Frau Stromponsky sr., Genuss, Land, Nachhaltigkeit
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Post von Frau Stromponsky sr.: Fasten im Kloster

Liebe Marla,

„Ich muß den Berg der Üppigkeit verlassen, ich will runter auf eine Lichtung der Bescheidenheit.“

Dieser Gedanke beschäftigte mich seit dem letzten Stück vom Weihnachtsbraten. Mein Kopf war voll. Die Aufnahme neue Impulse schien mir allmählich nicht mehr möglich. Ich kam schlecht zur Ruhe. Ich konnte mich nicht konzentrieren. Meine Alarmglocken läuteten immer lauter. Ich sehnte mich nach einem neuem Kopf, der nicht so schwer auf mir lastete. Was also nun?
Mir war klar: ich kann mir  oben keinen Laptop installieren, ich muss mich richtig um mein Wohlergehen kümmern. Eine Entscheidung war schnell getroffen und ich meldete mich zu einer Fastenwoche in einem Kloster an. Fasten kannte ich bereits von früher, hatte dessen heilende Wirkung aber längst vergessen. Und schon ging es los.

Loslassen

Vor ca. 14 Tagen, nur mit einem kleinem Koffer und zwei Büchern ausgestattet, fuhr ich zum Ort meiner inneren Reinigung. Auf Anraten der Fastenunterlagen habe ich schon drei Tage zuvor meine Mahlzeiten minimalistisch gehalten und auf zwei Mahlzeiten pro Tag reduziert. Im Kloster angekommen, es war Samstag 17 Uhr, ging es sofort zur Sache. Meine Fastenbegleiter und ich (11 Frauen, 3 Männer) gingen in den für uns vorgesehenen Speisesaal, wo die Leiterin des Abenteuers uns freundlich begrüßte. Sie erklärte ganz genau den Verlauf der Fastenwoche ohne die Unpässlichkeiten auszulassen. Damit meinte sie Folgendes: Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, das Auftauchen alter Beschwerden, Schlaflosigkeit und Herzbeschwerden. Die Erstfaster unter uns, fünf an der Zahl, waren durch die Direktheit der Dame sichtlich schockiert. Ich zählte mich mit drei Fasten-Erfahrungen bereits zu den Routiniers und bewahrte meine Ruhe.

Schuld war nur der Honig

Um 18 Uhr begann das Fasten offiziell. Die Küche servierte uns frische Gemüsebrühe, diverse Kräutertees, Zitronen, Ingwer und Honig.( Ich bin fest davon überzeugt, dass es der Honig war, der uns drei Tage später von einem kollektiven Selbstmord abgehalten hat.) Zu diesem Zeitpunkt waren wir alle noch frohen Mutes: „Das kann ja wirklich nicht so schwer sein“ klang aus jedem Mund. Um 19.30 Uhr wurde gemeinsam abgeführt. Jeder bekam ein Glas warmen Wassers mit drei Teelöffeln Bittersalz vermengt. Wir sollten es in einem Zug leeren. Das Zeug schmeckte fürchterlich, diente aber einem gutem Zweck. Mein Darm brauchte kaum eine Stunde, um in Aufruhr zu gelangen. Hektisch eilte ich auf mein Zimmer, natürlich im dritten Stock und es gab keinen Lift. Mit viel Glück erreichte ich Toilettenschüssel. „Gott sei Dank problemlos ein Punkt abgearbeitet“, so meine Gedanken zu dem Zeitpunkt. Das war allerdings nur der Anfang. Es folgten mehrere Entleerungen bis in die Nacht hinein. Und ein Unterwäschewechsel, das soll nicht unterschlagen werden – mein Darm war in diese Nacht Lichtjahre schneller als meine Beine. Gegen drei Uhr morgens schlief ich endlich fix und fertig ein.

Das große Elend

Ab Sonntag verliefen alle Tage gleich.

8 Uhr – Tee, frisch gepresste Säfte, Wasser
9.30-11.30 – Meditation, Gespräch im Stuhlkreis, Yoga
12 Uhr – Klare Brühe, Tee
14 Uhr – Wandern oder ruhen
18 Uhr – Klare Brühe,Tee, Wasser

Am Sonntag schleppte ich mich halb tot zum Frühstück. Alles unterhalb meines Bauchnabels fühlte sich lädiert an, mein Magen schrie unbarmherzig nach Brötchen und Kaffee. Was für ein Elend! Meinen Leidensgenossen ging es unterschiedlich. Bei manchen fing das Abführen erst mitten in der Nacht an, diese konnten folglich nicht mit uns essen. Andere waren noch topfit, deren  Därme rebellierten dann erst zu Mittagszeit. Den ganzen Sonntag und Montag hielt ich mich tapfer in dem Glauben, das Schlimmste überstanden zu haben. Pusteblume. Das Schlimmste lag noch vor mir. Das große Elend begann in der Nacht von Montag auf Dienstag. Ich konnte überhaupt nicht einschlafen, wurde immer gereizter und entließ gefühlt hundert Liter Urin in die Kanalisation. Dazu Herzrasen, dann leichte Atemnot. Mein alter, längst vergessener Tinnitus erwachte aus seinem hundertjährigen Schlaf, meine Beine erstarrten zu Betonklötzen. Ich war mir sicher: Ich stand vor der Pforte zum Jenseits! Den ganzen Dienstag, die sogenannte „Mahlzeit“ Brühe und Tee ausgenommen, verbrachte ich im Bett. Ich war fertig mit der Welt. Sogar der Weg auf die Toilette glich einem Marathonlauf. Am Mittwoch gegen 13 Uhr ließen die körperlichen Beschwerden nach. Dafür war ich nun in einer Fata Morgana gefangen. Überall sah ich Essen, Essen, Essen. Es war eine vierundzwanzigstündige Folter des Geistes, begleitet von extremem Hunger.

Fasten Endspurt

Am Donnerstag versuchte ich am Nachmittag einen Spaziergang zu absolvieren. Nachdem ich eine Viertelstunde sachte um das Kloster gegangen war und noch die 36 Stufen zu meinem Zimmer erklommen hatte, lag ich schweißgebadet vor Schwäche im meinen Bett. Die Nacht vom Donnerstag auf Freitag konnte ich wieder nicht schlafen, es war mir übel und leichte  Kopfschmerzen machten auch diese Nacht wieder unvergesslich. Am Freitag ging es mir endlich besser. Ich war zwar nicht ausgeschlafen, aber das Bedürfnis jemanden umzubringen, war gänzlich verschwunden. Ich ging spazieren, ohne Angst gleich in Ohnmacht zu fallen. Am Samstag, pünktlich um acht Uhr morgens, feierten wir alle zusammen überglücklich das Fastenbrechen. Es gab einen Bratapfel mit Rosinen, Joghurt und eingeweichten Pflaumen. Welch ein Gaumenschmaus!

Seit fünf Tagen bin ich nun daheim. Mein Kopf ist frei und leicht. Ich habe meine alte Ruhe wieder und hoffe den Berg der Üppigkeit nie wieder zu besteigen. Übrigens: es gab im Kloster kein Handy, kein Fernsehen, kein Radio. Ich lebe trotzdem noch. Und mein Fazit der Woche? Ich habe gelitten wie ein Hund, aber es war gut.

Küßchen, Mama.

2 Kommentare

  1. Mal wieder sehr spannend und unterhaltsam zu lesen – vielen Dank dafür!
    Dieses Jahr habe ich das Fasten für mich auch zum ersten Mal ausprobiert (allerdings zuhause, Anfänger-Level sozusagen) und ebenfalls (abgesehen von den Mordgedanken und dem schreienden Hunger in den Anfangstagen) als eine positive Erfahrung wahrgenommen, die mich erleichtert hat und die definitiv deshalb nicht meine letzte gewesen ist. 🙂

    Liebe Grüße
    Jenni

  2. Pingback: Sport- und Fitnessblogs am Sonntag, 16. April 2017

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