Arbeitswelt
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EMZ Traumjobs: Gastro im Herz

Nach dem fulminanten Auftakt, für den unser Artikel über das Arbeiten in einem Start-Up gesorgt hat, geht es heute mit einem weiteren Traumjob weiter. Anin hat über ihre Hassliebe zum Kellnern geschrieben und zieht mit diesem Artikel den Hut vor allen Kellnerinnen, Baristas und Kneipenmenschen da draußen.

Hi Freaks,

mich hat es nach Berlin verschlagen. Mein geliebtes Leipzig, mein geliebtes Zeitz habe ich zurückgelassen, um in der Hauptstadt einen Job anzunehmen, von dem ich mir erhoffe, dass er mir dauerhaft Freude bereitet. Oder wenigstens dauerhafter als alle andere Jobs, die ich bisher so hatte.

Alle anderen?
Nicht ganz, es gibt ein kleines, ich möchte fast sagen gallisches Job-Dorf, das sich bisher gegen alle Ermüdungserscheinungen gewehrt hat.

Bis vor ein paar Monaten habe ich in dem, meiner Meinung nach, besten Café der Welt gearbeitet. (Big shout-out to Ralf!) Es lag am Ende einer langen Kellner-Reise durch die Gastronomie, die mich durch große, kleine, billige, teure, schicke und schäbige Kneipen, Spelunken, Restaurants, Bars und Cafés geführt hat. So anstrengend diese Reise stellenweise war, so spannend war sie auch immer. Und so erfahrungsreich, dass ich mich wohl zukünftig easy auf eine „Senior“-Stelle bewerben könnte, gäbe es in der Gastro diese merkwürdigen Stellenbezeichnungen.

Voll Yeah im besten Café der Welt / Foto: Ralf Hauenschild

Voll Yeah im besten Café der Welt / Foto: Ralf Hauenschild

Wieso entscheide ich mich dann nicht für ein Leben als Kellnerin, Barista oder Thekenfachfrau?
Warum packe ich meine Gastrokenntnisse trotzdem in keinen Lebenslauf, obwohl mir die Arbeit Spaß macht und ich weiß, dass ich gut darin bin? Ja, ich bin eine gute Kellnerin. Und ich sage nicht oft, dass ich etwas gut kann.
Es ist verrückt: Ich habe nie wirklich in Betracht gezogen meine Gastro-Jobs zu etwas Ernsthaftem auszubauen. Dabei waren es die Jobs, bei denen ich immer gerne aufgeschlagen, für die ich gerne früh aufgestanden oder spät nach Hause gekommen bin.

Woran liegt das

Berufe in der Gastronomie (jetzt mal abgesehen von Sterneköchen und Star-Barkeepern) haben ein Imageproblem und genießen quasi kein Ansehen. Frei nach dem Motto: „Wer nichts wird, wird Wirt. Und wer nicht Wirt wird, wird Kellner.“
Dabei weiß jeder, der schon mal in der Gastro gearbeitet hat, dass Wirte oder Kneipen- oder Cafébesitzer neben Herz und Leidenschaft vor allem eine Menge Hirn und Einsatzbereitschaft brauchen. Hinter den Kneipen, die gut laufen, stecken Menschen mit einem Gespür für die Bedürfnisse der Menschen, mit einem Konzept und mit dem Mut, ein Konzept flexibel und nicht als starres Manifest zu betrachten.

So sieht Kaffee aus, schalalala

So sieht Kaffee aus, schalalala

In die Gastro zieht es diejenigen, die es in unserer komplett digitalisierten Arbeitswelt hinter den Computerbildschirmen nicht mehr aushalten, die direkten Kontakt zu echten Menschen brauchen, die Bock haben zu unmöglichen Arbeitszeiten viel zu arbeiten für wenig Geld, die meinen, sich dem Ärger, aber auch den Freuden der Gäste ungefiltert aussetzen zu wollen und die dabei immer ein Lächeln oder einen flotten Spruch auf den Lippen haben.
In die Gastro zieht es weltoffene, interessierte und mutige Menschen.
Und ich fürchte, ich bin einfach nicht mutig genug.

Deshalb sage ich:
Wer nichts wird, schreibt SEO-Texte und plädiere für mehr Ansehen für Gastronomieberufe!

Apropos SEO-Texte:

Manchmal muss man sich einer fremden Sprache bedienen, um Dinge verständlich zu machen. Ich habe deshalb mal versucht, eine Kellner-Stellenanzeige im StartUp-Slang zu formulieren und -voila- auf einmal liest sich das ganze doch ziemlich anspruchsvoll:

Wir sind ein aufstrebendes Lifestyle Start-Up, dass sich auf die Bereiche Come Together und Socialising spezialisiert hat.
Zur Verstärkung unseres jungen, dynamischen Teams suchen wir begeisterungsfähige und positive Mädels und Jungs, die Spaß am Umgang mit Menschen haben.

Das solltest du mitbringen:
– Serviceorientiertes Denken und ein Gespür für die Wünsche der Kunden
– Erfahrung im Bereich Sales und Marketing
– positive Ausstrahlung und ein freundliches Gemüt
– Perfekte Deutsch- und Englischkenntnisse
– Schlagfertigkeit
– Flexibilität bei der Gestaltung der Arbeitszeiten
– Belastbarkeit und ein dickes Fell: Manchen Kunden kann man es nicht recht machen.
– Stressresistenz
– Teamplayer, Einzelkämpfer gehen bei uns unter.

Das bieten wir:
– Freigetränke
– Bezahlung über dem Mindestlohn (hängt natürlich von Deiner Leistung ab)
– Arbeitsplatz am Puls der Stadt und Zeit
– Lustiges Team
– Extrem flexible Arbeitszeiten
– Raucherpausen (manchmal)

Über all diesem Jubel auf meine Gastronomiejobs ist mir trotzdem klar, dass ich einen verklärten Blick auf den Beruf habe. Das schöne, der befreiende Moment bei all meinen Erfahrungen war ja auch immer, dass es unverbindlich blieb. Wenig Verantwortung, wenig Verpflichtungen, immer auf ein temporäres Arbeitsverhältnis angelegt. Der Aspekt der Sinnhaftigkeit einer Arbeit fällt dabei nicht so schwer ins Gewicht, deswegen lässt es sich damit auch leichter leben. Glaube ich.
Trotzdem habe ich in der Gastronomie mit tollen, interessanten und auch ehrgeizigen Menschen zusammengearbeitet. Ich habe gelernt was Teamarbeit wirklich bedeutet und mit Stress umzugehen. Wer mal in 60 Minuten 60 Cappuccini zubereitet hat, der ist für jede noch so hektische Situation in einem Büro gewappnet.

Was ich mit knapp 800 Wörtern also eigentlich sagen möchte: Ich ziehe meinen Hut vor Euch Kellner_innen, Baristas, Kneipiers, Gastronom_innen. Ihr seid meine Helden der Arbeit.

4 Kommentare

  1. A. Stromponski sagt

    Gigantisch, ich stimme jedem Wort und jeder Buchstabe dieses Artikels zu.
    5 % meiner Träume gelten immer noch dem eignen Cafe.
    Agnieszka Stromponsky

  2. Recht hast du. Ich baue meine Gastro-Erfahrung zwar auch nicht in die Bewerbung/den Lebenslauf ein, jedoch weise ich in Bewerbungsgesprächen sehr wohl darauf hin. Ich unterfüttere bestimmte Kompetenzen (Belastbarkeit, Kundenorientierung, etc.) z.B. damit, dass ich während des Studiums immer nebenbei gearbeitet habe, zum Teil eben in der Gastro. Das kommt aus meiner Erfahrung sehr gut an. Ewig möchte ich das auch nicht machen, aus besagten Stress-Gründen, aber ich finde trotzdem: Gastro rockt und macht stark! 🙂
    LG Christina

    • Anin Erf sagt

      Ich habe selbst in Gesprächen nie explizit auf meine Gastroarbeit hingewiesen, was aber meistens eher am Verlauf der Gespräche lag. Mir kam in solchen Situationen immer eher die Sicherheit im Umgang mit fremden Menschen zugute, die man in der Gastro lernt. Denke ich zumindest. 🙂

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