Feminismus, Frau Stromponsky sr.
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Waschbrettbäuche, Bikini und der ganze Rest

Bikini

Liebe Marla,

es dauert so lange, wie es dauert. Mein neuer Brief an Dich brauchte eine Weile. Wie alle guten Dinge eben. Jetzt aber zur Sache.

Wie Du weißt, liebe ich Spruchkarten. Alle Freunde und Bekannte wissen es auch und so landen in meinem Briefkasten Karten mit den verrücktesten Gedanken und Sprüchen. Eine dieser Alltagswahrheiten bekam ich von meiner Schwester Dorota. Auf ihrer Karte stand: „Waschbrettbauch? Hatte ich schon, steht mir nicht“. Ich fand den Spruch einfach gut und wusste sofort, was Dorota damit meinte. Seit gefühlten 100 Jahren will ich mir einen neuen Bikini kaufen, bis jetzt ohne Erfolg. Nicht deshalb, weil es keine Bikinis im Handel gibt, sondern weil ich einen Figurwechsel vollzogen habe. Von Größe „Endemittezwanzig“ auf Größe „Endemittefünfzig“. In Zahlen- für Physiker, die nicht an die Anziehungskraft von Kuchentheken glauben- von 38 auf 42.

Wie oft stand ich schon in den Umkleidekabinen der Region, probierte zig Bikinis an und ließ mich geduldig von netten Verkäuferinnen, die übrigens viel, viel fülliger waren als ich, beraten. Gekauft habe ich nichts. Ein Blick in den Spiegel der Umkleide und der Tag war gelaufen. Da halfen keine Schmeicheleien seitens des Personals, ich fand mich zu dick. Punkt. Bis diese neue und kluge Sicht der Dinge meinen Verstand erhellte. Einen Waschbrettbauch hatte ich nicht einmal mit zehn, heute ist mein Erscheinungsbild die Visitenkarte für meine Massagepraxis. Ich würde mich auch nicht von einem Ex – Model massieren lassen: Zu hübsch, zu schlank, ein zu wirklichkeitsfremdes Erscheinungsbild. Von einer Mama dagegen: immer und jeder Zeit.
Total glücklich über diesen Gedankenwechsel fuhr ich in die Stadt. Nach nicht einmal zwei Stunden war Deine Mutter im Besitz eines Bikinis. Und zufrieden.

Klar, mein neuer Zweiteiler ist natürlich nicht so minimalistisch genäht wie der von Heidi Klum. Er besteht aber auch aus einem Oberteil und einem Unterteil, das, ganz wichtig für die Alterskategorie Endemittefünfzig, über genügend Stoff verfügt. Sonst verschwindet das Ding zwischen den Pobacken auf Nimmerwiedersehen. Gestern führte ich meinen Neukauf der Nachbarschaft bei der abendlicher Gartenbewässerung vor. Und wartete gespannt auf die Reaktionen der Mitmenschen.“ Guten Abend Agnieszka“ – eine Stimme hinter meinem Rücken klang interessiert. Es war Frau Mollys, die Nachbarin von gegenüber. “Du und Bikini, mutig, mutig im Deinem Alter.“ Ich antwortete mit einem milden Lächeln und verlies kommentarlos das Areal. Nach paar Tagen, sehe ich sie auf dem Balkon, in einem fröhlich-buntem Badeanzug. Version Heidi Klum. „Hallo Agnieszka, habe gestern gekauft, was meinst Du, kann ich den tragen?“ „Klaro, Du siehst super aus“ antwortete ich. Ich war mit der Reaktion meiner Mitmenschen auf meinen Bikini überglücklich.

Hoffentlich bleibt der Sommer noch eine Weile warm. Mein Bikini will die Welt sehen und nicht im Schrank vergammeln. Ach Kind! Das Leben kann so schön sein.

Küsschen. Mama.

(Foto von Stas Kalesh / Unsplash)

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