Feminismus
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Keine Kinder und glücklich.

Familie Kinder Hochzeit

Unsere Gastautorin Palina ist endemittezwanzig, kinderlos und glücklich. Sie kann damit sehr gut leben, ihre Umwelt allem Anschein nach weniger. Auch 2015 muss sie sich für die Entscheidung zur Kinderlosigkeit noch rechtfertigen. Und das geht Palina gehörig gegen den Strich.

Wieso war noch einmal das höchste Ziel einer Frau Kinder zu bekommen?

Ich werde irgendwie ständig darauf angesprochen, wann es denn endlich bei mir soweit sei. Immerhin bin ich schon über 30 und „Du hast wenigstens einen Partner.“ Äh, ja. „Was ist nur mit dir los, dass du nicht das dringende Bedürfnis empfindest, ein Kind zu bekommen?“ Scheint wie eine unsichtbare Frage bei diesen (von mir nicht angezettelten) Gesprächen über mir in der Luft zu schweben.

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Wirklich geglaubt hat mir bisher noch niemand, dass ich nicht das Bedürfnis empfinde, ein Lebewesen in die Welt zu setzen. Oder tatsächlich davon überzeugt bin, dass meine Gene nicht dazu bestimmt sind, sich weiterzuverbreiten. Manchmal würde ich sogar so weit gehen zu sagen, dass ich sie niemandem wünsche. Versteht mich nicht falsch, ich hasse Kinder nicht. Im Gegenteil. Ich finde Kinder toll, ich bin gerne Tante, ich spiele und quatsche super gerne mit Kindern. Aber das heißt eben nicht, dass ich eigene Kinder möchte.

Was könnten aber auch einleuchtende Argumente für Kinder sein? Bisher sind mir nämlich noch keine überzeugende Gründe begegnet. Warum entscheiden sich Menschen eigentlich gezielt dazu, sich zu vermehren?

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Geplante Schwangerschaften sind im Grunde genommen das egozentristischste, was überhaupt geht: Ich möchte ein Kind bekommen, weil mir danach ist. Die wenigsten zukünftigen Eltern machen sich ausgiebig Gedanken über die Auswirkungen ihres Tuns, geschweige denn, ob sie einen Beitrag für die Gesellschaft leisten möchten. Im Gegenteil, sie wünschen sich idealerweise das beste für ihr Kind, nämlich eine sichere, friedliche Welt, in der das zukünftige Lebewesen geliebt wird und sich zu einem guten Menschen entwickelt, wollen meist aber gesellschaftlich und/oder politisch nichts dafür tun. Die Anspruchshaltung an Kitas, Schulen und Freizeitbeschäftigung sind heutzutage dermassen übertrieben groß, dass eine befreundete Lehrerin mir anvertraute, dass sie ihr Telefon am Wochenende auf lautlos stellen müsse, um nicht völlig von „besorgten“ Eltern zugemüllt zu werden. Und mit diesen überbesorgten Eltern wird man unvermeidbar Kontakt  haben (müssen), wenn sich die Wege in den jeweiligen Sozialisationseinrichtungen kreuzen.

Das es tatsächlich Menschen gibt, die sich bewusst gegen Nachkommen entscheiden, scheint unmöglich zu sein. Es ist aber tatsächlich so. Es gibt sogar eine Bewegung, namens VHEMT, die sich für das Aussterben des Menschen stark macht. Ihr Leitmotto: „May we live long and die out“. Ihr Hauptargument ist, dass die Welt schon jetzt überbevölkert ist, die Biosphäre unter dem Menschen leidet und es schlicht ein weiterer Schritt in der Logik der Evolution wäre, dass der Homo sapiens ausstirbt.

Weitere jeweils individuellere, für mich gut nachvollziehbare Gründe: aus karrierebedingten Gründen, familiärer Vorbelastung und medizinischen oder psychologischen Gründen. Oder auch der nicht zu unterschätzende Grund, keinem Kind diese Welt in ihrem jetzigen Zustand zu muten zu wollen.

Der einfachste und mir am einleuchtendsten Grund gegen ein Kind: Keinen Bock. Kein Bock auf Fremdbestimmung. Kein Bock auf Mutterrolle. Kein Bock auf Schwangerschaft und allem was dazu gehört: Alle starren nur noch auf Deinen Bauch und im schlimmsten Fall kämpfst Du mit Krampfader in den Schamlippen oder Hämorrhoiden. Kein Bock auf Geburt, die im schlimmsten Fall drei Tage Horrorschmerzen bedeutet. Kein Bock auf schlaflose Nächte für zwei Jahre. Kein Bock auf Smalltalk am Klettergerüst. Kein Bock auf Gummibärchendiskussion auf dem Weg zur Kita. Kein Bock auf präpubertäres Generve, kein Bock auf Elternabende, Kein Bock auf nächtliche Anrufe von der Polizei. Kein Bock auf: „Alles easy, ich chille im Hotel Mama, bis ich 25 Jahre bin.“

Der wirklich einzige rationale Grund für ein Kind sind die krass miesen Zustände in deutschen Altenheimen. Und die Hoffnung durch treusorgende Nachfahren diesem Horror zu entkommen. Was allerdings ein krasser Trugschluss ist, der oft so nicht aufgehen wird, denn wer will schon unbezahlt einen alten Menschen 24/7 pflegen und ertragen?

Bei den meisten Frauen ist der Kinderwunsch allerdings alles andere als rational, sondern hormonell und/oder soziokulturell gesteuert. Und so lange dieses hormonelle Bedürfnis bei mir nicht auftaucht, bin ich glücklich als Nichtmutter. Selbst wenn ich oft „nett gemeinte“ Kommentare ertragen muss, die mich wohl vom Gegenteil überzeugen sollen.

Was denkt ihr? Geht ihr mit Palina d’accord oder seid ihr anderer Meinung? Habt ihr Kinder, wollt ihr Kinder – oder seid ihr kinderlos glücklich? Und glaubt ihr, dass sich diese Einstellung im Laufe eines Lebens ändert oder dass frau tatsächlich eine finale Entscheidung treffen kann?

 

3 Kommentare

  1. Annika sagt

    Liebe Palina,
    ja, du sprichst mir aus der Seele. Wie leid bin ich die Gespräche, in denen man voller Unverständnis gefragt wird, wieso man denn trotz festem Partner keine Kinder wolle – ich sei bestimmt eine tolle Mutter. Sein möchte ich aber keine. Wieso? Auch ich habe keinen Bock, dass sich mein Leben so drastisch verändert. Denn so plüschig ist das Leben mit Kind nicht, da kann man noch so vom „besten Geschenk des Lebens“ sprechen. Wie oft sprechen junge Mütter von Isolation in der ersten Zeit, immer den gleichen Gesprächen mit anderen Müttern über die Kot-Konsistenz ihres Babys oder den vielen Konzerten, an denen man nicht teilnehmen konnte. Da fallen mir noch viele weitere Situationen ein, um die ich Mütter und Väter nicht beneide. Da kommt bei mir kein Kinderwunsch auf. So wie es ist, ist das Leben meistens gar nicht schlecht. Das möchte ich mir – so hart es klingen mag – nicht nehmen lassen.

    • Palina Pinkowa sagt

      Liebe Annika,
      vielen dank für deinen Kommentar. Schön zu erfahren, dass es anderen auch so geht. Oft verstehen die Leute ja wirklich nicht, dass man keine Kinder möchte (die Gründe sowieso nicht), es wurde dem Menschen ja auch so krass seit dem Kindergartenalter in die Köpfe gehämmert: Eine Frau bekommt Kinder.
      Die Isolation von Müttern in der Anfangszeit und die krasse Rollenverteilung, die mit Kindern in fast jeder Beziehung zu Tage kommt sind tatsächlich Punkte, die oft einfach unhinterfragt hingenommen werden.

  2. Ach ja. Ich bin 39. Ich hatte lange nicht den Wunsch Kinder zu bekommen. Aber seit 2-3 Jahren war ich auf der Suche nach dem passenden Partner/Vater. Letzten Monat war ich dann mal beim Frauenarzt, weil die Regel drei Monate nicht kam und auf einmal: tja, die Eier sind all. 3% aller Frauen kommen mit unter 40 in die Wechseljahre. Wusste ich nicht. Ich dachte, ich hätte vielleicht noch 5 Jahre Zeit. Jetzt hat mir mein Körper überraschend die Entscheidung abgenommen. Einerseits irgendwie traurig. Andererseits irgendwie eine Erleichterung. Jetzt kann ich mir ungehetzt Zeit lassen, ein Gegenüber zu finden mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen will. Keinen potentiellen Erzeuger.
    Der Druck ist raus.

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