Plattenspieler, Popkultur
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Goodbye, Mr Jones

Auch Legenden müssen sterben, darauf musste man vorbereitet sein. Dabei hat er es schon verdammt gewitzt angestellt, dieser David Bowie. Bis 2013 hatte ich bei aller Verehrung nichts anderes mehr von ihm erwartet als die Nachricht über sein Ableben. Statt dessen kam ein neues Album, The Next Day. Diesmal also andersrum: Das lange erwartete Album und dann plötzlich, heftig, unerwartet die Todesnachricht.

Oh no, don’t say it’s true

Es sieht Ihnen ähnlich, Mr Jones. Trotzdem ist es nun, als käme man nach Hause und es ist niemand mehr da. Dabei bleibt ja alles, was entstanden ist in den letzten fünfeinhalb Dekaden. Nothing has changed, everything has changed. So fing das an mit Bowie und mir – Heathen, 2002: kryptische Sätze, durchgestrichene Textzeilen, geheimnisvoller Mystizismus und dieses leichtfüßige Spiel mit den Identitäten. Dank eines Bowie-Themenabends bei Arte gefolgt von der  Lektüre eines verstiegenen Aufsatzes mit dem Titel „David Bowie and the Occult“, der meine Schulenglischkenntnisse gänzlich überforderte, ereignete sich mein persönlicher popgeschichtlicher Urknall. Ich war wie besessen. Das alles konnte also Pop. Und dieser Typ, den ich bis dahin als kanariengelbe Anzüge tragenden Achtzigerjahre-Mainstreamheini aufrichtig verachtet hatte, war ein Meister im Verweben von einfach allem, was mich faszinierte: Textschnipsel von Kafka, die Posen des Punk, Kabbala und Kabuki, Sound & Vision.

She opened strange doors that we’d never close again

Mein streng azyklisches Hörverhalten führte mich von Heathen über Ziggy Stardust, zwei Drittel der Berlin-Trilogie (Lodger wird wohl ein ewiges Stiefkind bleiben) und Scary Monsters… zur  Glam- und zur Koks-Phase, über vorerst gescheiterte Annäherungsversuche an das 90er-Jahre-Œuvre zu The Next Day von da zurück in die 70er zu nicht endenden Aha-Erlebnissen bei Young Americans, um von dort aus schließlich sogar die Perlen der 80er Jahre auf Let’s Dance zu entdecken. Jedes Bowie-Album eine neue Herausforderung und als Lohn dafür: Lieder für die Ewigkeit. Modern Love hat mir 2013 förmlich das Leben gerettet, und ich habe geweint vor Glück, als im selben Jahr die deutsche Erstausstrahlung der Doku Cracked Actor von 1974 lief, die einen kokainbenebelten, vom Verfolgungswahn getriebenen Bowie  auf seinen Fahrten im 40er-Jahre-Straßenkreuzer durch die US-Wüste zeigte. Normalerweise neige ich nicht zur Sentimentalität beim Ableben von „Promis“. Aber Bowies Tod trifft mich mittelschwer.

I’m standing in the wind / but I never wave bye-bye

Denn tatsächlich, Bowie war sinn- und identitätsstiftend für mich. Seine Personas begleiteten die Wirrungen meiner Adoleszenz: Die Traurigkeit eines Thomas Jerome Newton, dem Mann der vom Himmel fiel. Die wilde Unentschlossenheit eines Halloween Jack (Not sure if you’re a boy or a girl). Die unantastbare Verlorenheit eines Thin White Duke. Und irgendwann dann die ganz eigene Entschlossenheit, alles hinter sich zu lassen und sich selbst neu zu erfinden. Ankommen und weitermachen.
Schön dass wir uns begleitet haben.

Look up here, I’m in heaven… Everybody knows me now.

Be sure they do.

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