Beste Freunde, Digitales Leben
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Allein im Allein-Sein

alleine

Vor kurzem las ich einen Artikel und krümmte mich dabei etwas, so wie ich mich eben krümme, wenn ich Beiträge lese, deren Aussage ich unsinnig finde. Die Autorin besagten Artikels saß allein in einem Café und wartete auf Freunde. Sie saß fünf Minuten alleine, die Freunde kamen nicht. Schon begann sie sich unwohl zu fühlen, sie spürte förmlich wie die Blicke der Cafébesucher an den anderen Tischen sie durchbohrten und als einsame Irre abstempelten. Danach folgte, wie zu erwarten war, eine Hymne auf das Alleinsein und dass sie, also die einsame Autorin, die fünf Minuten in einem Café voller Menschen auf Freunde gewartet hatte, sich nun öfter mal am Alleinsein versuchen wolle. Das Fazit war, wie so oft bei Achtsamkeits-Lifestyle-Themen, eine zu erwartende verbesserte Lebensqualität, Entschleunigung des Alltags und mehr Selbstwertgefühl. Ein Date mit sich selbst also als Rezept für postmoderne gestresste Urbanisten.

Warten auf Godot

Während dem Lesen und auch danach schnaubte ich einige Male aufgebracht. Als Dorfkind in einer Ära, in der Mobiltelefone und W-Lan ungefähr so verbreitet waren wie heutzutage Smartphones ohne WhatsApp, lernte ich zwei wichtige Dinge: a) ich möchte nach meinem Abitur nicht mehr auf dem Dorf wohnen und b) Warten. Auf den Bus, auf das Leben nach dem Dorf, darauf, dass sich die verdammte Internetseite endlich fertig geladen hatte. Beim Warten ist man ja oft alleine, wer schon mal an einem verregneten Herbsttag den Bus ins Dorf verpasst hat und dann eine halbe Stunde alleine unter dem Wellblechdach an einer Bushaltestelle im Nirgendwo verbrachte, weiß wie unglamourös sich ein Date mit sich selbst anfühlen kann.

Das bedeutet nicht, dass ich gegen das Alleinsein bin. Ich bin sogar ziemlich gerne allein, am liebsten in meiner Wohnung, die eigentlich viel zu groß für mich alleine ist und sich deswegen hervorragend zum Alleinsein eignet. Einen Samstag alleine auf der Couch verbringen? Easypeasy. Ich gehe auch allein in der Kaufhalle Katzenfutter kaufen, ich shoppe allein nach neuen schwarzen Ankle Boots und auf dem Flohmarkt nach der perfekten Stehlampe. Manchmal habe ich Lust auf Kino, aber niemand hat Zeit. Dann gehe ich eben alleine. Ich nenne es nicht „Date mit mir selbst“. Ich gehe mir einfach einen Film anschauen. Statt mich mit dem Nebensitzer zu unterhalten beobachte ich dann eben die anderen Besucher, die sich mit ihren Nebensitzern unterhalten. Das ist auch spannend.

Eine Spontanumfrage  meinerseits ergab, dass circa ¾ meiner Freunde ebenfalls noch nie alleine im Kino waren. Sie haben aber durchaus schon mal fünf Minuten allein auf Freunde gewartet, einige verwegene Charaktere besuchten sogar des Öfteren allein ein Café, eine Ausstellung oder den Flohmarkt.

Allein oder Alleine im Sein, das ist hier die Frage

Ich bin also gerne allein, aber nur weil ich weiß, dass es da draußen auch Menschen gibt, mit denen ich dann auch wieder Nicht-allein sein kann. Vor dem Alleinsein braucht man keine Angst haben. Ehrlich gesagt ist es heutzutage auch nicht gerade einfach alleine zu sein, es sind nämlich eigentlich überall Menschen. Sollte man nach einer fünfminütigen Warteperiode in einem nicht menschenleeren Café Beklemmungen bekommen, ist man vielleicht eher alleine im eigenem Sein. Wer bin ich, wohin gehe ich und wenn ja wie viele Likes bekomme ich dafür – das sind existenzielle Fragen. Die vermeiden wir gerne. Soll sich doch die Philosophie darum kümmern, denken wir und stürzen uns lieber in Gesellschaft. Sitzen wir nun allein im Café und warten und haben nichts zu tun, ist die Chance natürlich groß, dass fiese miese Gedanken sich aus ihrem Gedankengefängnis befreien und uns anfallen. Wir sollten Komfort aus der Tatsache ziehen, dass es uns allen dann und wann so geht, wir also gar nicht allein in unserem Allein-Sein sind. Vielmehr sind wir immer genau so allein, wie wir uns das von unseren Gedanken diktieren lassen.

3 Kommentare

  1. redhairmoe sagt

    Habe den Artikel auch gelesen und mir bei der Resonanz gedacht, wow, da sind aber ne Menge Leute wirklich selten ohne Anhang unterwegs oder verwechseln „allein sein“ mit Einsamkeit.
    Mir persoenlich macht es eher Angst, wie sehr und oft ich gut Alleinsein kann und es auch benoetige. Wahrscheinlich kommt das durch meinen Nebenjob in der Gastronomie und dem Sitzen im Audimax…

  2. Huhu Marla – ein sehr iteressanter Post, den du da verfasst hast.
    Ich kenne Leute, die sich wie die Autorin des genannten Artikels fühlen, aber auch Leute, die lieber allein sind.
    Ich mag es sowohl als auch. Denn was ich als Dorkind absolut schätzen gelernt habe, ist, dass ich nur wenige Schritte machen muss, um für mich zu sein. Aber auch genauso wenige Schritte machen muss, um wieder in Gesellschaft zu sein. (und so schlecht war bei uns Internet, W-Lan & Co gar nicht – jetzt sowieso nicht mehr).
    2015 bin ich ‚allein‘ auf den Jakobsweg gegangen (ich lies auch mein Handy zuhause) und während ich die ersten zwei Wochen zwar mit anderen Pilgern in Kontakt ging, bevorzugte ich es doch alleine zu laufen und mich nur auf mich zu besinnen. Die drei Wochen darauf war ich dann in einer Gruppe, wir waren anfangs zu viert, einer musste vorzeitig nach Hause, daraufhin waren wir zu dritt – wir plauderten, aßen, tranken und lachten zusammen, wir gingen überwiegend zusammen, gelegentlich lief mal einer voraus oder hinterher. Ich fand beide Arten toll und das find ich auch immer noch so. Ich liebe das Alleinsein und ich liebe die Gesellschaft von Menschen. Mich nur auf eines von beiden zu beschränken käme für mich nicht in die Tüte.

    Liebe Grüße,
    Linda

    • Marla Stromponsky sagt

      Hallo Linda, wichtig ist ja, dass Du Dich wohl fühlst. Manchmal will man ja mehr alleine sein, dann wieder braucht man viel Gesellschaft. Und toll, dass Du auf dem Jacobsweg warst, das stelle ich mir sehr schön vor!

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