Beste Freunde, Geniessen, Unterwegs
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Ferientagebuch: Abenteuer in der Provinz Pt.I

Seit Mai endet jede Unterhaltung mit Mama zuverlässig mit dem Angebot, doch den elterlichen Palast in der schwäbischen Provinz zu babysitten, wenn sich meine Erzeuger in Frankreich am Strand die Sonne auf die weißen Bäuche brutzeln lassen.

Genauso zuverlässig wiegelte ich das Angebot ab, denn in meinem Alter bei den Eltern housesitten, das ist ja irgendwie total lame. Ich brummelte also was von „Nur 26 Urlaubstage im Jahr“ „Stress“ und natürlich „Hab schon Pläne“. Was dann passierte war das Leben und so fand ich mich entgegen all meiner Erwartungen an einem Samstagabend am Bahnhof in Murrhardt wieder: Los ging der 10-tägige Abenteuerurlaub „Kunterbuntes Ländle“.

Zum Glück hatte ich meine Schwester überreden können, ihre Doktorarbeit für den Zeitraum im Elternhaus zu schreiben und mir Gesellschaft zu leisten. Außerdem brauchte ich jemanden, der mich am Freitagabend vom Bahnhof abholte, denn öffentlicher Nahverkehr und Ländle, das sind zwei Wörter, die sich gar nicht mögen.

Erste Lektion: Fahr dei Roschdlaub wia a g’sengte Sau!

Meine Schwester und ich hatten direkt nach meine Ankunft (und nachdem wir eine Packung Kartoffel Smileys verputzt hatten, weil YOLO) manisch eine To-Do-Liste heruntegekritzelt, die ganz schön lang geworden war. Hatten wir davor Angst, uns zu langweilen, so hatten wir jetzt Angst, nicht genügend Zeit für all die Höhepunkte auf unserer Liste zu haben. Spoiler: Die meisten Punkte hatten mit Essen zu tun.

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TAG 1: Schwaben is(s)t jetzt indisch

First things first: Damit wir auf keinen Fall vom Fleisch fielen, war es wichtig einzukaufen. Zum Glück wimmelt es in den umliegenden größeren Dörfern von EDEKAs, einer pompöser als der andere. Da wir Bedenkzeit brauchten, um uns für den tollsten Konsumtempel zu entscheiden, fuhren wir erst einmal ins Comazo-Outlet nach Backnang.  Der Wäschehersteller von der Schwäbischen Alb bietet dort verbilligt an und als richtige Schwaben dürfen wir uns so ein Schnäppchen nicht entgehen lassen. Einen Wäschegroßeinkauf später lenke ich das Auto Richtung Unterweissach im Tal: Der Edeka dort ist dermassen Luxus, dass ein Mitarbeiter dort live Mangos schnippelt. Außerdem im Angebot: Whiskey-Tasting. Wir schaffen es total unschwäbisch einen Haufen Geld für Smoothies, Craft Beer, vegane Flapjacks und Burritto-Zutaten auszugeben und fühlen uns ein bisschen schlecht angesichts unseres Hipster-Einkaufs.

Kühlschrank Smoothies

Um das zu kompensieren, gehen wir abends auf einen Sprung beim Dorffest vorbei. Leichter Kulturschock: Das Dorffest heißt jetzt „Indisches Dorf“, es gibt frische Samosas, Pakoras und Chutneys, runtergespült wird das ganzen mit einem Gläschen Cremant. Selbstredend lauschen wir statt Blasmusik auch Sitharklängen, zu denen die örtliche Bollywood-Tanzgruppe sich angemessen verrenkt.Wer jetzt noch behauptet, dass es die Württemberger angesichts der Flüchtlingskrise den Gürtel enger schnallen müssen, der lügt.

Lektion 2: Friahr isch ällas andersch gwä

TAG 2: Natur-Idyll

Das Wort Luftkurort ist kein leeres Marketing-Versprechen: Ich schlafe wie ein Stein und quäle mich nur unter Wehklagen aus Mamas bequemen Bett. Die Betten bei airbnb sind irgendwie nie so bequem. Wir frühstücken ungefähr so ein halbes Leben und stürzen das gute Landfrauen-Brot aus dem Holzofen. Und weil Sonntag ist, drehen wir danach noch eine Runde um den Ebnisee. An dem Waldsee mit Wirtshaus ist die Zeit so ungefähr 1960 stehengeblieben, nur dass der Parkplatz inzwischen ein beliebter Treffpunkt für Familienväter in der Midlifecrisis ist, die am Sonntag der Familienhölle auf ihrem Motorrad in die Provinz entfliehen. Wir suchen uns eine idyllische Bank, essen Pommes und beobachten wie ein Angler seinem Fang den Schädel einschlägt.

Schwaben Ebnisee Spaziergang

Mühsam halten wir uns mit dem Fernsehprogramm bis 23.00 Uhr wach – Zeit Fahrdienst für meinen kleinen Bruder zu spielen. Wir gondeln, begleitet von den größten Hits der 80er und 90er Jahren, über die stockdüsteren Landstraßen und spielen „Bitte lieber Gott, lass uns kein Reh töten.“ Ich gewinne, der Autofahrer vor mir verliert: Er überfährt einen Fuchs.

Lektion 3: Hasch Du koi Karre, dann hasch Pech.

TAG 3-5: Das große Essen

Der Radio-Moderator verspricht uns aufgeregt, dass Tag 3 der letzte wunderschöne Spätsommer Tag sein wird. Bedeutet im Klartext: Frühstück auf der Terrasse mit Burritto-Reste-Essen. Ganz geil, mal Haus und Garten für sich zu haben. Da regt sich dann auch niemand auf, wenn ich wieder rumkleckere wie ein Schwein.

Der Rest verschwindet in einem Nebel aus Mahlzeiten, Fernsehen und So-tun-als-ob-ich-intensiv-an-meinem-Buch arbeite. Mahlzeitentechnisch halten wir es wie die Hobbits: Frühstück, zweites Frühstück, Imbiss, Mittagessen, Kaffeepause, Imbiss, Abendessen und Gute-Nacht-Snack. Unter anderem testeten wir die mit 10 Euro vollkommen überteuerte Pizza der Dorfpizzaria, das Take-Away Angebot des Asiaten im Nebenort, den Salzkuchen von Demeter-Bauernhof in anderem Nachbardorf, das Eis in einer verpennten Kleinstadt und den Börek in einer anderen verpennten Kleinstadt und ungefähr trölfmillionen Smoothies. Dabei mag ich Smoothies noch nicht einmal.

Lotto

Wir spielen Lotto, ich zum ersten Mal in meinem Leben. Im Jackpot sind 32 Millionen, das sind nach Abzug der Steuern vermutlich 15 Millionen für jeden. Wir bringen einen äußerst amüsanten Abend damit genau festzulegen, was wir mit dem Geld machen würde. Ganz oben auf der Wunschliste: Wohnung kaufen, Weltreise, AGA-Herd und Bahncard 100 Erste Klasse. Wer sich jetzt fragt, ob wir gewonnen haben, der soll sich mal an die eigene Nase fassen: Würde ich denn noch hier sitzen und schreiben, wenn ja?

Im Ort hat ein kalabrischer Feinkostverkauf eröffnet (ich vermute aus Gründen der Geldwäsche, denn es kann nur bar bezahlt werden) und deswegen sitzen wir abends mit Grappa auf dem Sofa und schauen Serien im Disney-Channel: Friends, Nanny, Gilmore Girls. Bis auf den Grappa ist also alles wieder wie damals, als ich noch daheim gewohnt habe.

Lektion 4: I hann an Magga wia’an Saukiebl.

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