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Reisetagebuch: Eat Pray Love an der Ostsee

Stralsund

Soloreisen spaltet die Gemüter in meinen Bekanntenkreis. Bei vielen bricht alleine bei einem Kinobesuch ohne Begleitung der nackte Angstschweiß aus. Beim Gedanken an eine Reise alleine macht die Luftröhre dann endgültig dicht. Und ich verstehe das: Soloreisen sind einsam. Ich habe es nämlich letztes Jahr ausprobiert – mit gemischten Gefühlen.

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Ich beschloss Ende letzten Jahres, dass ich dringend an die Ostsee wollte, fand aber niemand, der ebenfalls Lust hatte. Damit war klar: Marla macht solo los. Ist schließlich nicht das erste Mal, ich war bereits einige Male auf eigene Faust unterwegs. Und alleine im Kino ist sowieso ok. Also Zimmer buchen, Reiseführer ausleihen und von den niedlichen Pinguinen im Stralsunder Ozeanum träumen. Als ich in Stralsund ankomme, ist der Himmel verhangen, es nieselt, die Menschen tragen unfreundliche Gesichtsausdrücke und ich denke bereits jetzt: War das vielleicht eine scheiß Idee?

Ozeanum Stralsund

Ich verzehre erstmal die mitgebrachten Maultaschen in der airbnb-Wohnung und kuschel mich ins Bett. Gähn. Leider ist es erst 17.00 Uhr. Was ich bei meinen Soloreisen-Plan nicht bedacht habe: Im November ist ein bisschen schwierig, bis Sonnenuntergang auf der Piazza Aperol zu trinken. Und das liegt nicht nur daran, dass Stralsund keine Piazza hat. Sondern auch daran, dass es kalt und dunkel ist und ich mich selbst stark motivieren muss, nicht einfach unendliche viele Folgen „The Good Wife“ im Bett anzuschauen.

Stattdessen gehe ich shoppen und verwöhne mich mit einem Besuch an der hauseigenen Salatbar, einem Bio-Rotwein und vielen Keksen. Prima, die Grundversorgung ist gesichert. Es ist leider erst 18.0o Uhr. Draußen ist trotzdem pechschwarze Nacht und es regnet. Was soll man denn bitte als Alleinreisende bei diesem Wetter machen? Ich hasse es alleine essen zu gehen und ich gehe auch nur sehr ungern alleine in Kneipen. Also Kino. Während ganz Stralsund mit James Bond nach SPECTRE jagt, schaue ich zu, wie die NASA nicht genauer bezifferte Milliardenbeträge in die Rettung von Mark Watney steckt, einem Astronauten, der von seiner Crew auf dem Mars vergessen wurde. Der Film gefällt mir gut. Mark Watney ist mehrere Monate alleine auf dem Mars. Also, so richtig menschenseelenallein, nicht einmal eine Kellerassel, die ihm Gesellschaft leistet. Plus kein Internet. Und selbstverständlich auch keine Supermärkte. Trotzdem scheint er Spass zu haben. Geht doch!

Am nächsten Tag scheint die Sonne. Es ist warm. Endlich kann ich in der Sonne sitzen, lesen und dann und wann gewichtig aufblicken und um mich schauen. Ich hoffe, die vorbeigehenden Passanten halten mich für eine introvertierte junge Gelehrte. Die Sonne geht unter und ich eile zurück in die Unterkunft, um mich mit einem Snack zu stärken. Ich schaue auf die Uhr: Es ist 16.30 Uhr. Draußen ist es stockdunkel und irgendwie habe ich schon alles besichtigt, was man sich in Stralsund besichtigen lässt. Also gehe ich noch einmal zum Hafen, kaufe mir einen Glühwein und sitze an der Mole, während ich gedankenvoll aufs Wasser starre. Als es anfängt zu regnen, gehe ich ins Bett und schaue drei Folgen „The Good Wife“.

kreidefelsem rügen

Und genauso geht es die nächsten Tage auf Rügen munter weiter: Gedankenvoll aufs Wasser starren. Den bewölkten Himmel verfluchen. In einem Café verhältnismäßig lange Zeit mit einem Stück Flammkuchen, Tee und einem Buch verbringen. Melancholisch und gedankenvoll am Strand entlanglaufen. Eat Pray Love für Arme eben.

Sassnitz, wo ich auf Rügen Quartier bezogen habe, ist eine Geisterstadt. Die Bürgersteige sind wortwörtlich hochgeklappt, die Restaurants und Kneipen sind größtenteils geschlossen und das Wetter hat sich irgendwo zwischen verhangenem Himmel und Weltuntergang eingependelt. Das Abendessen beschränkt auf mittags gekaufte Fischbrötchen, auch wenn es mich bei all dem Regen und Wind nach herzhaften Suppen gelüstet. Die kulinarischen Etablissements haben schließlich geschlossen, selbst der Bäcker schließt gegen 17.30 Uhr und mein Zimmer verfügt über keinerlei Kochgelegenheit.muschelnAm besten gefällt mir das alleine unterwegs sein beim Frühstück: Es gibt eine große Auswahl an Fisch (wir sind schließlich auf Rügen) und niemand schaut mich scheel an, weil ich Fisch zum Frühstück futtere, bis er mir zu den Ohren wieder rausquillt. Ich esse außerdem extrem langsam. So langsam, dass es anderen Leuten schwer fällt, höflich zu warten bis ich fertig bin. Doch diesmal hibbelt niemand neben mir vor Aufregung auf dem Stuhl, weil ich so lange brauche – stattdessen blättere ich lieber noch eine Seite in meinem Buch um. In fünf Tagen Ostsee habe ich drei ganze Bücher und 5 Klatschzeitschriften gelesen. Außerdem habe ich so viele Folgen „The Good Wife“ angeschaut, dass es schon an Gehirnwäsche grenzt.

rügen jasemund

Am wenigsten Spass macht das alleine reisen abends: Da es früh dunkel wird, bin ich spätestens 16.30 von meinen Ausflügen zurück. Und dann ist sprichwörtlich tote Hose: Es gibt keine Kneipe im Ort, kein Kino, nichts was einer einsamen Reisenden des Abends die Zeit vertreiben würde. Bei Julia Roberts in Eat Pray Love sah das irgendwie alles einfacher aus, ganz zu schweigen davon, dass sie tonnenweise neue Freunde auf ihren Reisen kennenlernte. Obwohl ich das Gefühl habe, dass mich die Fischbrötchen-Verkäuferinnen auch in ihr Herz geschlossen habe.

Fazit: Gerne wieder, aber nur im Sommer, wenn längere Tage und wärmeres Wetter mehr Aktivitäten erlauben. 

 

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