in die Pedale des glänzenden Rennrads (selbstverständlich vintage), die Herren probieren sich am Schnauzbart, die Damen investieren in allerlei Accessoires mit einem moustache, um den Herren in nichts nachzustehen und beide Geschlechter ziehen die dicken Beanies tief ins Gesicht, um sich vor dem kalten Wind in Berlin zu schützen. Der Hipster ist allem Anschein nach eine Subkultur – mit dem Unterschied, dass trotz der allerorten in Erscheinung tretenden Mitglieder niemand offen Teil dieser Jugendbewegung sein möchte.

Wir wissen also, wer „Hipster“ ist, aber niemand kann eine klare Antwort auf die Frage geben, warum er oder sie kein Hipster ist. Die meisten Antworten laufen auf Folgendes hinaus: Hipster sind albern und hohl und haben zwar ein paar hübsche Anziehsachen (die ich und Du und der ganze Rest mit Sicherheit auch im Kleiderschrank haben), aber man selbst ist keiner. Wenn nun aber die meisten von uns Merkmale des Hipster aufweisen – warum hat das Phänomen dann in den Augen der Masse einen schlechteren Ruf als bluttrinkende Satanisten und BWL-Studenten? Treten wir einen Schritt zurück und betrachten das Hipsterum von einer objektiven Warte aus.

    1. Es handelt sich um eine ausgeprägte Kultur der Ästhetik

 

  • Viele Dekorations- oder Gebrauchsgegenstände zeugen von einer starken Faszination mit der jüngeren Vergangenheit oder mit dem Milieu von Prekariat und Proletariern

 

 

  • Es ist keine politische oder gesellschaftskritische Aussage zu entdecken

 

 

  • Ironie spielt eine extrem große Rolle – Dinge werden „ironisch“ konsumiert

 

 

  • Ein starker Wunsch nach Individualität

 

 

 

Hipster lieben also die funkelnde Ästhetik der Vergangenheit oder die überzeichnet-hässliche des „einfachen Mannes“: Die Holzfällerhemden und Porno-Balken, analoge Kameras, Parkas aus den 70ern, Polyster-Pullis aus den 80ern, Motto-T-Shirts aus den 90ern, der Eames Chair im Berliner Altbau und natürlich Zeitung lesen bei handgeröstetem, mit Omas Kaffeemühle gemahlenem Edel-Kaffee im Café im Retro-Chic. Eine politische Botschaft steckt nicht dahinter.

Hipster ist die Kultur einer Generation, die im Wirtschaftswunder groß wurde. Die Welt war schwarz (UDSSR) und weiß (Westeuropa und Nordamerika). Den Eltern der Hipster ging es so gut, wie keiner Generation zuvor (und bislang auch danach) – und das zeigten sie: Das Nachkriegs-Geld wurde in Auto, Haus, Designer-Kleidung und technische Gadgets investiert. Die Zeit der Proteste war vorbei – die Hipster von morgen wuchsen im Konsum der Wegwerfgesellschaft auf.

Ist es also denkbar, dass sich die Hipster-Kultur dem Konsum verschrieben hat? Statt für die Überzeugungen der Mods, der 68er, der Holzfäller, der Skins und der Intelligenzija einzutreten, reicht es die Symbole dieser Gruppierungen zu konsumieren – und sich damit die Aura, das Flair, den Geist der Vergangenheit zu erkaufen. Ich kann aussehen wie ein französischer Extenzialist oder ein tätowierter Rockmusiker, aber es verrät nichts über meine Einstellungen und mein soziales Umfeld.

Und vielleicht sind genau diese hohle Hülsen, diese Versatzstücke des Konsums die eigentlich Message der Hipster. Deswegen zucken wir alle innerlich zusammen, wenn uns ein höhnisches „Du Hipstertante!“ entgegenschlägt, deswegen will niemand dieser Subkultur angehören. Denn an der kulturellen Erscheinung des Hipsters wird die kapitalistische Gegenstandslosigkeit unseres Zeitalters deutlich: Ich konsumiere, also bin ich. Ideale sind Vergangenheit, Konsum die Zukunft.

1 Kommentare

  1. tee sagt

    trifft es schon ganz gut. für mich gehört auch die inszenierung der konsumierten realität dazu. und selbst wenn abseits des konsums gelebt wird, macht die inszenierung via instagramm, twitter, blog, etc. das gelebte ohne umschweife konsumierbar. vielleicht nicht für geldgegenwerte, wohl aber für (eingebildete) anerkennung. das macht es m.E. auch abstoßend. hipster-eskes handeln orientiert sich an ideelen marktwerten, an hedonistischen skalen, die oft auch erst aufgebaut werden müssen und mündet schlussendlich in einem hyper-kapitalismus, bei dem selbst plörrator bräu aus der stillgelegten holzmühle einen eigenen art-director und instagramm-account hat.

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