Beste Freunde
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Liebe an der Selbstbedienungstheke

Liebe Selbstbedienungstheke

Kneipenabend, noch gar nicht so lange her. Das Thema, natürlich, die Zukunft und die Liebe. Und wenn ich von Liebe spreche, dann meine ich Online-Dating. Die Runde ergötzte sich gegenseitig mit Horrorgeschichten („Ist erst gar nicht aufgetaucht! Und fragte Tage später nach einem zweiten Date!“) und klagte sich ihr Leid. Meine Freundin A. erzählte uns, dass sie seit kurzem jemanden datet und zuckersüß findet. Er verdient sein eigenes Geld, mag Katzen und ihre Lieblingsserie, liebt Flohmärkte und trägt sogar den perfekten Vollbart!

Nun könnte eigentlich alles so einfach sein, when a man loves a woman und so, ist es aber leider nicht. Mr. Vollbart war mal heiß, mal kalt und auf keinen Fall klar, in dem was er eigentlich wolle: Nur Freunde sein? Freunde mit Benefits? Ego-Spritze? Dankbare Zuhörerin? Niemand-sonst-hat-Zeit-Unterhaltungsprogramm? Zwar plante er lange und ausgiebig die gemeinsame Zukunft („Wenn wir in der Gegend sind, können wir auch meinen Eltern kurz Hallo sagen“), Verabredungen sagte er jedoch gerne kurzfristig ab, „aus Gründen“. Gesprächen über die Natur ihrer Beziehung ging er sogar vollkommen aus dem Weg, weil das irgenwie voll uncool und gar nicht lässig war. A. vermutete, dass er Panikattacken beim Gedanken an emotionale Verpflichtungen bekam, konnte sich aber nicht dazu durchringen die Geschichte zu beenden, weil „es könnte doch sein, dass…“. Außerdem, wenn Mr. Vollbart Verabredungen nicht absagte, war er „total aufmerksam und sehr süß –  er meinte sogar, dass er sein Profil bei Tinder bald löschen wird. Er hat auf diesen Fleischmarkt einfach keine Lust mehr!“ Die Runde schaute mitleidig, schließlich sind wir alle schon einmal in der Situation gewesen. Unser Kumpel Ben brachte es empört auf den Punkt: „Du bist doch keine Selbstbedienungstheke – der Assi kann doch nicht ankommen und sich nur das nehmen, was ihm gefällt. So läuft das nicht.“

Und das bringt es auf den Punkt (und das nicht nur in der Liebe): Manchmal wollen wir eben alles oder nichts. In guten wie in schlechten Zeiten. Und das bedeutet eben, das man sich nicht an der Theke die wunderbar zarten Filetstücke aussucht, sondern akzeptiert, dass zum Gesamtpaket auch die weniger attraktiveren Innereien gehören. Egal ob in der Liebe oder in Freundschaften: Wir geben gerne. Das gehört dazu. Und das soll auf jeden Fall auch so bleiben. Aber wir sind eben keine Selbstbedienungstheke für Menschen, die gerne alles wollen, sich selbst aber zu nichts aufraffen können. Denn bis sich endlich zu einer Entscheidung durchgerungen wird, ist unser emotionaler Haushalt leider bereits im Arsch. Möchtet Ihr denn Freunde, die euch bei jedem Sturm im Wasserglas tagelang mit ihrem Drama in Beschlag nehmen, aber leider immer ausgerechnet dann keine Zeit für Euch haben, wenn es mal bei Euch scheiße läuft und Ihr eine Schulter zum Ausheulen braucht? Möchtet Ihr eine Beziehung mit jemanden führen, dessen Anteilnahme an Eurem Leben bestenfalls lauwarm ist und der irgendwie immer mit etwas anderem beschäftigt ist? Vermutlich nicht. Nur sind wir Menschen leider manchmal doof und sehen tatenlos zu, wie sich andere ungeniert bei uns bedienen. Und statt vernünftigerweise einen Schlussstrich zu ziehen, präsentieren wir auch noch lächelnd das nächste Filetstück. Sind wir also alles Masochisten? Wollen wir leiden?

Natürlich nicht. Wir sind im Herzen einfach Optimisten und tief drin lodert ein Kerzchen voller Hoffnung, dass beim nächsten Mal alles anders wird. Und wenn uns dann die volle Breitseite der fiesen Wahrheit endlich feste in die Fresse scheppert, dann liegt die Entscheidung ganz alleine bei uns. A. hat Mr. Vollbart übrigens klipp und klar ins Gesicht gesagt, dass jetzt Schluss ist mit der Selbstbedienungstheke. Kurz danach kamen sie zusammen.

3 Kommentare

  1. Herr H. sagt

    Heut wieder vom Feinsten, Frau Stromp. Ich kann jeden Satz unterschreiben:

    – selber ein Zwangsdate wahrgenommen (Freunde wollten das so!)
    – keine Chance auf Zukunft weil zu verschieden
    – Freundschaft darf trotzdem sein
    – Freundschaft hielt nur 6 Monate
    – wegen erstem Kuss auf dem Balkon nach wiedermal lecker Abendessen zusammen
    – heute verheiratet mit dem einzigen Menschen, den ich wirklich liebe

    Es löhnt sich immer, die eigenen Gefühle ein wenig zu faken! Und ja, Vorsicht vor einseitiger „Ernährung“!

  2. Ein Text ganz nach meinem Geschmack! So unverblühmt ehrlich und gerade herraus, mitten ins Gesicht. Ich kenne so einen Online Date Kram auch von einer guten Freundin und bis jetzt ist bei ihr nichts gutes aus den ganzen Treffen herrausgekommen. Aber ja, wir sind Optimisten und vielleicht klappt´s ja mit dem Nächsten.

    Viele Grüße
    Rebecca

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