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Filmkunstmesse Leipzig: Wie ein Elefant im Bananenladen

Mich zu fragen, ob ich gerne eine Akkreditierung für die Filmkunstmesse haben möchte, ist ungefähr so wie einen Junkie zu fragen, ob er gerne die Schlüssel zur Asservatenkammer der lokalen Polizeiwache haben möchte. Anders ausgedrückt: Die Antwort wird immer ja sein. Außer, ich liege todkrank im Krankenhaus, aber das ist zum Glück noch nie vorgekommen.

Die Filmkunstmesse war mir in all meinen Jahren in Leipzig immer ein Dorn im Augen, denn dort standen schwarz auf weiß die verheißungsvollen Titel neuer Filme im Programm – nur durfte ich die als Otto Normalverbraucherin nicht anschauen. Die Messe ist vor allem als partnerschaftlicher Austausch zwischen Kinobetreibern, Verleihern und Filmschaffenden aus dem Arthouse-Bereich zu verstehen. Und viele der dort gezeigten Vorführungen sind nur dem Fachpublikum zugänglich. Aber dieses Jahr war alles anders, denn ich  besaß eine Presseakkreditierung und schwebte am gemeinen Pöbel vorbei in die Pressevorführungen, die manchmal sogar nicht-synchronisiert waren, sozusagen Kinogold für Cineastenschweine wie mich. Natürlich hatte es mich im Vorfeld einiges an Nerven gekostet, das Kinoprogramm auf meine Arbeitszeiten, mein soziales Leben und meinen Schlafzyklus abzustimmen. Aber das alles hatte sich gelohnt, als sich Dienstagabend der Vorhand vor der Leinwand zurückschob, ich einen Schluck aus meinem Glas Rotwein nahm (statt Popcorn) und ich begeistert grinsen musste. Den abgebrühten Filmschaffenden und Journalisten um mich herum kam das bestimmt ein bisschen dämlich vor, weil für die ist das Alltag und nicht Glamour. Falls das jemand von Euch liest: Ich habe mich einfach gefreut, dazuzugehören.

Texas, Knarren und Männer

hell or high water

Dienstag habe ich auch gleich das erste meiner zwei persönlichen Höhepunkte gesehen: Hell or High Water. Lustigerweise habe ich in den letzten Wochen ziemlich viele Rezensionen und Artikel zu dem Film gelesen, die sich alle verwundert die Augen rieben, weil Chris Pine statt glattpoliertem Star Trek nun ganz verranzt (aber immer noch wunderschön. Ich fürchte diesen Mann kann wirklich nichts entstellen) einen auf Cowboy macht. Und dann Ben Foster abfeierten, der im Film seinen Bruder spielt. Der mir ehrlich gesagt davor kein Begriff war, aber manische Soziopathen kann er gut spielen. Jedenfalls dachte ich nach dem eher zufälligen Lesen, dass ich den Film nun gerne sehen würde, aber das wahrscheinlich vergessen hätte, bis er endlich in Leipzig angekommen wäre. Im Kino entdeckte ich dann, dass auch Jeff Bridges mitspielt. Irgendwie hatte ich ihn jünger in Erinnerung, seinem Coolness-Faktor tut das aber keinen Abbruch. Er spielt einen texanischen Cop kurz vor der Rente, der noch einen letzten Fall lösen will: Ein Reihe von Überfällen auf Bänken, bei denen jeweils immer nur einige tausend Dollar vom Schalter geraubt wurde. Schnell kommt er zu dem Schluss, dass die Räuber versuchen einen bestimmten Betrag zusammen zu bekommen. Er weiß das zu dem Zeitpunkt nicht, aber er hat Recht mit seiner Schlussfolgerung. Chris Pine und sein Bruder versuchen verzweifelt die Familienfarm zu retten, der Termin für die Zwangsversteigerung  steht schon. Der Neo-Western, eine Art Kammerspiel vor den endlosen Weiten der texanischen Pampa, zeichnet ein ziemlich deprimierendes Bild von Amerika. Es ist arm, es ist schäbig und Cowboys haben keinen Platz mehr darin. Der Trailer ist leider insofern scheiße, als das er einem 0815-Actionfilm vorgaukelt und dann auch noch den Soundtrack von Nick Cave vergisst!

Teutonen-Phobie und Impotenz

Mein zweiter Höhepunkt war die deutsche Komödie „Die Blumen von Gestern“. Tendenziell stehe ich deutschen Komödien sehr skeptisch gegenüber, weil Til Schweiger und Matthias Schweighöffer sie für mich ruiniert haben. Diese aber war anders – sie war nämlich gut. Irre gut. Wahnsinnig gut. So gut, dass ich im Kino vor Lachen fast Pipi gemacht habe.

blumenvongestern

In dem Film geht es um den Holocaustforscher Toto Blum, der in einer existenziellen Lebenskrise steckt: Auf Arbeit läuft es scheiße und in seiner Ehe kriselt es. Dieser Holocaustforscher wird von Lars Eidinger gespielt und Lars Eidinger gibt mir ebenfalls den Glauben an deutschen Film zurück. Er ist zynisch, er ist hilflos, er ist überfordert, er ist verknallt – kurz, er ist einer von uns. Und dann platzt auch noch eine temperamentvolle junge Französin in sein Leben, da sie ihm bei einem Projekt assistieren soll. Er ist deprimiert, sie ist jung und lebensfroh und ratet mal, was dann passiert! Und Jan Josef Liefers brilliert als eitler Fatzke, was fast niemand so gut spielen kann wie Jan Josef Liefers und deswegen hervorragend besetzt war. Das der Film nicht in Klischees und vorhersehbare Langeweile abdriftet, liegt also einerseits an dem hervorragenden Cast. Andererseits an den Dialogen und dem Drehbuch. Ich bin ja eine große Freundin von Dialogen, die nicht nur dazu dienen vollkommen offensichtliche Tatsachen zu betonen oder die Pause zwischen zwei Explosionen zu füllen. Also Hut ab, ich habe mich lange nicht mehr so bei einem Film amüsiert. Es ist genau die Art von Film, die ich drehen würde, wenn ich a) Filme drehen würde und b) wissen würde wie das eigentlich funktioniert.

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Falls Ihr also einen der beiden Filme in einem Kino Eurer Wahl entdeckt, dann nutzt die Chance. Manche Filme erlebt man schließlich am besten in einem Kino.

(Bilder:  © 2016 Coman Movie, LLC // © Edith Held / Four Minutes Filmproduktion)

2 Kommentare

  1. Mies, da erzählst du von einer deutschen Komödie, die bei mir nicht sofort eine Abwehrhaltung auslöst und dann unterschlägst du den Titel… Aber du meinst „Die Blumen von Gestern“, oder?
    Beide Filme stehen jetzt auf jeden Fall auf der „Merken“-Liste. Ich schaffe es leider viel zu selten ins Kino, aber vielleicht ja zweimal im Januar.
    Danke für die Tipps.
    LG Lexa

    • Marla Stromponsky sagt

      Oha, das ist keine Absicht – das habe ich schlichtweg vergessen. Danke für den Hinweis!

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