Arbeitswelt, Digitales Leben
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Des Kaisers neue Kleider oder die Mär von der Disruption

bowlinghalle wilhelm leuschner

Das Wort, das ich neben Diät, Tomate und Kreide am allermeisten auf dieser Welt hasse lautet Disruption. Ich lese es ständig, es schallert mir sozusagen von den Hauswänden entgegen. All die coolen Start-Ups , die innovativen Gründer, die hippen digitalen Propheten, sie disrupten den Markt so hart, dass der Nachhall dieser Disruption Wellen bis zum Mars schlägt. Mindestens. Vermutlich sind die Schallwellen noch Galaxien weiter spürbar.

Disruption, so nennt man den Vorgang, bei dem ein neuer innovativer Prozess traditionelle Geschäftsmodelle, Technologien, Produkte oder Märkte verdrängt. Statt diese lediglich weiterzuentwickeln, werden sie abrupt zerschlagen und durch die disrupte Innovation des geballten revolutionären Gründertums umstrukturiert. Wie zum Beispiel das Rad – diese Erfindung hat das Transportwesen auf eine bis dahin ungeahnte Weise disruptet und vollkommen auf den Kopf gestellt. Oder nehmen wir den Buchdruck, das hat den traditionellen Herstellungsprozess von Büchern (ein Haufen Mönchen kopieren händisch von früh bis spät bestehende Bücher) ziemlich umgekrempelt. Beispiele aus neuerer Zeit sind die Erfindung des mobilen Kraftwagens (umgangssprachlich auch Auto genannt), der Glühbirne, Atomstrom und natürlich everybody’s darling, das Internet. Was nun interessant ist: Von diesen Dingen ist nie die Rede, wenn in einem Artikel in den letzten fünf Jahren die Rede von Disruption ist. Stattdessen geht es immer um Apps. Apps mit denen ich mir ein Taxi bestellen kann. Apps, mit denen ich Essen bestellen kann. Apps, mit denen ich mir eine Putzfrau bestellen kann. Apps, mit denen ich eine Reise buchen kann. Apps, mit denen ich einen Haufen Nachrichten 24/7 an alle meine Freunde senden kann.

Apps machen die Welt nicht zu einem besseren Ort

Nun verhält es sich, dass Otto Normalbürger (also moi) natürlich dann und wann eine Reise bucht. Oder ab und zu verkatert Essen bestellt, definitiv sehr oft Nachrichten an Freunde sendet, eher nie eine Putzfrau bestellt und im Ausnahmefall auch einmal einTaxi. Dann benutze ich vielleicht sogar eine App dafür und möglicherweise ist sie ganz praktisch, weil ich zwei Knöpfe weniger drücken muss als im traditionellen Prozess. Von Disruption zu sprechen halte ich allerdings für eine gigantische Übertreibung. Diese Apps machen die Welt nicht zu einem besseren Ort (das Heilsversprechen der digitalen Disruption-Industrie made in Silicon Valley). Ich kann ganz gut in einer Welt ohne airbnb, Uber, Foodora oder Tinder leben. Im Notfall muss ich eben im Restaurant anrufen und mein Essen dort bestellen. Oder in eine Bar gehen, um dort jemanden aufzureißen.

Arm vs. Reich

Diese Apps machen die Welt nicht besser, sie machen die Welt höchstens ein kleines Stück komfortabler. Und während das Rad, der Buchdruck, die Glühbirne oder das Internet die Welt für alle verändert haben, machen die neuen Disruptoren die Welt nur für eine Zielgruppe besser: Sich selbst. In der Mehrzahl der Fälle werden die Apps von einem Haufen überbezahlter Entwickler und BWLer in Palo Alto entwickelt, die vor lauter Arbeit nicht dazu kommen zu kochen, zu putzen oder Auto zu fahren. Sie verfügen aber genügend Einkommen, um andere dafür zu bezahlen das für sie zu tun. Die angebliche „disruptive“ Revolution führt also nur zu einer Verschärfung der Schere zwischen Arm und Reich: Diejenigen, die es sich leisten können andere für Dienstleistungen zu bezahlen und damit lediglich die Blase verkleinern, in der sie leben. Und die armen Schweine, denen nichts anderes übrigbleibt als in einem pinken Fahradtrikot für einen mageren Stundenlohn Essen auszufahren.

Statt Apps zu entwickeln, in denen lediglich die Organisation eines Prozesses anders angegangen wird, wäre es hochgradig disruptiv und innovativ die riesigen Plastikmüllberge im Ozean umweltfreundlich zu vernichten. Oder Treibstoff zu erfinden, mit dem wir unsere Benzinschleudern auch ohne Öl befeuern können. Und diesmal bitte ohne die Umwelt zu ruinieren. Toll fände ich auch eine Disruption, die dafür sorgt, dass ich meinen Laptop oder  mein Smartphone kabellos aufladen kann. Die überall in der Wohnung verteilten Ladekabel sind doch Todesfallen – da hilft mir keine App, die Dinger müssen einfach verschwinden. Das nenne ich dann wirklich eine radikale Umstrukturierung der momentanen Gegebenheiten.

Falls sich nun jemand von Euch inspiriert fühlt, kabellolse Ladekabel zu erfinden, denkt bitte immer daran, wer diese großartige Idee in Euren Kopf gepflanzt hat.

3 Kommentare

  1. Ich stimme dir absolut zu. Die meisten diese ach so tollen Apps nutze ich ehrlich gesagt gar nicht. Aber du sprichst damit ein generelles Problem an: dem Konsumenten wird ständig suggeriert, dass er irgendwas unbedingt braucht, weil er sonst todunglücklich wird.

    Deine Ideen, was dringender mal erfunden werden sollte, finde ich auch prima. Gerade die Todesfalle Ladekabel würde ich auch gern entschärfen (gerade bei kleinen Kindern echt nicht zu unterschätzen). Gut wären auch noch Verpackungen, die funktional, zu 100% aus nachwachsenden Rohstoffen und recyclebar sind.

    LG Michaela

    • Marla Stromponsky sagt

      Ohja, im Bereich Verpackungen ist ja seit der Erfindung des Plastiks nichts disruptives mehr passiert, da wird es mal Zeit für eine Innovation!

  2. Pingback: Linkliebe № 4 - LexasLeben

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