Nachhaltigkeit
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Aus Liebe zur Landwirtschaft

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(Disclaimer: Dieser Artikel entstand auf Grundlage des Besuchs der Food Truck Tour des WWF in Leipzig. Der WWF hatte mich und andere Blogger zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. Ich habe kein Geld für die Veröffentlichung des Artikels bekommen (allerdings ein köstliches Sandwich) und die geschriebene Meinung spiegelt meine wieder.)

Die Tatsache, dass wir heute im Supermarkt vor einer schier unübersichtlichen Masse an Produkten stehen, unser Essen also nicht wie der letzte Steinzeitdepp täglich mühsam in der Wildnis zusammenklauben müssen, verdanken wir einem genialen Einfall unser Vorfahren. Einige tausend Jahre lang waren sie nimmermüde Nomaden, immer auf der Suche nach Nahrung. Bis ein uns bekannter Vorfahr einen schlauen Einfall hatte: Statt dem Essen nach zuwandern, wäre es womöglich praktischer, dass Essen ganzjährig um sich zu haben. Damit begannen wir Menschen sesshaft zu werden und Landwirtschaft zu betreiben. Pflanzen und Tiere wurden jetzt kultiviert statt mühsam erjagt.

Düstere Zeiten für Landwirtschaft

Aus den bescheidenen Bauernhöfen unserer Vorfahren, die zur Bewirtschaftung des Ackers nur Muskelkraft und ein bis zwei Pferdestärken zur Verfügung hatten, ist inzwischen ein milliardenschweres Business geworden. Agrarwirtschaft hat nichts mit den romantischen Bildern zu tun, das uns Verbrauchern in Werbespots vorgegaukelt wird. Selbst die Paleo-Diät, umgangssprachlich übersetzt „Friss wie in der Steinzeit“, hat mit Steinzeit ungefähr so viel zu tun wie mein Fahrrad mit einem Porsche. Landwirtschaft ist allerdings auch ein Thema, mit dem wir modernen Menschen in unserer zunehmend urbanisierte Gesellschaft wenig in Berührung kommen.

Dabei ist die Agrarwirtschaft das Rückgrat unserer Nahrungsversorung – eine App mag uns essen liefern lassen, die Zutaten dafür müssen weiterhin ganz altmodisch auf dem Acker angebaut werden. Da wir nun inzwischen aber ein paar Millionen Menschen mehr auf der Welt sind, als zur Zeiten unserer Vorfahren, haben wir landwirtschaftliche Prozesse für bessere Ergebnisse immer weiter optimiert. Doch mehr Dünger, genetisch verändertes Saatgut und vollautomatisierte Produktionsstätten haben den Nachteil, dass sie unserer Umwelt eine Vielzahl von Problemen bescheren. In Leipzig und Umgebung haben wir beispielsweise große Probleme mit Nirtrit und Pflanzenschutzmitteln in Böden und Grundwasser. Das bedeutet im Klartext: überschüssige Nährstoffe aus Tierhaltung und Ackerbau gelangen ins Grundwasser. Werden die Werte zu hoch, führt das zur Versauerung der Böden und Überdüngung der Böden. Das wiederum hat schlimme Folgen für die biologische Vielfalt. Da Sachsen das drittgrößte Obstbauangebiet in Deutschland beheimatet, auf dem rund 100.000 Tonnen Obst pro Jahr reduziert werden, ist das ein Problem, das uns alle angeht. Denn wer möchte schon in einen saftigen Apfel oder eine süße Erdbeere beißen und dabei an Nitratbelastungen denken? Immerhin wurden zwischen 2009 und 2014 118 Überschreitungen von Grenzwerten bei Pflanzenschutzmitteln in sächsischen Gewässern registriert.

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Tschüss Diversität

Ebenfalls ein großes Problem nicht nur in Sachsen: der kontinuierliche Rückgang der Artenvielfalt. Viele Tier- und Pflanzenarten, die auf landwirtschaftlichen genutzten Flächen zu Hause sind, werden immer weniger oder sind bereits akut vom Aussterben bedroht. Dazu zählen zum Beispiel der Feldhase, der Feldhamster und Kiebitze sind sogar vom Aussterben bedroht. Typische Ackerwildkräuter wie Kornrade oder Lämmersalat kommen in Sachsen nur noch selten vor. Nun könnte man denken: Ich bin meinen Lebtag sehr gut ohne die Kornrade ausgekommen, was betrifft mich deren Rückgang? Das Problem ist leider komplexer als dieser simple Gedankengang. Wie bereits beim überdüngten Boden ist auch der massive Artenrückgang eine direkte Konsequenz der intensivierten Landwirtschaft. Setzen die Landwirte verstärkt auf Pestizide, um Ackerwildkräuter zu bekämpfen, führt das leider dazu, dass nicht nur Ackerwildkräuter sondern auch seine Konsumenten wie z.B. Vögel und Insekten verschwinden. Und auch der Wandel der Ackerbewirtschaftungsverfahren hat Folgen für die Ackerbewohner: Dadurch, dass beispielsweise Erntereste heutzutage direkt in den Boden eingearbeitet werden (während sie früher als appetitliches Buffet auf dem Acker lagen), geht eine wichtige Nahrungsquelle für den Feldhamster verloren.

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Aus Liebe zum Essen

Wir betreiben wir also große Anstrengungen, damit wir genügend Essen im Supermarkt und somit auf unserem Tisch finden. Leider schießen wir dabei etwas über das Ziel heraus. Denn alleine in Leipzigs Einwohner produzieren 50.442 Tonnen Lebensmittelverlust im Jahr. Größtenteils perfekt genießbares Essen wandert in den Müll. Und das, nachdem wir uns so viel Mühe bei der Produktion gegeben haben, Gewässer vergiftet, Böden übersäuert, Tiere getötet. Und machen dabei unser Problem zu dem der ganzen Welt, denn unsere Nachfrage nach Fleisch und anderen Produkten ist so hoch, dass wir auch Regionen im Ausland als landwirtschaftliche Fläche beanspruchen. Das Soja für die Nutztierfütterung kommt zum Beispiel aus Brasilien, Argentinien oder Paraguay, dort werden dafür wiederum unersetzliche Lebensräume wie Regenwald oder Savannen vernichtet. Irgenwie uncool. Das vielleicht größte Problem ist Palmöl, dessen Konsum unmöglich zu vermeiden ist: Es befindet sich in tausenden Produkten, die wir im Alltag benutzen, zum Beispiel Waschmittel, Kosmetika oder Fertigpizza. Die Anbauflächen (alleine wir Leipziger beanspruchen umgerechnet ca. 1200 Hektar) befinden sich teilweise in Regionen in Asien, die als letzte Rückzugsgebiete von Orang-Utans dienen.

Ernährungspyramide WWF

Einfach umdenken

Als Verbrauchen haben wir nicht die Macht, dieses Geflecht von Abhängigkeiten von heute auf morgen zu beenden. Aber wir können kleine Schritte unternehmen, um weniger Lebensmittel zu verschwenden und uns nachhaltiger zu ernähren. Auf diese Weise können wir einen Teil der momentan für Ernährung beanspruchte Flächen reduzieren und auf diese Weise endliche Ressourcen, Artenvielfalt und Lebensräume schützen. Das bedeutet im Klartext: Lebensmittel überlegt lagern, im Kühlschrank gezielt danach schauen, was zuerst gegessen werden muss, Reste verwerten (zum Beispiel in einer bunten Nudel- oder Reispfanne), nach Möglichkeit nachhaltig und verpackungsfrei einkaufen. Das bedeutet: Lieber weniger Gemüse kaufen und dafür im Biomarkt oder auf dem Wochenmarkt von lokalen Bauern. Darüber nachdenken den Fleischkonsum zu reduzieren und auch hier: Bitte kein Billigfleisch aus dem Supermarkt. Der WWF hat eine Ernähungspyramide gebastelt, die abwechslungsreiche Ernährung mit den ökologischen Grenzen der Erde vereinbart. Mehr Informationen und Tipps zur nachhaltigen Ernährung mit leckeren Rezepten könnt Ihr hier finden. Den Regionalbericht des WWF zu Ernährung und Landwirtschaft gibt es hier.

2 Kommentare

  1. Toller Beitrag! Kennst du den Film „Tomorrow“? Dort geht es unter anderem auch darum, wie wir zukünftig unsere Nahrung anbauen. Ein großes Thema ist da z.B. auch Urban Gardening, d.h. dass wir in unseren Städten auch selbst viel mehr anbauen müssten.

    Was wir auch toll finden, ist der Good Food Market in unserer Nähe. Dort werden Lebensmittel angeboten, die bereits das MHD überschritten haben oder die nicht der Norm entsprechen (krumme Gurken z.B.). Bezahlen kann man, was es einem wert ist. Ein tolles Konzept, wie wir finden, um der Lebensmittelverschwendung entgegen zu wirken.

    LG Michaela

    • Marla Stromponsky sagt

      Hallo Michaela,

      den Film kenne ich noch nicht, vielen Dank für den Tipp. Das Konzept des Good Food Market finde ich super!

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