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Der Soundtrack meines Lebens: Nora

Zum Abschluss meiner kleinen Blogparade stellt euch meine Mit-Bloggerin Nora den Soundtrack zu ihrem Leben vor. Lest euch unbedingt ihre Anektdoten dazu durch, das ist großes lyrisches Kino über Seemänner, Liebe und Urbanität. Danke, Nora.

Soundtrack

Rainbirds – Blue Print
Große Teile meiner Kindheit und Jugend verbrachte ich in Lauerstellung vor dem Radio und mit dem Mitschneiden von Songs, in die am Anfang der Moderator reinquatschte und am Ende die Falschfahrermeldung dazwischenfunkte. Die Kassetten hörte ich im Walkman hoch und runter, und so brannten sich die größten Hits der 70er, 80er und 90er unauslöschlich in mein Popbewusstsein. „Blueprint“ ist songgewordene Erinnerung an diese Zeit und bis heute eines meiner Lieblingslieder ever, ever, EVER. Wer mich im Karaoke herausfordern will, bitte mit diesem Lied.

Bad Religion – Punk Rock Song
Eigentlich wollte ich auch gern Punk sein mit 14 und nach Berlin abhauen. Nur traute ich mich nicht. Statt dessen hörte ich brav die Ärzte und hielt mich darüber hinaus bedeckt. Immerhin hatten wir Viva, und mein Herz schlug jedes mal zwei Takte schneller und mein Finger drückte die Aufnahmetaste des Videorekorders, wenn auch nur das Wort „Punk“ erwähnt wurde. „Punk Rock Song“ wurde meine heimliche Hymne für alles was hätte sein können. Und taugte Jahre später als hervorragender Soundtrack um mir beim nächtlichen ausgelassenen Tanz durch die Wohnung den Fuß zu brechen. 

Type O Negative – Black No1
Die Zeit, in der ich mich entschied, nur noch schwarz zu tragen. Zumindest obenrum, denn auf die Blue Jeans mit Schlag wollte ich nach wie vor nicht verzichten. „Bloody Kisses“ von Type O Negative lief im Auto der ersten Liebelei hoch und runter, während wir über die Dörfer und Kleinstädte gurkten. Die Liebelei war alsbald abgehakt, dafür der Weg geebnet für (ehemals) langhaarige Poserjungens, die sowas-wie-Metal machten und mich durch meine pubertäre Hochphase begleiteten.

Pearl Jam – Smile
Einmal im Leben muss man in einen Seemann verliebt sein. Ich war 17, schipperte mit Klassenkameraden über die Nordsee und war leicht zu beeindrucken von barfüßigen, kettenrauchenden Lebenskünstlern mit Gitarre. Der Matrose meiner Träume klampfte Lieder von Nirvana, starrte versonnen ins Nichts und um mich war es geschehen. Bei Wind und Wetter saß ich fortan auf Deck, hörte Pearl Jam auf meinem Discman und versuchte durch passive Tiefsinnigkeit attraktiv zu wirken. Das Drama meiner noch Wochen andauernden Trauerphase ließ mich zeitweise expressionistische Lyrik verfassen und nach Jahren der Unberührtheit auch meine eigene Gitarre wieder malträtieren.

Phantom/Ghost – St. Lawrence
Zum ersten Mal zu Hause in der neuen Stadt, vielleicht auch nur für diesen Augenblick glasklarer Schönheit. Das eigene kleine Leben, die richtigen Menschen, die richtige Jahreszeit, die richtige Musik auf dem Nachhauseweg in die Hochhaussiedlung. Ein Novembertag wie gemalt, an dem die Atemwölkchen schwerelos in der Luft herumwabern und kurz die Zeit stehen bleibt, nur um sich Sekunden später fast an sich selbst zu Tode zu erschrecken. Ich weiß noch heute genau die Tramlinie, die Kreuzung, den Einfallswinkel des Lichts, die Art, wie alles kurz stillstand, als es passierte, dass mich St.Lawrence in Minute 2:25 mitten ins Herz traf mit seiner spröden Zerbrechlichkeit.

Interpol – Slow Hands
Allgemeine Orientierungslosigkeit mit haltgebenden Fixpunkten: durchtanzte Nächte. Was immer mich da erwarten mochte an der Uni und – gar nicht auszudenken! – darüber hinaus: Ich war beeindruckend unvorbereitet und ohne jeglichen Plan. Dafür entdeckte ich jede Woche drei neue Lieblingsbands, erkannte jeden Song in der Indie-Disco schon nach zweieinhalb Sekunden und wäre ein hervorragender Musikblogger zum Thema „Der neueste heiße Scheiß“ gewesen. Interpol entdeckte ich nachts halb drei beim Tanzen, merkte mir Melodie- und Textfetzen von dem, was sich später als „Slow Hands“ herausstellte und fühlte mich einmal mehr unendlich erhaben.

Diamond Rings – Wait & See
Jahre später, immer noch kein Plan. Der Lauf der Dinge hatte mich zwischenzeitlich nach Berlin verschlagen, jedoch ohne jegliche Passion für Land und Leute. Dafür mit einem immer offensichtlicher werdenden Hang zum Skurrilen. Man hörte jetzt auch immer öfter von diesen Hipstern, und irgendwie passte das alles bestens zusammen. Ich kaufte mir ein Smartphone, machte bedeutungsvolle Fotos von meinen Schuhen und klickte mich durch den Pitchfork-Blog. Irgendwelche atmosphärischen Störungen sorgten dafür, dass beim herrlich bekloppten Videoclip zu „Wait & See“ immer wieder die Internet-Verbindung abbrach. Wie bedeutungsvoll, wie programmatisch! Ein Juwel meiner persönlichen postmodernen Existenzialismusphase.

Morrissey – Trouble Loves Me
Zeit für Dramen war ohnehin ständig. Und was wären wir alle ohne Selbstmitleid? Die Verfertigung meiner Abschlussarbeit winkte bedrohlich am Horizont und ich entschied mich, erst mal spazieren zu gehen und in Ruhe meine Befindlichkeit zu analysieren. Überhaupt hielt mich ja ständig irgendetwas ab von der Vollendung meiner universitären Karriere: unwürdiger Broterwerb, zwischenmenschliches Unverständnis, hach, und all die Angst! Schöner scheitern mit Morrissey, dachte ich mir, als ich zwei Monate vor Abgabetermin endlich anfing zu schreiben, über den Godfather des Selbstmitleids himself wohlgemerkt, und schließlich alle inneren und äußeren Dämonen unerwartet glorreich besiegte.

Tom Petty – I Won’t Back Down
Schluss mit Schiss! Zum ersten Mal im Leben organisierte ich mir ein Fluchtfahrzeug. Um endlich, endlich nach Hause zu fahren. Weg aus dieser schwierigen Stadt voller Poser und Halbmenschen, mit denen ich viel zu viel Zeit verschwendet hatte. Ab jetzt ist alles meins, sagte ich mir, während ich Schuhe, Bücher und Zimmerpflanzen auf den Rücksitz eines Kleinwagens packte und mir auf der zweistündigen Fahrt zurück zu mir die Seele und jeglichen Zweifel aus dem Leib redete darüber, wie es wohl sein würde, ein eigenes Leben zu haben. Von da ab gab’s kein Zurück mehr. Die beste Entscheidung jemals.

David Bowie – Modern Love
Ich bin aufgewacht und habe dieses Lied gehört.
Ich bin 29 Jahre alt. Ich bin endlich aufgewacht. Ich habe dieses Lied gehört.
Ich bin aufgewacht in meinem Bett in meinen eigenen vier Wänden in meinem eigenen Leben, erstmals unter Eigenregie.
Ich war fortan manchmal plötzlich glücklich und habe immer wieder dieses Lied gehört.

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