Feminismus
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Sexismus, nein danke

Sexismus nein danke

Was mit einem Artikel in der New York Times über Harvey Weinstein, Filmproduzent und lebender Scheisshaufen, begann, trat eine ganze Lawine an Enthüllungen los. Im Zuge dieser kam heraus, dass Kevin Spacey mehr von Frank Underwood in sich hat als uns lieb war, dass die Filmindustrie ein großes Sexismus-Problem hat (was vermutlich niemand überrascht, dazu muss man sich ja nur einmal die Filme anschauen die produziert werden), dass unsere Gesellschaft ein riesiges Sexismus-Problem hat (was den Kommentaren in einschlägigen Artikeln nach vor allem Männer überrascht hat: „Ja, wieso hat denn niemand von Euch mal nein gesagt?“) und dass die Welt ein schlechter Ort voller menschlicher Abgründe ist, in der es für Männer wie C.K. Louis ok ungefragt vor Frauen zu masturbieren, weil woher will Mann auch wissen, dass die Frauen dass vielleicht gar nicht sehen wollen?

Über all das sind schon viele Artikel und kluge Analysen geschrieben worden, so dass ich das an dieser Stelle gar nicht mehr ausführen will. Und natürlich gab es auch einen Backlash, so wie bei jeder Debatte eben, in der sich  Menschen anderer Meinung zu Wort melden und die Betroffenen verurteilen oder ermahnen, nicht immer alles so schwarz zu sehen oder bitte doch nicht so zu übertreiben. Das passiert alles im Rahmen von Meinungsfreiheit und gehört zu einer konstruktiven Diskussion dazu, aber nerven tut es mich trotzdem. Artikel wie jenen in der ZEIT (auf den ich nicht verlinken möchte, er hat sowieso schon mehr traffic als er verdient), in der die Autorin, Jahrgang Endemittezwanzig, sich darin ergeht, dass ein Flirt ja auch immer übergriffig ist und das eben so zum Spiel der Liebe dazugehört. Von all den Artikeln, in denen junge Frauen „Also mir ist noch nie etwas passiert und wenn mich jemand im Taxi küsst dann finde ich das schön und toll und nehme das als Kompliment deswegen müsst ihr halt schon nicht austicken das ist kein Sexismus“ (grobe Paraphrasierung) ganz zu schweigen. Und die nerven mich besonders.

Denn: Ich finde es problematisch, von eigenen Erfahrungen auf die Erfahrungen alle anderer schließen zu wollen und somit davon auszugehen, dass jede andere Person die Situation ebenso wie ich empfand und bewertet hat. Denn wer definiert, was wir unter einem sexuellen Übergriff verstehen? Ist es ein sexueller Kommentar? Ein falscher Handgriff? Ein Kuss? Sex ohne Konsens? Während eine Person einen groben sexuellen Witz locker übergeht und lacht, findet eine andere vielleicht, das damit schon eine Grenze überschritten wird. Das bedeutet nicht, dass ich einen Witz mit einer Vergewaltigung gleichsetzen will. Sexistische Sprüche, Witze und Gesten schaffen und begünstigen allerdings ein Klima, in dem es zu sexueller Gewalt kommt. Wenn also jemand der Meinung ist, „hier wird für mich eine Grenze überschritten, hinter ich mich definitiv nicht wohl fühle“, dann ist es keine Lösung loszubrüllen „Leg dir mal ein dickeres Fell zu!“.

Wie gesagt: Nur weil ich eine Frau bin, fühle ich mich nicht in der Lage für alle Frauen zu definieren, wo exakt deren Grenze verläuft, hinter der sie sich nicht mehr sicher und wohl fühlen. Stattdessen finde ich es wichtiger emphatisch zu bleiben und zuzuhören. Es geht nicht darum, wer die krasseste Geschichte unter #metoo zu erzählen hat. Sexismus ist schließlich kein Wettbewerb. Es geht vielmehr darum zu zeigen, das Sexismus real ist. Er trägt verschiedene Gesichter und jede*r Betroffene*r definiert die eigenen Grenzen und den Umgang mit Überschreitungen womöglich anders.

Mich würden Deine Gedanken und Meinungen zu dem Thema sehr interessieren. Was denkst Du über #metoo? Helfen solche Aktionen dabei, ein Bewusstsein für das Problem Sexismus zu schaffen?

5 Kommentare

  1. Oh, du sprichst mir aus der Seele! Ich gehe dieses Jahr erstmalig nicht zur Firmenweihnachtsfeier, weil jedes Jahr zu fortgeschrittener Stunde manch Kollege, der im Alltag absolut in Ordnung ist, denkt, dass seine Hände auf die Hintern der Kolleginnen gehören. Ist doch Weihnachtsfeier, sei mal lockerflockiger und so. Leider hat es erst die aktuelle Diskussion gebraucht, um mir selbst darüber klar zu werden, dass ich an den Abend auch einfach was anderes machen kann… Das größte Problem daran sind einige der Kolleginnen: Nach der Weihnachtsfeier 2016 habe ich mich mit mehreren darüber unterhalten. Die meisten fanden diese alkoholgeschwängerte Übergriffigkeit höchst fragwürdig. Zwei haben aber einen regelrechten Wettbewerb draus gemacht, wie viele männliche Kollegen ihnen wohin gestarrt, welchen Spruch abgelassen haben usw. – denn für sie ist das das größte Kompliment, das man ihrer Begehrenswertheit machen kann…

    • Marla Stromponsky sagt

      Ohje, das klingt nach einer furchtbaren Weihnachtsfeier – da ist deine Zeit mit anderen Dingen wirklich besser genutzt. Hat von Euch irgendjemand den Kollegen während der Feier oder danach auf sein Verhalten angesprochen? Ich finde das nämlich immer sehr schwer, wünschte aber, ich würde das viel öfters machen.

  2. Johanna sagt

    Danke für deinen Beitrag Natalie. Ich finde, du hast einige Positionen sehr gut auf den Punkt gebracht. Besonders die, der Frau, die meint all das habe nichts mit ihr zu tun, denn sexistische Anmache empfinde sie als Kompliment. Ich persönlich habe die Aktion zunächst auf Facebook voller Fazination beobachtet und gesehen, wie immer mehr meiner Bekannten und Freudinnen mitmachen. Auch die Debatte um die Täter aus der Filmindustrie habe ich verfolgt. Allen Betroffenen gilt meine Solidarität und obwohl ich selbst schon Sexismus in zigfacher Varianz und diverser Intensität erfahren habe, zögerte ich, den simplen hashtag zu verwenden und eine meiner Geschichte zu erzählen. Ich habe darüber nachgedacht, warum das so ist. Das sind meine Gründe:
    1. Öffentlich über meine Gefühl angesichts schlimmer Ungerechtigkeit und Missachtung zu sprechen erschien mir zu intim.
    2. Ich wollte mich nicht als Opfer darstellen und mit dem Finger auf irgendwen zeigen, weil das als Schwäche gewertet wird und ich nicht schwach erscheinen will.
    3. Ich noch nicht mit allen Personen, die mir Leid zugefügt haben, persönlich ‚abgerechnet’habe, was meinem Gefühl nach vor der öffentlichen Darstellung für mich zur Verarbeitung nötig wäre
    4. Die Gründe dafür waren mir im ersten Moment nicht bewusst, es erschien mir nur unglaublich kompliziert, die richtige Ausdrucksweise und eine geeignete Kuration des plakativsten sexistischen Moments zu finden, so dass ich es lieber gleich gelassen habe mitzumachen.
    Die Debatte hat die Quantität der Übergriffe erfahrbar gemacht und ich möchte allen dafür danken, die mutiger waren als ich. Vielleicht vermochten die #metoo-Geschichten auch einigen Frauen und Männern die Augen über verschiedene Deutungsmöglichkeiten von ‚begehrt werden‘ zu öffnen, das wäre eine positive Bilanz. Mir hat die Aktion gezeigt, dass ich mit meinen Erfahrungen nicht allein bin ( okay das wusste ich schon vorher) aber auch, dass viele Frauen, von denen ich dachte, sie hätten gar nicht so ein „feministisches“ Problembewusstsein, sich im richtigen Moment doch positionieren. Und das nehme ich als Inspiration mit für Offenheit gegenüber dem eigen Mist der einem so unter gekommen ist und trage ihn an geeigneter Stelle nach außen.

    • Marla Stromponsky sagt

      Danke Johanna für diesen ganz tollen ausführlichen Kommentar. Habe ich sehr gerne gelesen und fasst viele von meinen Gedanken noch einmal schön in Worte.

  3. Pingback: Sport- und Fitnessblogs am Sonntag, 03.12.2017

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