Feminismus, Genuss, Serienjunkies
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TV Tipp: Back in Time for Dinner

Back in time for Dinner 1970

Mit „Back in Time for Dinner“ hat die BBC meiner Meinung nach einen Volltreffer gelandet, was gute Dokumentationen angeht. Zwar dreht sich die 6-teilige Serie vordergründig hauptsächlich, wie sich unserer Ernährung in den Jahrzehnten seit dem zweiten Weltkrieg gewandelt hat, liefert hat hintergründig aber nachdenklich machenden Einblick in die Rolle der Frau in der Familie, die Rolle der Nahrungs-Industrie bei unserem Essverhalten und die Auswirkungen unseres Konsums auf Gesellschaft und Umwelt. Und das alles auf eine Weise, die einen gleichermaßen zum Schmunzeln wie zum Nachdenken bringt.

Die Grundprämisse der Familie ist so simpel wie einleuchtend: Die Familie Robshaw aus London, bestehend aus Brandon, Rochelle und ihren drei Kindern Miranda, Rosalind und Fred, wird für 6 Wochen jede Woche jeweils in einer Ära, angefangen von den 50er bis hin zu den 90er Jahren, leben. Jeder Wochentag entspricht einem Jahr: Montag ist also 1950, Dienstag 1951 und so weiter. Das bedeutet, dass so gegessen, gekocht, geshoppt, angezogen und gelebt wird in dem entsprechenden Jahr. Zusätzlich werden Küche und das Wohnzimmer für eine authentischere Zeitreise-Erfahrung im Stil des jeweiligen Jahrzehnts umgemodelt. Der Sinn hinter dem Experiment: Herausfinden, wie sich die Essgewohnheiten der Briten (und damit auch der westeuropäischen Gesellschaft) seit dem ersten Weltkrieg gewandelt haben. Und das ist irre interessant. Vieles wissen wir: Das es früher kein Mikrowellenessen gab, keine riesigen Supermärkte und keine Pizza, kein Curry und keine Auswahl von Hunderten Schokoriegeln in jedem Kiosk. Doch wenn ich sehe, was für ein Knochenjob Kochen und Hausarbeit früher waren, begreife ich erst vollständig, was für ein Befreiungsschlag Kühlschrank, Mixer und vor allem Gefriertruhe sind. Die Auswirkungen sind nämlich nicht nur in der Küche spürbar, sondern ziehen sich durch Familien- und Berufsleben. Die Zeit, die wir in der Küche sparen, bedeutet vor allem für Frauen: Freiheit. Die Möglichkeit einen Job zu finden oder einfach auch mal Freizeit zu haben. Der Haken an der Sache: Der Einzug an künstlichen Zusatzstoffen, Geschmacksverstärkern und Konservierungsstoffen.

(c) Wall to Wall / BBC2

Alle Bilder (c) Wall to Wall / BBC2

Bereits nach den ersten zwei Tagen in den 1950er Jahren sind Rochelle und ihre Töchter entsetzt über die niemals endende Arbeit, die auf eine Frau damals zukam: Es gibt keinerlei technischen Hilfsmittel, keinen Kühlschrank, keine Fertiggerichte, keine Spülmaschine – stattdessen muss jede Mahlzeit in all ihren Einzelteilen von Hand zubereitet werden. Da kommen locker mal 11 Stunden in der Küche zusammen und wie Rochelle nach einem langen Tag in der Küche kommentiert, an dem sie mehr oder weniger erfolglos versucht hat Pommes Frites ohne Fritteuse zu frittieren: „This would be enough to break any woman.“ Nesthäkchen Fred dagegen vermisst vor allem seine süßen Snacks – er kann sich für gebratene Leber und das grobschrotige Brot der Nachkriegszeit nicht erwärmen. Und Vater Brandon kämpft mit seiner Verbannung aus der Küche. Im normalen Alltag kümmert er sich um die Zubereitung in Mahlzeiten, in der kulinarischen Zeitreise ist er erst wieder in den 80er Jahren in der Küche erlaubt.…

Fazit: Ein tolles Beispiel, wie man große Themen historisch und sozio-kulturell spannend aufbereiten kann. Ich jedenfalls habe seitdem viel darüber nachgedacht, was ich da eigentlich täglich so esse und wie sich mein eigenes Verhältnis zum Kochen und zu Lebensmitteln im Laufe der Zeit gewandelt hat.

2 Kommentare

  1. Ich habe mir jede Woche eine Folge dieser Sendung bei YouTube angesehen und mich immer tierisch darauf gefreut. Zum einen tat mir Rochelle so leid und ich wollte ihr Happy End mitbekommen, zum anderen hat es mich zum Nachdenken angeregt, warum wir eigentlich so viel Müll in unseren Körper stopfen. Wirklich empfehlenswert und unterhaltsam.

    • Marla Stromponsky sagt

      Hallo,

      mit der Familie haben die Produzenten wirklichen einen riesigen Glücksgriff gelandet. Rochelle war auch mein absoluter Liebling, besonders, weil sie so authentisch wirkte. Ich wünsche mir ja insgeheim eine Fortsetzung 😉

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