Kino, Popkultur
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Aus dem Archiv: Wenn mein Leben …. eine romantische Komödie wäre.

Frühling, Kirschblüten, Frühlingsgefühle – love is in the air! Deswegen gibt es heute einen Beitrag aus dem Archiv, den ich bereits letztes Jahr im Mai veröffentlich habe. Aber wir alle wissen, gute Rom Coms reifen wie feiner Wein und werden mit jedem Anschauen besser. Denn obwohl wir wissen, was passiert, fiebern wir dem kitschigen Happy End unterm Regenbogen entgegen.

Dann wüsste ich was passieren wird. Da romantische Komödien nach Hollywood DIN-Norm einem streng regulierten Aufbau folgen, muss ich zunächst an meinen Tiefpunkt kommen. Ein gute Anfang ist meine erfolglose Jobsuche und dass ich unverheiratet bin (Hollywood ist extrem fixiert darauf, dass „unverheiratet“ ein Makel ist) und zudem in einer WG wohne. Mit Katzen. Man kann die Depression förmlich riechen. Ich träume von einem Job als Journalistin, arbeite aber als unbezahlte Praktikantin.

Aber schlimmer geht immer, deswegen wird mich meine Mitbewohnerin an die Luft setzen, weil ich meine Miete nicht mehr bezahlen kann. Bereits am nächsten Tag zieht ihr neuer Freund ein. Und weil das Jobcenter Leipzig einen ganz besonders großen Stein mir im Brett hat, würden sie mir am gleichen Tag ein Ultimatium stellen: Entweder fange ich umgehend in einem Sackgassen-Job in einem ranzigen Call-Center für sechs Euro die Stunde an oder mein ALG-II wird eingestellt. Da ich noch an so etwas wie Prinzipien und Gut/Böse in dieser Welt glaube und darüberhinaus vollkommen ungeeignet als Call-Center-Mitarbeiterin bin, weigere ich. Die Quittung: Ich muss mit gesenktem Haupt wieder bei meinen Eltern einziehen.
Wohlgemerkt, das ist ein Film nach Hollywood DIN-Norm. Ich ziehe also zurück in das idyllische Örtchen, in dem ich aufgewachsen bin. Selbstverständlich wohnen meine beste Freundin und mein bester Freund noch dort, aber Zeit und Entfernung hat uns entfremdet. Meine beste Freundin, nennen wir sie Margie, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Meine bester, eigentlich schwuler Freund, ihn nennen wir Linus, wohnt noch bei seinen Eltern und arbeitet als Versicherungsangestellter.

Margie ist sauer, weil ich mich solange nicht gemeldet habe und meidet mich deswegen. Außerdem hatten wir einen schlimmen Streit, bevor ich in „die große Stadt“ gezogen bin, bei dem ich ihr vorwarf ihr Leben in diesem Kaff zu vergeuden. Sie warf mir natürlich vor, dass ich sie im Stich lasse. Linus dagegen freut sich über meine Rückkehr, weil ich mit ihm „Magic Mike“ (popkulturelle Zitate? Check!) auf Dauerrotation anschaue und Rotwein trinke.
Meine Eltern freuen sich über meine Rückkehr, bestehen aber darauf, dass ich mir möglichst schnell an Ort und Stelle einen Job suche. Da es in meinem idyllischen Dörfchen keine Arbeit für studierte Geisteswissenschaftler gibt, werde ich nur kurios bei meiner Jobsuche beäugt, bis mir meine Mutter die Pistole auf die Brust setzt und mich zwingt den Job beim örtlichen Bäcker anzunehmen. Ich verkaufe also Brötchen und natürlich kauft Gott und die Welt bei diesem Bäcker ein (Supermärkte und Billigbäcker haben keinen Platz in romantischen Komödien). Und so kommt eines Tages natürlich auch meine Jugendliebe, nennen wir ihn Pätrick, zum morgendlichen Brötchenkauf. Unsere erste Begegnung angespannt, untermalt von ungemütlich steifen Gespräch und ich lasse eine Torte auf sein Auto fallen oder ähnliches. Und (natürlich!) habe ich damals mit ihm Schluss gemacht, weil ich in „die große Stadt ziehen und meinen Traum leben wollte“. Der Vollständigkeit halber füge ich noch hinzu: Er hat es bis heute nicht verwunden.
Ich stelle nach unserer Begegnung fest, dass ich ganz schön viel an Pätrick denken muss. Ich quetsche Linus über ihn aus und erfahre, dass er zwei Jahre mit einer ehemaligen Klassenkameradin von mir zusammen war, sich aber kürzlich getrennt hat. Innerlich jubiliere ich, äußerlich schere ich mich einen Dreck. Ich beginne mich auf Pätricks morgendliche Brötchenkäufe und unsere extrem angespannte Gespräche zu freuen. Als Running Gag lasse ich fortan immer ein sahniges Gepäck an ungünstigen Stellen fallen. Patrick steht klammheimlich total auf meine ungeschickte vertrottelte Art.
Da ich schon immer gern gekocht habe, übernehme ich die Abendessen Zubereitung für mich und meine Eltern. Da mein Vater zu hohen Blutdruck hat, kein fettiges Essen zu sich nehmen darf, aber extrem schleckig ist, beginne ich mit der traditionellen Hausmannskost (die er bevorzugt) zu experimentieren. Ich fange sogar an in meiner Freizeit ein Kochbuch (mit einer fetzigen Idee wie zum Beispiel schwäbisches Maultaschen-Sushi) zu schreiben, erzähle aber niemanden davon. Ich glaube nämlich, dass ich kein Talent habe und eine riesige Versagerin bin. Die Rohfassung schicke ich aber trotzdem an zwei große Verlage, vergesse das aber sofort danach.
Das passiert alles selbstverständlich in einer Trainings-Montage, untermalt von softem Girlie-Rock.
Am Abend des Maibaum-Aufstellens trifft sich Jung und Alt auf dem Festplatz und feiert in den Mai. Margie ist auch da, wir ignorieren uns zunächst wie gehabt, dann trinken wir unabhängig voneinander zuviel, zetteln einen Streit miteinander an, werfen uns fiese Dinge an den Kopf, heulen, beteuern wie sehr wir uns vermisst haben, fallen uns die Arme und sind von da an die allerbesten Freundinnen.
Patrick und ich flirten heftig.
Am nächsten Tag steht übrigens ein Maibaum vor meinem Fenster. Und ein extrem verkaterter Patrick kann mir beim Brötchenkauf kaum in die Augen schauen.
Jetzt sind alle Parameter etabliert: Meine Leben geht den Bach runter? Check. Freundschaft ist das wichtigste im Leben? Check. Lebe deinen Traum in Form eines obskuren Kochbuchs? Check. Silberstreifen am Horizont in Form ehemaliger Jugendliebe? Check.
Wir steuern nun zielsicher auf den großen Showdown zu.
Ich offenbare Margie und Linus meine verschwunden geglaubten Gefühle bei einer Flasche Rotwein. Daraufhin erzählen sie mir, dass Patricks Ex-Freundin ihn zurück haben will. Und dass er darüber nachdenkt, um ihre Hand anzuhalten.
Linus sieht dem Fakt ins Auge dass er schwul ist und in seinen Tierart verknallt. Er outet sich, erhält standing ovations, erklärt dem Tierarzt seine Liebe und beide entschwinden in einem roten Cabrio in den Sonnenuntergang. Allerdings nicht bevor Linus mir zugeflüstert hat: „Liebe ist das größte Geschenk im Leben – verlass die Zuschauerbank und misch das Spielfeld auf!“ (Sportmetapher? Check.)
Ich ziere mich aber lieber und suhle in Selbstmitleid. Als ich abends bei Margie babysitte, fällt mir unsere Abi-Zeitschrift in die Hände. Ich sehe ein Bild von Margie, Patrick, Linus und mir. Wir sehen jung, naiv und glücklich aus und strahlen in die Kamera.
In meinem Rucksack ist ein ungeöffnetes Paket. Ich reiße die Verpackung auf – es ist ein Karton mit Probeexemplaren von meinem Kochbuch sowie einem Angebot, nach Frankfurt zu ziehen und dort die Kochbuch-Abteilung des Verlags zu betreuen.
Entschlossen packe ich Margies Kinder in den Kinderwagen und marschiere zu Patricks Haus.  Alle Fenster sind dunkel, also schmeiße ich Kieselsteine an alle Fenster. Aus einem steckt Patrick verschlafen seinen Kopf heraus.
Ich brülle: „Patrick, wann sind wir so zynisch geworden? Wo sind die beiden linkischen Jugendliche, die zusammen nach Marokko reisen wollten? Was hat die Zeit mit uns gemacht?
Patrick schaut perplex.
Ich schiebe den Kinderwagen näher an das Fenster an, damit ich meine Stimme im folgenden etwas senken kann: „Ich weiß nun, dass ich damals einen Fehler gemacht habe – ich war jung, ich war unglücklich und ich habe mich wie eine Närrin benommen. Seit ich zurück gekommen bin, seit ich Dich wiedergetroffen habe, seitdem weiß ich: Ich will Maibäume mit Dir ausreißen. Ich will mit Dir den Sternenhimmel in der marokkanischen Wüste bewundern. Ich will mit Dir sein, hier oder in der Stadt oder sonstwo. Du bringst mich zum Lachen, in deiner Gegenwart fühle ich mich jung und glücklich und strahlend und ich will dich nicht noch einmal verlassen. Ich liebe Dich!“
Patricks Kopf verschwindet.
Ich warte mit hängenden Schultern. Nichts passiert. Die beiden Kleinkinder im Kinderwagen beobachten mich mitleidig. Ich seufze und schiebe den Kinderwagen langsam Richtung Straße.
Hinter mir öffnet sich Patricks Haustür. „Aber die Kinder sind nicht von mir?“ Wir beiden lachen, dann setzt Streichmusik ein und wir fallen uns in die Arme, der große Kuss und die Kamera blendet allmählich in den Abspann über.
Würdet ihr euch mein Leben anschauen, wenn es eine romantische Komödie wäre?

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