Leipzig, Nora die rasende Reporterin
Schreibe einen Kommentar

Nach der Demo. Gedanken

Montag Abend, kurz vor 20 Uhr. Im Kaufland bei mir um die Ecke ist wahrscheinlich mehr Legida als bei der Demo in Leipzigs Innenstadt. Die 30.000 Gegegendemonstranten, die auf sieben Routen für Vielfalt, Toleranz und Weltoffenheit auf die Straße gingen, könnten optimistisch stimmen. Trotzdem: Warum zieht es so viele Menschen – siehe Dresden – zu Pegida? Was steckt hinter dieser Angst vor Überfremdung und der angeblichen Islamisierung des Abendlandes? Seit wann sprechen wir überhaupt wieder vom Abendland?

Die da oben, wir hier unten?

Immer wieder war die Rede davon, dass es sich um Wende-Verlierer handelt, um von der Gesellschaft Abgehängte, diejenigen, denen die versprochenen blühenden Landschaften und der goldene Westen keine Perspektiven schaffen, Hoffnungen erfüllen konnten. Irgendwo hieß es auch, dass sich viele der Pegida-Befürworter – viele von ihnen waren auch schon ’89 auf der Straße – ähnlich fühlten, wie kurz vor dem Ende der DDR. Dass sie sich auf der Nase herumgetanzt fühlten von „denen da oben“, dass ihre Belange übergangen werden, ihnen niemand zuhört. Jetzt also wieder: Im eigenen Heimatort in der Provinz macht die Schule zu und der Supermarkt, aber dann werden Asylanten in die leersteheneden Gebäude einquartiert. Skandal! Bedrohung! Und uns hat wieder keener gefraacht! Also ab auf die Straße, Wutbürger, schweigende Mehrheit, und dem Zorn über alles, was den Bach runter geht Luft gemacht. Feindbilder finden sich – fanden sich schon immer, auch kurz nach der Wende. Die bösen Ausländer geben immer einen prima Sündenbock ab, wenn man sich im eigenen kleinen Leben nicht mehr zurecht findet.

Wer Volk ist, muss auch mitmachen

Was letztlich nur zeigt, wie wenig  manchem „kleinen Bürger“ jemals klar geworden ist, was Demokratie, Mitbestimmung, freie Gesellschaft eigentlich bedeuten. Dass das nicht heißt, dass „die Politiker“ von „da oben“ heruntergestiegen kommen und geduldig jeden einzelnen noch so maulfaulen Grantler fragen, wie er’s gern hätte. Sondern dass das ein verdammter Kompromiss ist, an dem jeden Tag von neuem und von allen gearbeitet werden muss. Ja, gearbeitet! In dem jeder, der ein Anliegen hat, sich einbringt, sich aktiv beteiligt. Seine Meinung äußert – im Idealfall konstruktiv – statt zu Hause zu sitzen, über die bösen Politiker zu mosern, nicht zu wählen oder sich höchstens kopfüber ins nächste Sammelbecken antidemokratischer Deppen  zu stürzen, die sich als Alternative für dieses Land bezeichnen. Dafür seid ihr ’89 auf die Straße gegangen? Dafür glaubt ihr, auch heute wieder „Wir sind das Volk“ rufen zu dürfen? Ihr, die ihr euch aus freien Stücken aus dessen Mitte entfernt habt? Früher war alles besser, ja? Zurück in den Schoß eines gut überwachten Stückchens Erde, in dem jeder über jeden Bescheid weiß und es nichts und niemand Fremdes gibt und ihr jeden Tag beruhigt schlafen gehen könnt im sicheren Wissen, dass es ohnehin nichts anderes gibt? Na dann gute Nacht.

Die Gegendemonstration #nolegida fand am 12. Januar 2015 in Leipzig statt. Rund 30 000 Demonstranten gingen dafür auf die Straße. Die Legida Demonstration hatte circa 4800 Teilnehmer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.