Frau Stromponsky sr., Land, Unterwegs
Schreibe einen Kommentar

Sahara im Kopf.

Reisen Sahara

Liebe Marla,

heute sind exakt 3 Monate vergangen seit meiner Rückkehr aus der Wüste. Ich habe das Gefühl, noch gar nicht im Schwabenland angekommen  zu sein, sondern immer noch in einem Meer aus Licht, Sand und Stille zu leben. Das ist nämlich die perfekte Beschreibung für die Wüste.

Endlose Sandberge, klares Blau bis zum Horizont, Sonne und natürlich der gigantische Nachthimmel mit Abermilliarden von Sternen. Wie Du siehst, die Sahara hält mich fest.
Nicht täglich, nur ab und an spüre ich noch diese noch nie zuvor erlebte Ruhe, dieses Nichts an Geräuschen. Ein tonloses Sein mitten im Leben. Ich möchte die Wüstenstille in Worte kleiden, aber ich weiß nicht wie. Wie beschreibe ich denn Stille? Keine Ahnung.

Reisen Sahara

Wir hören immer etwas. Ständig begleiten uns Geräusche, 24 Stunden, Tag und Nacht. Wir sind uns der Tatsache nicht bewusst, das unser Leben laut ist. Geräusche gehören zum Leben wie Zähne putzen oder Wäsche waschen.
Es fängt morgens an, mit dem heißgeliebten Wecker. Dann die Geräusche des Wassers bei der Morgentoilette. Die Klospülung. In der Küche brummt der Kaffeeautomat, im Radio läuft der Wetterbericht. Zwischendurch klingelt das Handy, zweimal.
Bei der Fahrt zu Arbeit begleiten uns die Autogeräusche. Falls wir Pech haben und im Stau stehen, dürfen wir jetzt die Motorkakophonie aller Fahrzeuge erdulden. Die Kür kommt allerdings erst: Acht Stunden Arbeitstag in einem Großraumbüro mit, sagen wir mal, 22 Angestellten. Diesen Geräuschpegel kann nur der Presslufthammer toppen!

Nach der Arbeit auf einen Sprung zu MediaMarkt, dem unübertroffen lauten Elektronikladen, um ein paar CDs zu kaufen. Anschliessend ein Besuch im Supermarkt. Dort bekommen wir außer Salami und Co. die alten ABBA Hits in voller Lautstärke gratis dazu.
Jetzt endlich nach Hause. Tür auf, Radio an. Der Nachbarshund fängt an zu heulen. Alles klar, das Herrchen ist nicht im Haus und das Tier kann das nicht leiden. In der Wohnung über uns zieht der kleine Luis sein Babycar durch die Zimmer und nimmt alle Ecken mit. Die Nachbarn von links renovieren die Wohnung bereits seit zwei Wochen. Die von unten sind im Urlaub, leider ohne ihre 16-jährigen Zwillinge. Die beiden stehen auf Punk.

Ab 20 Uhr trainieren wir im Fitnessstudio, natürlich in Begleitung der neusten Hits und Fernsehmonitore. Um 22 Uhr ist Schluß. Noch ein Absacker im „Holzfass“ bei Charlie, wo die Musik jedes Gespräch sowieso zunichte macht.
Das ganze dann sieben Tage, vier Wochen, zwölf Monate am Stück und wir dürfen uns zu denen zählen, die an folgenden Symptomen leiden: Tinnitus, Herzinfarkt, chronische Erschöpfung oder Schlaflosigkeit. Und Verstopfung wollen wir mal nicht vergessen.

Reisen Sahara

Liebe Marla, wie eingangs erwähnt, verbrachte ich drei wunderbare Wochen in der Sahara. Wir gingen täglich 12-18 km zu Fuß, begleitet von 5 Nomaden mit ihren Kamelen. Die ersten 3-4 Tage machte mich diese Ruhe so kirre, daß ich am liebsten zurückgeflogen wäre. Da das allerdings keine Option war, musste ich da einfach durch. Zum Glück!
Die Stille war erst unerträglich. Nichts. Manchmal ein Wortwechsel mit meiner Freundin, ein bisschen Wind, das war es. Ansonsten: Wandern in Stille.
Deswegen bin ich auch dorthin. Aber das es so still werden würde! Das konnte ich nicht ahnen. Bis plötzlich, ich weiß nicht genau ab wann, ich selbst ein Teil diese Stille wurde. Es war wunderbar das Bedürfnis nach Geräuschen nicht mehr zu spüren. Ich wurde mit den Tagen immer ruhiger, ich musste mich kaum noch mitteilen, ich war einfach nur da. Punkt.

Die Wüstenstille hat mich liebevoll umarmt und getragen, bis heute. Sie hat meine Sinne geschärft und ihre Stille zur meiner gemacht. Erst in der Wüste habe ich begriffen, wie laut das Leben bei uns zuhause in Deutschland ist. Und ich lehne den Lärm für mich ab. Weniger war schon immer mehr, auch an Geräuschen.
Deswegen: Ich wünsche uns allen ein wenig mehr Sahara im Kopf.

Deine Mama.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.