Nora die rasende Reporterin, Plattenspieler
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Nora hört: Ein Lied gegen die Wut

Wir sind zusammen eingeschlafen und zusammen aufgewacht. Sehr hätte ich gehofft, dass du einfach verschwunden bist am nächsten Morgen. Kannst du jetzt bitte gehen? Ich wollte dich schon gestern Abend nicht, du hast mich am Einschlafen gehindert, an mir herumgezupft und genagt und mich nicht in Ruhe gelassen. Was willst du nur von mir?
Du sinnlose Wut.

Am Ende der rationalen Zurechnungsfähigleit beginnt ein langer schwarzer Tunnel. Hin und wieder, wenn mir Zuversicht und guter Wille abhanden kommen, fahre ich ein. Unfreiwillig meist, denn der Fahrplan ist völlig unberechenbar. Dafür sind die Tickets gratis. Durchaus, ich fahre gerne Zug. Aber die Aussicht im Tunnel ist mehr als begrenzt und das Bordlicht funktioniert grundsätzlich ncht. Unterhaltung ist nicht vorgeshen, aber man verstummt ohnehin zwnagsläufig unter dem monotonen Rattern der Gleise. Manchmal rauscht im fahlen grauen Schein draußen eine stillgelegte Station vorbei. Die Namen sind kaum lesbar. Vernunft? Gekränkter Stolz? Versöhnung? Wie dem auch sei. This train don’t stop there anymore. Es muss weiter gehen, weiter, weiter, weiter. Ich will nicht reden, ich will mich nicht einmal bewegen. Ich will nichts tun, außer diesen perfiden kleinen Wahnsinn zu pflegen und langsam darin zu erstarren.
Nicht. Während ich tiefer und tiefer ins innere der Dunkelheit rase, offenbart sich die schäbige Wahrheit, die ein Geheimnis hätte bleiben sollen: Ich habe Angst. Hier nicht mehr rauszukommen. Stolz und trotzig gegen die Wand zu knallen. Das ist also diese fiese Wut in ihrem Kern: erstaunlich unzulänglich. Und dabei hoffnungslos menschlich. 


Nützt ja nichts. Aufstehen. Loslassen. Weitermachen. Leicht gesagt. Wenn ich schreien könnte, würde ich schreien. Wenn ich weniger faul wäre, würde ich laufen gehen, eine große Runde um den Block. Oder würde um mich schlagen, wenn es mir Erleichterung verschaffen würde, diese verdammte Aggression! Aber nix da. Ich bin still, faul und allenfalls traurig. Warum? Weil irgendwas immer ist. Dinge sind manchmal falsch, Worte manchmal Schwerter, Blicke können töten. Und all die Knoten im Kopf. Sorgsam verworren, zerdacht und zerkaut, finstere Fäden, Vorhang runter, nichts mehr sehen, nichts mehr hören. Tunnel.

Nein! Doch! – Hören! Lower Dens. „Brains“ steigt heimlich zu, irgendwo in diesem unterirdischen System, scheppert wie zur Tarnung kurz gleichförmig vor sich hin, um niemanden abrupt aufzuschrecken, verlässt die Deprischiene aber alsbald. Sachte erst, dann um so bestimmter. Sind das Stimmen? Ist da Wärme? Ist das Licht? Gut möglich. Nur ganz schnell raus jetzt hier. Was für ein irrwitziges Tempo. Als würde plötzlich alles fliegen. Aber kein Grund mehr festzuhalten. Alles nur noch halb so schlimm. Augen auf und keine Angst, denn dort vorne geht’s bergauf. Und ganz langsam wird’s hell.

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