endemittezwanzig trifft, Leipzig, Nora die rasende Reporterin, Unterwegs
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Endemittezwanzig trifft: Ulrike Bertus

Schuld sind eigentlich nur Casper und Lena Meyer-Landrut. Bei einem inoffiziellen Redaktions-Brainstorming mit Nora unterhielten wir uns gegenseitig mit Anekdoten der besten Episode der arte-Reihe „Durch die Nacht mit …„: Wo das arme Herzchen Casper sich dank der fieslichen Lena einen Platz in den Herzen des Publikums eroberte und Lena ihren Niedlichkeitsbonus vollkommen verspielte.
Im Überschwang unserer nicht mehr ganz so jugendlichen Gefühle versicherten wir uns großkotzig, ein derartiges Format genauso gut, wenn nicht sogar noch besser hinzubekommen.
Einige Wochen später. Drei Leipzigerinnen, unbeeindruckt vom feuchten Sonntagnachmittagswetter, treffen sich in der Tram Nummer 11 Richtung Schkeuditz.
Ziel: Einmal mit der längsten Tramlinie Leipzigs vom Start- zum Endpunkt durchzufahren.
Unser Gast: Die fabelhafte Ulrike Bertus, aka @isntfamous aka Die Eskapistin, Journalistin, Bloggerin und Beraterin für Soziale Kommunikation. 
Mit dabei: selbstgebackener Kuchen, Thermoskannen mit Tee und ein Kameramann.
Ausgangsstimmung: erwartungsvoll.


Die Bahn fährt an, wir sitzen da mit großen Augen wie Kinder an Heiligabend vor dem Weihnachtsbaum und versuchen unsere Umgebung aufzusaugen, um gleich die anderen mit cleveren Kommentaren zu beeindrucken. Erstaunlich viel Provinz so nah am Stadtzentrum – weite Felder, niedrige Häuser, Schnapsideen, die wir im Vorbeifahren erhaschen. Nora fasst das für uns mal zusammen: „Schneereste und pastellfarbene Häuser, mehr is nich“. Ulrike, vorbildliche Social Media Beraterin, die sie nun einmal ist, updatet erst einmal alle relevanten Kanäle: Foto für Instagram, das auf Facebook taggen und noch schnell ein, zwei Tweets.

Dann erzählt sie uns von ihren Abenteuern auf der Fashion Week. Vorrangig davon, wie sie einen anscheinend bekifften Casper getroffen hat und sich, ganz das Fangirl, mit ihm knipsen ließ. Casper lächelt wirklich sehr selig auf dem Foto und wir glauben, das lag nur an Ulrike. Außerdem traf sie Jorge – bei Ulla Popken!
Ihre Ausführungen werden unsanft unterbrochen, als uns die sanfte Stimme vom Band mitteilt, dass die nächste Haltestelle die „Hitlerstraße“ sei. Moment mal bitte, was?! Wir lachen schockiert, ganz entzückt von dem Abgrund an politisch unkorrektem Witz-Material, das sich mit einem Mal vor uns auftut. Verstecken sich die Alt-Nazis gar nicht in Südamerika? Sondern vor unserer Nase, direkt hier in Leipzig, in der (H)Pittlerstraße? Galileo sollte darüber dringend eine Reportage drehen und gleich noch das Bernsteinzimmer suchen.
Wir sind mittlerweile wieder in städtischen Gefilden, auf der schnurgeraden Georg-Schuhmann-Straße. Unter Buhrufen zieht die Agentur für Arbeit auf der linken Seite an uns vorbei, rechts der Verein für Arbeitsrecht. Sowieso immer dazwischen: Urige Kneipen mit lustigen Namen.  Und Nagelstudios, oh, so viele Nagelstudios.
Zeit für Kuchen und Tee. Ulrike kann nämlich nicht nur hervorragend schreiben, sondern auch extrem gut backen. Heute hat sie uns Karamell-Kirsch-Schoko-Kuchen mitgebracht, frisch aus dem Ofen. Ulrike, als waschechtes Nordlicht trinkt dazu Ostfriesentee. Zu meinem Bedauern redet sie viel zu selten in dieser nordischen Mundart. Kleiner Trost: „Wenn ich müde oder betrunken bin hört man das meistens“. Geistige Notiz an mich: Das nächste Mal Sekt einpacken.
Die stickige Tramluft und die Zuckerzufuhr heben die Stimmung, so dass uns nicht einmal das grölende Kleinkind vor uns etwas anhaben kann. Wir diskutieren über Beruf und Karriere: Alle drei sind wir studierte Geisteswissenschaftlerinnen und alle drei machen wir inzwischen „ein bisschen was anderes“. Ulrike hat nach dem Studium ein Zeitungs-Volontariat gemacht und dann beim Leipziger Start-Up apptalk gearbeitet, wo wir beide uns auch kennengelernt habe. Mittlerweile schreibt sie unter anderem für die deutsche Ausgabe der Huffington Post, ein Format, das im Vorfeld für hitzige Diskussionen in der Blogsphäre sorgte. Denn die Blogger werden für ihre Artikel nicht bezahlt – lohnt sich das also? Finanziell nicht, durch die hohen Zugriffraten erhöht sich der Bekanntheitsgrad allerdings erheblich. Es ist vor allem ein Investment in die Marke „Ulrike Bertus“. Und bei über 1000 Likes in 24 Stunden für einen Artikel kann sich das auszahlen. Nora und ich beteuern, dass unsere Jobs keinesfalls mit dem ungebundenen Bloggerleben mithalten können, der Wilhelm-Leuschner-Platz zieht an uns vorbei und kaum erreicht unsere Tram die Karli mit dem hässlichen neuen Burger King Ungetüm, wird das Gespräch eine Unze pikanter. Denn es geht jetzt um Männer. 

Das meiste bleibt off the record. Soviel können wir verraten: Es ist nicht einfach. Weil wir nicht niedlich und süß und irgendwie verschusselt-hilflos sein wollen, sondern stark und selbstbewusst – und irgendwie auch sexy. Beruflich wollen wir auf eigenen Beinen stehen, wir wissen schließlich wo es lang geht, aber manchmal drängt sich uns der Eindruck auf: Die Männer, die wollen viel zu oft in eine andere Richtung. Eine, die uns nicht immer gefällt. 
Die Tram biegt um die Kurve am Connewitzer Kreuz und wir, erschöpft von den ernsten Themen des Lebens, widmen uns weder Hochkultur noch Umweltschutz, sondern dem Ausgang des Dschungelcamps. Ulrike und Nora, beide gut informierte Zuschauerinnen, klären mich darüber auf, dass „diese Tittentante“ gewonnen hat. Dabei wäre doch ganz klar Larissa die bessere Gewinnerin gewesen! Während Ulrike und ich noch sinnieren, welches TV-Format diese Lücke in den Herzen Deutschlands füllen kann, weiß Nora schon die Antwort: „Schlag den Raab“. Geduldig erklärt sie uns die Regeln und warum die Sendung so großartig ist. Die Antwort ist anscheinend „extreme Überlänge und viele bescheuerte Spiele“, was nach einem TV-Format klingt, das nur mit Alkohol und vielen Freunden zu ertragen ist. Wir beschließen sofort und auf der Stelle, zu dritt Schlag den Raab zu schauen und dazu Tortillas zu essen. Mit Salsa. Und Pommes. 
Die Stimmung droht zu kippen, weil alle Hunger bekommen, aber die Leipziger Tram leider kein Essen serviert. Ich helfe leider kein Stück, indem ich von Gerichten schwärme, die ich zum Abendessen zu kochen gedenke. 
Zum Glück sind wir schon fast in Markkleeberg, die Häuser erinneren wieder mehr an Dorf als an Stadt und die Mauern sind mit gefühlvoller Poesie überzogen. Wir möchten euch diese zarten Reime nicht vorenthalten, einmal mit viel Gefühl und Romantik, das andere Beispiel geht mehr so in Richtung jung und rotzig. Wir ermahnen Ulrike vor dem Ausstieg im Feindesgebiet, sich ja nicht anmerken zu lassen, dass ihr Herz keinesfalls für Chemie Leipzig schlägt, sondern vielmehr für Newcastle United. 


Und dann ist es soweit: Wir haben die längste Tramlinie der Stadt gemeistert, unser Füße berühren den nass-grauen Asphalt der Straße in Markkleeberg und wir lassen unsere Blicke schweifen – auf der Suche nach der Haltestelle zurück. 

Vielen Dank Ulrike für diese vergnügliche Fahrt!

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