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Der Sommer, in dem ich lernte freihändig Fahrrad zu fahren.

Fahrrad fahren

Ich konnte nie freihändig Fahrrad fahren.

Nicht mit Stützrädern, erst recht nicht ohne Stützräder und vor allem nicht um andere zu beeindrucken. Heimlich wünschte ich mir, die Art von Mädchen zu sein, die freihändig auf ihrem Rennrad durch die Sommerbrise flitzte, das blonde Haare vom Wind zerzaust. Und vom Fünf-Meter-Brett im Freibad springt.

Leider war ich das Mädchen, das den Lenker verbissen mit beiden Händen umklammerte und dauerbremste. Um das Fünf-Meter-Brett im Freibad machte ich einen großen Bogen. Und meine Haare waren bestenfalls straßenköterblond. Ich war dieses Mädchen für eine lange Zeit. Und dann kam dieser eine magische Sommer.

In dem ich beschloss freihändig Fahrrad fahren zu lernen, weil why not? Wenn das Leben mir Hindernisse in den Weg schmiss, dann konnte ich sie wenigstens freihändig umfahren. Dachte ich mir. Und ließ den Lenker los.

Am Anfang ließ ich den Lenker für fünf Sekunden los, die Hände schwebten einige Zentimeter darüber, während ich panisch dachte „Das ist nicht besonders stabil!“. Es dauert lange, bis ich den Lenker länger als fünf Sekunden losließ. Und dann auch nur für einige Sekunden mehr. Irgendwann schwebten meine Hände allerdings nicht mehr einige Zentimeter über dem Lenker. Ich streckte sie seitlich aus, wie eine Tänzerin auf dem Drahtseil. Und fühlte es sich nicht auch ein wenig an wie ein Akt auf dem Drahtseil?

Dann passierte lange Zeit nichts. Außer das ich merkte, dass es mir nach ein oder zwei Gläsern Wein leichter fiel. Ich nahm einfach die Hände vom Lenkrad, setzte mich zurück und fuhr durch die dunkle Stadt wie eine Königin durch ihr Reich. Mir wurde dann schnell klar, dass freihändig Fahrrad fahren nichts mit Können zu tun hat. Sondern Kopfsache ist. Und dann machte etwas klick und ich überlegte mir, dass das Leben mir vielleicht gar keine Hindernisse in den Weg schmiss, sondern ich das schon selbst besorgte. Und es womöglich ganz wie beim Fahrradfahren war: Manchmal durfte ich einfach nicht nachdenken und musste den Lenker loslassen während ich stetig weiter in die Pedalen trat.

Seitdem klappt das mit dem freihändig fahren super. Denn ich weiß ja jetzt, dass ich es kann. Wer denkt, dass die Moral der Geschichte ist, dass ich seitdem gar nicht mehr freihändig Fahrrad fahren will, der hat sich geschnitten. Ehrlich gesagt nutze ich jede Möglichkeit, um freihändig Fahrrad zu fahren und die Arme im Wind auszustrecken.

Wie das Mädchen, das ich immer sein wollte.

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