Allgemein, Nora die rasende Reporterin, Unendlicher Spass
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Nora bohrt: Ein Abend im Baumarkt

Bohren macht Spaß
Meine Damen, meine Herren! Wer von euch ist in der Lage, souverän und fehlerfrei ein Loch in die Wand zu bohren, es sauber zu verdübeln und daran ein tragfähiges Regal oder einen anderen mittelschweren Einrichtungsgegenstand zu befestigen? Eine große deutsche Baumarktkette hat längst erkannt, dass es in dieser und anderen handwerklichen Alltagsdisziplinen dringenden Nachholbedarf gibt – und zwar speziell beim weiblichen Geschlecht – und rief deshalb zur „Women’s Night“. Einmal Bohren, Fliesen, Heckeschneiden, Bittedanke! Nora, bekanntermaßen immer dankbar für klischeebehaftete Alltagsabenteuer, stürzte sich beherzt ins Baumarktvergnügen.

Zugegeben: Wenn es um’s professionelle Löcher-in-die Wand-Bohren geht, zaubere ich eher eine Kraterlandschaft, die dekorativ mit großformatigen Bildern verdeckt werden muss, als zu einem tatsächlichen Erfolg zu gelangen. Hoffnung auf einen veritablen Lerneffekt bestand also durchaus. Also die robusten Jeans angezogen, Leopardenjäckchen dazu wegen der ironischen Brechung und los. Im Vorfeld konnte aus einem 8 Kurse umfassenden Angebot gewählt werden, und ich gebe zu, dass mich „Professioneller Heckenschnitt“ allein wegen seiner Skurrilität sehr gereizt hat. Praktische Erwägungen ließen mich dann allerdings doch für „Schrauben und Bohren“ sowie „Siphon- und Armaturenanbau an Waschtischen“ entscheiden.

Der heitere Bastelabend begann stilecht mit dem unvermeidbaren Sektempfang. Klar, wo Damen sind, ist Prickelbrause. Prost. Das Zertifikat zur erfolgreichen Absolvierung der gewählten Kurse wurde praktischerweise auch gleich im Vorfeld ausgehändigt, zusammen mit einer großen Baumarkttüte voller neckischer Utensilien wie dem Minizollstock (1 Meter, wahrscheinlich zum Vermessen von High-Heel-Höhe oder Fingernagellänge) oder dem Ganzkörpermaleroverall, der besonders für Teilnehmer des Kurses „Kreative Wandgestaltung“ interessant gewesen sein dürfte. Ich hebe ihn mir für den nächsten Klärwerksbesuch auf. Nach der Begrüßung durch den Filialleiter, „Über 400 Frauen haben sich diesmal angemeldet, ein neuer Rekord!“, wurden die einzelnen Handwerkerinnengruppen, angeführt durch einen an die Olympischen Spiele gemahnenden Bannerträger, zu den Orten des Geschehens geführt. In meinem Fall war dies die Bohrmaschinenabteilung im Erdgeschoss des Marktes. Auf den dort aufgestellten Bierbänken nahmen rund drei Dutzend hochmotivierte Damen Platz, mehrheitlich der Altersgruppe 40-55 angehörig. Einige zückten auch Stift und Zettel und schrieben aufmerksam mit. So auch ich, wobei ich schlicht wunderschöne Wörter festhielt, die nur ein schwacher Abglanz dessen sein können, worüber im Folgenden hitzig diskutiert wurde: Doppelt beplankte Platten! Spaltrisse! Vorschraubfutter und Zahnrastenschlagwerk! Ein besonderes Reizthema stellte übrigens die offenbar weit verbreitete Strohdecke dar, der – wenn überhaupt! – allenfalls mit einem Hohlraumspreizdübel beizukommen sei. Ganz heißes Eisen.

Nach eingehenden Diskussionen darüber und über die Frage, ob ein Akkuschrauber auch zum Bohren geeignet sei (Ja und Nein. Also… nein. Es sei denn, man hat viel Zeit und eine unkomplexe Wand.), ging es dann endlich ans Gerät! Beispielwände aus diversen im Handwerkerinnenalltag vorkommenden Materialien waren aufgebaut worden und man konnte nach Herzenslust mit Schlagbohrern verschiedenster Größe und Qualität in Beton, Fließen und Mauerwerk bohren. Ohrenbetäubende Betriebsamkeit und Begeisterung machten der anfänglichen Zurückhaltung alsbald Platz. Mir persönlich half bei der Überwindung meiner Bohrangst vor allem der weise Ausspruch des Instrukteurs: „Im Grunde weiß man nie, wie so eine Wand beschaffen ist. Es ist wie im richtigen Leben: Man muss es ausprobieren.“ Danke! Und Druck ausüben ist im Übrigen nicht von Nöten. Auch fast wie im richtigen Leben.

Wer arbeitet, der muss auch essen, sagt das Sprichwort, und ich hatte mich schon seit seiner Ankündigung zu Beginn der Veranstaltung auf den heimlichen Höhepunkt des Abends gefreut: das Buffet! Leider war da noch nicht abzusehen, dass sich eben dieser Programmpunkt als mittlere Enttäuschung entpuppen würde, denn trotz der eingangs erwähnten Wohlinformiertheit über die Teilnehmerinnenzahl hatten sich Filialleiter und Veranstaltungsstab wohl die Ausmaße des Hungers weiblicher Hobbywerkler nicht ausmalen können. Denn geduldig in der vorbildlich gebildeten Schlange stehend konnte man zusehen, wie Minischnitzel, Currywurst und Gemüsegratin dahinschwanden. Ich fand mich nach einer halben Stunde an einem trockenen Brötchen und Möhrenstäbchen knabbernd am Stehtisch wieder, während vorn der Übungsleiter den Beginn des zweiten Kurses anmahnte und hinten noch immer hungrige Frauen in der Reihe standen. Ärgerlich, aber was soll’s, man war ja nicht zum Essen gekommen und erfreulich genug, dass überhaupt an professionelles Catering gedacht worden war.

Ring frei also zu Runde zwei. Gegenstand der Betrachtung nun: das – ich nenne es einmal volkstümlich – „Waschbeckenknie“ sowie der dazugehörige Teil obenrum, vulgo „Wasserhahn“. Während der äußert ausführlichen und kompetenten Ausführungen der Anleiterin schwante mir dunkel, dass ich vor Jahren ja tatsächlich schon einmal selbstständig einen Wasserhahn angeschraubt hatte. Der bis heute zuverlässig das Wasser in meine Spüle transportiert. Gedankliches Eigenlob. Ebenso erinnerte ich mich allerdings auch schlagartig wieder an diverse Utensilien, die den Weg ins Knie meines Badezimmerwaschbeckens gefunden haben – darunter ein schöner alter Ring und eine Nagelfeile – und die da nicht etwa aus handwerklichem Unvermögen bis heute liegen, sondern schlicht aufgrund des Ekels vor den schwarzschmierigen, organischen Resten und Haarbüscheln inklusive entsprechender Geruchskulisse, die das Aufschrauben des Knies begleiten würden. Erstaunlicherweise wurde auf diesen als potentiell „typisch weiblich“ zu brandmarkenden Aspekt der Thematik mit keiner Silbe eingegangen. So schaute ich mir den Badezimmerkatalog einer Edelmarke an (Regendusche und Sprudelbad sind ja wohl gänzlich obsolete Begriffe gegen die Erlebniswelten, die das Nasszellen-Business heutzutage zu bieten hat.) und blieb dem Praxisteil auch aufgrund einsetzender Ermüdungserscheinungen schließlich fern.

Denn der Abend war inzwischen doch deutlich vorangeschritten und ich fand mich kurz vor Mitternacht auf der als Strandlandschaft getarnten Dachterrasse des Baumarktes mit musikalischer House-Untermalung wieder, um einen letzten erfrischenden Schluck des unentgeltlich zur Verfügung gestellten Orangensaftes zu mir zu nehmen. In Anbetracht der mit Schwämmen und Rollen gestalteten Tapetenwände der Wandgestaltungsgruppe beschlich mich die Frage, wo um Himmels Willen wohl die Heckenschneiderinnen ihre Fähigkeiten hatten erweitern können? Waren in der Gartenabteilung Lebendpflanzen zu diesem Zweck zur Verfügung gestellt worden? Oder aber Kunsthecken in der Tiefgarage? Allein schon um diese Frage eingehend beantworten zu können, würde ich jederzeit wieder an einer solchen Veranstaltung teilnehmen. Ach so, ein politisch korrekter Kommentar noch dazu, dass dies eine reine Frauenveranstaltung war? Honestly, I don’t care! Das Baumarkt-Marketing hat wohl einfach gut erkannt, dass Heimwerkerei inzwischen auch gern von der Damenwelt ausgeübt wird. Tine Wittler ist ja ohnehin die Jeanne D’Arc unserer Tage, wenn es um’s Wände einreißen oder Kissendekorieren geht. Ein paar gut vermittelte handwerkliche Hard Skills können da nicht schaden. Ob nun mit oder ohne Geschlechtertrennung.

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