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Marla reist: Ein Tag in Magdeburg

Als ich dieses Jahr im Frühsommer für einen Tagesausflug nach Magdeburg aufbrach, hatte ich ein ziemlich starres Bild der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts im Kopf: Eine graue Stadt mit hässlichem Ossi-Charme, voller abgewrackter Industrieruinen und einer unverhohlenen Atmosphäre der Verzweiflung. Zum Glück kenne ich Inga, die coolste Socke der Stadt und die wiederum kennt die tollsten Ecken – und jetzt schlägt auch mein Herz für Magdeburg.

Erste Überraschung: Magdeburg hat noch in Grundzügen so etwas, was annähernd als historische Altstadt durchgeht. Komplett mit einem riesigen Dom, dessen Kreuzgang mit Aussicht ins Grüne nicht gerade „Hartz IV Assi Chic“ sondern eher „In nomines patre (uns gings im Mittelalter anscheinend ganz schön gut)“ flüstert.

Heimlicher Star des Tages: Die Elbe. Mit ganz viel Grün am Ufer, so dass man bei Sonnenschein rumfläzen, Schiffe vorbeiziehen sehen und von fernen Reisen träumen kann. Über eine Brücke erreichen wir den Rotehorn Park in der Flussmitte. Ich bin entzückt, denn hier lässt sich prima flanieren, abends beim Sonnenuntergang ein Bier genießen oder den Grill mit Freunden anschmeißen.

Von also wegen grauer Betonmief, Magdeburg kann Natur eigentlich ganz gut. Wir setzten unsere Stadttour auf dem Fahrrad fort, denn damit lassen sich auch versteckte Ecken gut erreichen und erkunden. Bevor Inga mich aber zum ersten Geheimtip lotste, gabs erst einmal Mittagessen. Bei der Eisdiele Botscheller gab’s ganz traditionell Vanilleeis mit roter Grütze, die wir am Elbufer zufrieden in uns reinschaufelten.

1x Rote Grütze mit Vanilleeis und Sahne @marlastromponsky

Ein von Inga (@inga3000) gepostetes Foto am

Meine Stadtführerin Inga wusste natürlich, wonach die Hipsterseele aus dem Westen lechzt: Ruinenporno. In einer alten Industrieanlage stiefelten wir durch die leergeklauten Fabrikhallen, hier und dort lagen noch Akten und zerbrochene Stühle herum, Graffitis an der Wand und Bierflaschen auf dem Boden waren ein deutliches Indiz, wozu die verfallenen Hallen inzwischen dienten. Die Wende scheint noch gar nicht so lange  her zu sein, trotzdem hat sich die Natur bereits ihr Terrain zurückerobert, wächst und wuchert und der Stein verfällt unterdessen. Diese vergessenen Orte sind natürlich keine klassischen Sehenswürdigkeiten und rein theoretisch ist das Betreten nicht immer legal – aber wir sind nur einmal jung und dumm!

Nachdem wir jeden Raum erkundet hatten und diverse Theorien bezüglich eines ausgebrannten Stockwerks aufgestellt hatten (lokale Jugend war besoffen und hat mit Feuerzeugen und Holz rumgespielt) schwangen wir uns wieder auf unsere Räder und fuhren zur Justizvollzugsanstalt, dem eigentlichen Grund, warum ich Magdeburg überhaupt erst besuchen wollte: 20 000qm Fläche mit Zellen und Stacheldraht mitten in der Stadt, die nun von lokalen Künstlern genutzt wird. Jeder Zelle wurde von einem Künstler gestaltet, der dabei vollkommene Freiheit hat. Die Resultate mögen nicht immer hohe Kunst sein, spannend ist es auf jeden Fall. Am meisten Spass machte es jedoch, Kritzeleien der ursprünglichen Insassen an den Wänden zu lesen. Zwischen Nazi-Parolen und Liebeserklärungen an blonde Engel war das Fazit übereinstimmend: Lasst mich raus!

Nach soviel Kunst hat man Hunger: Zum Glück gab es auf dem Gelände auch eine tolle VoKü, wo es ein hervorragendes Gemüsecurry mit Reis gab. Rundum zufrieden und mit vollen Bäuchen radelten wir gemütlich Richtung Bahnhof und legten einen kurzen Stopp für ein Feierabendbier bei der Schweizer Milchkuranstalt an der Elbe ein. Der Biergarten mit dem wohl niedlichsten Holzpavillon außerhalb der Schweiz hat alles, was das Feierabendherz begehrt: Craft Beer, Fassbier, Wein, Limo und Kuchen und Ausblick auf Dom und Elbe. Im Zug ließ ich den Tag Revue passieren und stellte fest: Magdeburg, du bist gar nicht so übel!

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