Genuss, Stadt
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Marla reist: Kuchen und Kitsch in Wien

Das ich erst in diesem Jahr zum ersten Mal in Wien war, ist ziemlich merkwürdig. Ich liebe den Kitsch der ganz großen Gesten und das hatten in Europa nur wenige so gut drauf wie die Habsburger. Schnitzel finde ich ziemlich gut und das sollen die Österreicher bekanntlich ganz gut können. Und dann bin ich auch noch großer Falco-Fan und Falco ist großer Fan von Wien. Auf die Idee nach Wien zu fahren kam ich trotzdem nicht. Insgeheim hatte ich Angst, dass Wien ein einziger endloser Wanda-Song ist.

Dann zog aber eine Freundin nach Wien und ich dachte mir, na gut, dann schau ich mir halt endlich mal den Schmarrn vor Ort an. Auf meinen Aufenthalt hatte ich mich dann auch perfekt vorbereitet: Ich kannte genau zwei Sehenswürdigkeiten (Prater und Schönbrunn) und wusste, dass Falco auf dem Friedhof begraben war. Und irgendwas mit Essen halt, Kaiserschmarrn, Schnitzel, Mehlspeisen, die ganze Show eben.

Hello, Vienna Calling

Ich war nicht darauf vorbereitet, wie angenehm unaufgeregt Wien mich mit seiner Gemütlichkeit, die irgendwo zwischen K.u.k-Zeit und Hipster-Berlin liegt, empfing. Die ganze Stadt ist durchzogen mit historischen und geographischen Referenzen, die einem aus Polen, Tschechien oder Italien bekannt vorkommen und hier zu einem homogenen Stadtbild verschmolzen sind. Und es gibt halt an wirklich jeder Ecke irgendetwas irre Köstliches zu essen, seien es Käsekrainer mit frischem Kren, Punschkrapferl oder Langos. Was Wien und mich außerdem verbindet: Wir schätzen beide gute Hausmannskost. Diese simplen und doch so köstlichen traditionellen Gerichte wie Schnitzel mit Kartoffelsalat und gemischten Salat (Café Anzengruber, Schleifmühlgasse 19), die bei guter Zubereitung Foie Gras und Austern jederzeit schlagen. Im Gegensatz zu Leipzig existiert die traditionelle Hausmannskost aber ganz unironisch in Gasthäusern überall in der Stadt. Dort kommen Jung und Alt, Touristen und Studenten, Agenturmenschen und Familienfeiern zum Abendessen und auf ein Feierabendbier zusammen. Ich bin leider nicht dazu gekommen, Gulasch zu probieren, aber ich habe so eine Ahnung, dass man ziemlich guten Gulasch in Wien essen kann. Womit Wien wirklich den Vogel abgeschossen hat: In wirklich jedem Kaffeehaus und Gasthaus gibt es Käsetoast (Café Prückl, Stubenring 24). Also meine Leib- und Magenspeise. Wie kann ich eine Stadt nicht lieben, die mir eine Rundumversorgung mit geschmolzenen Käse garantiert?

Wien, nur Wien du kennst mich up, kennst mich down

Vielleicht noch ein paar Worte zu Sehenswürdigkeiten, damit nicht der Eindruck entsteht, ich wäre ein Vielfraß mit sieben Mägen: Wer sich einmal mit der ganzen Welt auf den Füßen rumtrampeln lassen will, dem sei ein Besuch in Schönbrunn (Schönbrunner Schloßstraße 47) ans Herz gelegt. Die Ausstattung der kaiserlichen Räume ist zwar durchaus sehenswert, der touristische Logistikapparat drumherum zerstört allerdings ganz schnell jeden Funken von Sissi-Romantik. Die stolzen zwanzig Euro Eintrittspreis lassen sich anderswo besser investieren, zum Beispiel im Kunsthistorischen Museum (Maria-Theresien-Platz). Da bleiben nämlich noch sieben Euro übrig für ein Stück Esterhazy Torte im Museumcafe, das im ersten Stock des Museums unter der prächtig verzierten Kuppelhalle residiert und mit der Kulisse so ziemlich jedes Kaffeehaus schlägt. Die ausgestellten Kunstwerke sind übrigens wunderbar gehängt, so dass auch Kunstbanausen wie ich staunend von Raum zu Raum wandern und sich ab und zu überwältigt auf eine der vielen bequemen Samtsofas niederlassen. An einem Regentag kann man hier gut und gerne einige Stunden verbringen, ohne das Langeweile aufkommt.

Über den Wurstlprater bin ich auch spaziert, schließlich ist Vergnügen mein zweiter Vorname und es macht ausgesprochen viel Spaß sich die vielen Fahrbuden anzuschauen. Und weil ich schon mal da war und der Name Programm ist, habe ich auch eine Eitrige gegessen, das ist eine leicht geräucherte Brühwurst, die mir vermutlich besser geschmeckt hätte, wenn sie nur gebrüht und nicht geräuchert gewesen wäre (Wurstlstand Bitzinger,  Nähe Riesenrad auf dem Wurstlprater).

Alles klar, Herr Kommisar?

Um das Programm abzurunden bin ich dann noch aus einem Bunker ausgebrochen. Also eigentlich war es kein richtiger Bunker. Im Grunde genommen war es auch kein richtiger Ausbruch, denn die Tür war zwar geschlossen, aber nicht abgeschlossen. Bei einer sogenannte „Room Escape Challenge“ wird man mit seinen Mitspielern in einen Raum eingeschlossen und hat ein bestimmtes Zeitfenster, in dem man eine Aufgabe durch das Zusammenpuzzeln von vielen im Raum verteilten Hinweisen lösen muss (Room Escape by Mr. Fox, Schmalzhofgasse 1B).  Da ich ja nie Computer spiele, bin ich grottenschlecht im Lösen von Rätseln. Dem wird auch nicht durch den Umstand geholfen, dass ich nicht kopfrechnen kann. Zum Glück hatte ich zwei sehr talentierte Mitspielerinnen, sonst würde ich vermutlich noch immer im Bunker sitzen und versuchen die Codes für die nukleare Atombombe klarzumachen.

Er war ein Punker und er lebte in der großen Stadt

Und falls Ihr Euch wundert: Ich habe natürlich auch Falcos Grab besucht (Zentralfriedhof, Simmeringer Hauptstraße 234). Es tut mir leid, das an dieser Stelle sagen zu müssen, aber der arme Mann hat das hässlichste Grab, das ich jemals gesehen habe. Ich dachte, ich würde das Grab einfach an einem unangemessen großen Stein mit fetten Goldlettern erkennen, der wiederum untergeht in einem Meer voller weißer Rosen (weiß wie Schnee. Oder Kokain). Stattdessen ist es einfach mittelmäßig, was ein Schlag ins Gesicht ist, denn für jemanden wie Falco ist Mittelmäßigkeit das Schlimmste auf der Welt. Bereut habe ich meinen Besuch trotzdem nicht, denn der Zentralfriedhof ist ein wunderbarer Ort für einen Spaziergang und eine spannende Entdeckungsreise durch die Geschichte Wiens.

Wien

 

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