Geniessen, Genuss, Nachhaltigkeit
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Genuss in den Zeiten der Postmoderne

Genuss

Wir stehen in der modernen High-Tech-Küche eines Kochstudios. Die anderen Teilnehmer und mich trennen Lebenswelten. Sie wohnen im Speckgürtel um Stuttgart, ihr Jahreseinkommen reicht um eine wohlgeordnete traditionelle Familienstruktur von Frau und zwei Kindern sowie Auto und Hund zu finanzieren, meines um ein teilsanierte Altbauwohnung in Leipzig zu mieten und zwei Kater durchzufüttern. In dem Moment, in dem wir alle unser Baguette in das soeben vor unseren Augen zubereitete Knoblauchbrot tunken, vorfreudig in den Mund schieben und dann andächtig das Aroma von Knoblauch und Olivenöl auf uns wirken lassen, während von irgendwoher ein Hauch Toskana-Feeling durch den Raum zieht, sind wir uns allerdings in unserem Genuss sehr nahe. Ein Stück Knoblauch-Baguette als Brücke. Das Eis ist gebrochen: Wir reden über Italien und gutes Essen und was Genuss auszeichnet.

Essen ist kann also einfach, simpel und verbindend sein. Doch Essen ist auch ein brandheißer Krisenherd, ein politisches Statement, ein Blick über den Tellerrand. Denn Essen ist Konsum und mit jeder unserer Konsumentscheidungen setzen wir ein Statement, beweisen, inwieweit wir dem Marketing, Social Media Influencern und Markenbotschaftern Glauben schenken. Die deutsche National-Elf schmiert sich zufrieden Nutella auf das Frühstücksbrot, ein guter Start in den Tag mit frischer Milch und Haselnüssen. Um halb zehn legt ganz Deutschland die Arbeit nieder, um mit Knoppers ein kleines Frühstück zu genießen. Am Freitag tanzen wir mit Zott Sahne Joghurt hinein ins Weekend-Feeling und Samstagabend bestellen wir an der Bar „Bitte ein Bit!“. Für die Menschen, die mit mir am Tisch sitzen und zart gebratenes Lendenfleisch vom sächsischen Schwein mit Rosmarin-Kartoffeln und Spargelgemüse serviert bekommen, gehört Maggi in der eigenen Küche fest ins Repertoire. Das ich streng gegen Maggi bin und darauf bestehe alles frisch zuzubereiten ist für sie genauso unverständlich wie für mich die Nutzung einer Maggi-Gewürzmischung bei der Zubereitung von Spaghetti Bolognese.

Liegt es daran, dass wir alle etwas anders unter Genuss verstehen? Ich habe bei dem Wort „Genuss“ instinktiv ein Bild vor Augen: Eine Scheibe ofenfrisches Butterbrot, dick mit Butter beschmiert. Das steht in krassem Gegensatz zur medialen Genuss-Erziehung von Fernsehen und sozialen Netzwerken: Beim perfekten Dinner gehört zum Genuss nicht nur die Speise, sondern auch das Drumherum, ist die Tischdeko zu lieblos oder, noch schlimmer, gar nicht vorhanden, droht Punkteabzug durch die anderen Teilnehmer. In Jamie Olivers Kochbüchern geht es ebenfalls viel um Genuss, blitzschnell, in 30 Minuten, die Speisen auf den begleitenden Fotos so beiläufig lässig drapiert, wie es mir im realen Leben mit knurrendem Magen nie gelingt. Beim veganen Superkoch Hildmann geht es ganz um den fleischlosen Genuss, bei der Sendung „Chefs Table“ um hochdekorierte Chefköche, die,  untermalt von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, den Zuschauer auf eine Reise durch ihre persönliche Genusswelt mitnehmen, während der selbsternannte Bad Boy Anthony Bourdain für sein Format „No Reservations“ durch die Welt reist und ergründet, was Genuss guten Essens zum Beispiel in Haiti bedeutet.

Einiges, was mir Jamie und Co. präsentieren sieht nach großem Genuss aus. Anderes, wie zum Beispiel die Abstraktheit der Molekularküche, wie man häufiger in Chef’s Table sieht, nach extravaganten Küchenspielereien, welche die Grenzen von Zubereitungsarten pushen, aber nichts mit unserem Alltagsessen zu tun haben. Am Tisch geht es mittlerweile um Speisen, die man früher gehasst hat und nun liebt und mir fällt sofort Kohl ein. Egal ob Blumen-, Spitz-, Rot- oder Rosenkohl, nichts davon habe ich als Kind angerührt. Gerösteter Rosenkohl war für mich der Anti-Entwurf zu Genuss. Heutzutage kaufe ich begeisterte die frischen kleinen Rosenkohlknollen, um sie, abgeschmeckt mit einer Vinaigrette aus Orangen und Balsamico, im Backofen zu rösten. Genuss ist also womöglich das Ergebnis eines lebenslangen Prozesses von Probieren, Schmecken und Konsumieren. Vor allem der letzte Punkt ist interessant, denn unser Genussverhalten ist nie objektiv, so gern wir uns das einbilden möchten. Unser Genussempfinden ist Sozialisationsmustern und Konsumverhalten unterworfen, das uns durch Eltern, Freunde, Gesellschaft und Medien vorgelebt wird. Das führt zu Dilemma des postmodernen Genusses: Ich möchte genussvoll essen, mich nachhaltig und gesund ernähren und dafür möglichst wenig Geld bezahlen. Meine Ernährungsweise soll mich als eine der „Guten ausweisen“.

Dabei ist diese Art von Genuss nur der letzte in einer Reihe von gut vermarktbaren Auswüchsen einer hochkapitalisierten Industrie, in durch Werbung alle paar Jahre verlässlich neue Hypes um Ernährungsweisen oder bestimmte „Über“-Nahrungsmittel angeheizt werden: So habe ich in den letzten Jahren den Aufstieg von Paleo-Ernährung, den ungezügelten Genuss von Avocados und Quinoa, den Abstieg von Sushi vom gesunder Rohkost hin zum Conveniece-Food-Artikel in der REWE-Kühltheke sowie den Trend hin zu Zucker-Alternativen wie Agavendicksaft oder Kokoszucker erlebt. Die Atkins-Diät der Nuller-Jahre, der Boom der ersten Reformhäuser und selbstgeschrotetem Weizen in den Neunzigern und die unerklärliche Leidenschaft der siebziger Jahre für Speisen mit Wackelpudding wirkt dagegen antiquiert und wie die Anti-These von Genuss. Heutzutage boomt das Geschäft mit vermeintlichen Superfoods wie Chia-Samen, Acai-Beeren und oder japanischen Meeresalgen, die als Zusatz in sogenannten „Bowls“, spricht kunstvoll arrangierten Schüsseln von Müsli und püriertem Früchten oder Reis und Gemüse. Verbraucherschützer der Zeitschrift „Öko-Test“ haben 22 der vermeintlichen Superfoods untersucht und in vielen der getesteten Lebensmittel zum Beispiel Rückstände von Mineralöl oder erhöhte Mengen an Pestiziden gefunden. Von dem Emissionen, die beim Transport der Superfoods rund um die Welt entstehen, ganz zu schweigen.

Wir sind beim Nachtisch angekommen, einem warmen Schokokuchen mit flüssigem Kern. Meine Mitesser sind ganz aus dem Häuschen, ich bin wenig angetan. Ich hätte lieber einfach eine Kugel Vanilleeis mit Schlagsahne gehabt.

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