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Der Hype um Streetfood

Hipster

„Streetfood Market“, „Streetfood Festival“ „Streetfood Gourmets“, „Streetfood Weekend“ – Veranstaltungen mit dem kulinarischen Buzzword „Streetfood“ schießen wie Pilze aus dem Boden. Spätestens im Sommer 2017 hat auch der letzte Depp geschnackelt, das Streetfood und Craftbeer zusammengehören wie Hipster und Vollbärte. Mit dieser Erkenntnis einhergehend ist um Streetfood eine ganze Branche entstanden, von Anbietern, die ausrangierte Schulbusse zu Foodtrucks umbauen und nach Kundenwünsche customizen über Fernsehshows, die eben diesen Prozess filmen bis hin zu einer nahezu unübersichtlichen Anzahl von Festivals und Straßenfesten, auf denen sich all diese Foodtrucks einfinden, um Besuchern Pulled Pork Burger, vegane Tacos oder Kimchi Pommes zu servieren.

Wo man Streetfood-Trucks allerdings kaum sieht: Einfach mal so am Straßenrand, damit ich mir endlich in der Mittagspause Kimchi Pommes holen kann. Natürlich könnte ich zu den bestimmt dreimal im Jahr stattfinden Streetfood-Festivals tingeln und dort mein Glück versuchen, aber so sehr ich Essen auch liebe (und ich liebe es wirklich sehr), in erster Linie esse ich dann, wenn ich Hunger habe. Einen Tag auf einem Festival herumrennen und sich Hunger hin, Hunger her, mit Essen vollstopfen, dann wieder irgendwo anstellen, dann wieder Essen, dann wieder anstellen, dann wieder essen, also ein bisschen wie im Freizeitpark, nur ohne Achterbahnen und Karussells, sondern mit Fressbuden, ist die Antithese meiner Freizeitgestaltung.

Essen auf der Straße

Streetfood

Bevor Streetfood hip wurde und findige Menschen sich überlegt haben, wie sie diesen Hype am besten in klingelnde Münze umwandeln können, war Streetfood günstiges, schnell serviertes Fast-Food, das im besten Fall ohne Besteck, Teller und Serviette auf der Straße verzehrt werden konnte. Meistens war es gebratenes oder gegrilltes Fleisch in irgendeiner Form, sei es als Kebab, in Form einer Pastete, aufgespießt oder eingewickelt in Blätter. Im alten Rom war Streetfood für das Prekariat reserviert, das keinen Zugang zu einem Herd oder Ofen hatte: Serviert wurde zum Beispiel ganz simpel getrockneter Fisch oder Suppe mit Brot. In Japan hingegen brachten chinesische Immigranten ein Gericht namens „Ramen“ in ihr neues Heimatland, eine Nudelsuppe mit Fleischbrühe. Ein Gericht, dass sich schnell in der Pause im Stehen löffeln ließ, satt machte und nicht viel kostete. Und in Amerika galten Austern als ideales Streetfood – das zumindest, bevor die Preise wegen akuter Überfischung in die Höhe schnellten. Und natürlich kommt kein New York Film ohne eine Szene mit einem jener typischen „food carts“ aus, die zum Beispiel Hot Dogs verkaufen. Das Straßenessen war also simpel, sättigend und preiswert und wurde von Arbeitern und Angestellten genutzt, die in ihrer knapp bemessenen Mittagspause einen schnellen Happen essen wollten. Genau so mag ich mein Streetfood und bin erfreut, dass in Leipzig zum Beispiel das Ping Ping auf der Karl-Heine-Straße genau das präsentiert (wenn auch im Restaurant Ambiente): Dim Sum in vier Sorten, Burger in vier Varianten, Beilagen – mehr Auswahl brauche ich nicht. Richtig authentisch wird es im Deli, auf Grund von Platzmangel werden die Pommes und veganen Burger dort dann wirklich auf der Straße konsumiert. Deliziös. Und schließlich, ein Klassiker des Leipziger Streetfoods, der Burgermeister am Südplatz. Süßkartoffelpommes mit Mayo und Röstzwiebeln, dazu eine Limo und etwas Leipziger Straßenkolorit.

Streetfood – von der Notwendigkeit zum Lifestyle

Unsere heutige Faszination mit Streetfood rührt weniger aus der Not, sondern ist vor allem befeuert durch die Faszination und Fusion verschiedener ethnischer Gerichte, wie zum Beispiel im Fall der Kimchi Pommes. Streetfood wird oft mit exotischen Genüssen assoziiert, eine kulinarische Fernreise sozusagen. Ein Flug nach Thailand kostet mehrere hundert Euro, ein Bao Burger dagegen nur wenige Euros. Auf Authentizität kommt es nicht unbedingt an, denn wer noch nie in Vietnam war, wird nur schwer beurteilen könne, ob die Sommerrollen nun genau so schmecken wie dort. Streetfood Konsum soll einen gewissen Lifestyle suggerieren: Kauf diesen Pulled Pork Burger mit Pflaumensauce und sei hip und nachhaltig, Gourmet und Connaisseur, experimentell und urban. Streetfood erkauft uns ein überschaubar portioniertes Gefühl von Fremde und Exotik, alles sicher konsumierbar in der wohligen Heimat.

Ich bin per se nicht gegen Streetfood, nur habe ich das Gefühl, dass, ähnlich wie zum Beispiel bei Holi-Festivals ein gewisses Lebensgefühl verkauft werden soll. Es dreht sich weniger um das Essen an sich, sondern mehr um damit assoziierten Lifestyle. Streetfood ist ein Etikett, unter dem sich Kochbücher, Kochkurse, Fernsehsendungen und Reisen verkaufen lassen. Manche Dinge lassen sich aber in ihrem natürlichen Element am besten genießen – auf dem Bordstein sitzend, zufrieden eine Portion Chilli Fries mampfend.

Photo by Redd Angelo on Unsplash

4 Kommentare

  1. Ja leider hat das Ping Ping erst ab 18:00 Uhr offen – da wirds schwierig mit der Mittagspause. … und warum die Foodtrucks nirgens auf den Strassen zu sehnen sind (außer mal ein Broilerstand), würde ich auch gern wissen, nicht mal Abends auf der Karli – das würde ja Sinn machen.
    Vielleicht dürfen die einfach nichts an der Strasse anbieten oder das Verfahren – damit man das darf – ist zu umständlich oder es gibt gar keines.

    • Marla Stromponsky sagt

      Ich glaube das Verfahren ist tatsächlich sehr kompliziert in Deutschland, das Ordnungsamt hat da wohl strenge Vorgaben. Ich kenne auch nur Broiler- und Fischbrötchenstand auf dem Markt, wenn es an „echtes“ Streetfood geht. Und natürlich die Würstchen-Grillbutzen in der Innenstadt.

  2. Jesse Gabriel sagt

    Da gab es früher wesentlich mehr Gulaschkanonen, Erbsensuppe als heute Foodtrucks, manchmal ist frühe doch (besser).
    Viele Grüße
    Jesse Gabriel

    • Marla Stromponsky sagt

      Wäre Erbsen- oder Gulaschsuppe fotogener, ließe sich die Gulaschkanone bestimmt auch super vermarkten.

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