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Marla reist: 30 Stunden Zürich

Zürich

Pünktlich um 12.00 Uhr mittags landete ich letzten Freitag in Zürich. Unser Codegirls-Vortrag sollte erst abends um sieben losgehen, draußen herrschten Temperaturen, die eher an Rom als an Zürich erinnerten und ich und meine Begleitung wussten so ziemlich gar nichts über Zürich, Nur eine Sache hatten wir uns im Vorfeld sagen lassen: Unbedingt Bikini einpacken und eines der vielen Flussbäder besuchen. Ich hatte mein Badezeug ziemlich skeptisch eingepackt und nicht damit gerechnet es auszupacken. Die mediterranen Temperaturen, die neuerdings einen deutschen Sommer ausmachen,  haben allerdings auch die Schweiz im Klammergriff, nur das es sich dort irgendwie italienischer anfühlt. Aus diesem Grund habe ich in den 30 Stunden, die ich in Zürich verbrachte, bestimmt fünfmal die Redewendung „La Dolce Vita“ benutzt. Und immerhin zweimal „La joie de vivre“. Und falls es Euch interessiert, ich kam mir angenehm mondän dabei vor.

Wir beschlossen die Zeit bis zu unserem Vortrag mit Baden zu killen. Und der Suche nach bezahlbaren Lebensmitteln, denn obwohl ich es eigentlich besser weiß, lassen die Schweizer Preise mein Herz doch immer einige Schläge lang aussetzen. Zum Glück für uns lag unser Hotel im (laut Internet) „angesagten Trendviertel im Züricher Westen“ und damit nur einen kurzen Spaziergang vom Flussbad „Untere Limmat“ entfernt. Der Züricher Westen ist eine wunderschöne Anhäufung von ehemaligen Fabriken, in denen früher Schiffsmotoren, Zigaretten oder Damenunterwäsche produziert wurde und die nun Bars, Schauspielbühnen, Einkaufszentren und Unternehmen ein neues Zuhause bieten. Im Gegensatz zu Leipzig sieht es allerdings wesentlich aufgeräumter, ja, ich würde sogar das Adjektiv „idyllisch“ in diesem Zusammenhang benutzen. Sowieso ist ja alles sehr idyllisch in der Schweiz: Die blankpolierten Straßen, ihre adretten Bewohner, die völlige Abwesenheit von Armut oder Flüchtlingen, die Karawane an Luxuskarossen, die sich in der Sonne funkelnd ihren Weg durch die Stadt bahnt und die enorme Ansammlung von Kapital in Form unverschämt teurer Handtaschen, die an den Handgelenken der Passantinnen baumeln.

Was die Flussbäder angeht, sind die Schweizer aber sehr sozial, der Eintritt ist nämlich frei und von den hygienischen Zustände auf den dortigen Toiletten können sich deutsche Freibäder gerne eine Scheibe abschneiden. „Unser“ Flussbad (ja, die Tatsache, dass wir zwei Tage hintereinander dort zum Schwimmen waren berechtigt mich zu dieser Aussage) war bei Weitem das Schönste. Nicht nur, dass die Strömung den eigentlichen Schwimmvorgang überflüssig machte und ich mich einfach treiben lassen konnte, nein, die cleveren Schweizer haben dort auch gleich ein Auffanggitter für das menschliche Treibgut installiert. Das azurblaue Wasser verbreitete eine enorme Ferienstimmung in mir und hätte ich es mir leisten können, hätte ich das mit Eiscreme und Limo gefeiert. Nach unserem Vortrag besuchten wir die Geburtstagsparty eines lokalen Co-Working Space namens Colab am Sihlquai und tranken das teuerste Bier unseres Lebens. Die zweite Runde finanzierten wir dadurch, dass ich die Biergläser der achtlosen Schweizer einsammelte und das Pfand einkassierte. Neben den Bierpreisen machten uns besonders die High Heels und das sorgfältig frisierte Haar der anwesenden Damen klar, dass wir nicht mehr in Leipzig waren. Dort besteht die Ausgehuniform für einen Freitagabend ja bekanntlich aus den verrauchten Klamotten von gestern, die aussehen wie aus der Kleidertonne gefischt, Birkenstocks und Haar, das nach allem, bloß nicht frisiert aussehen darf.

Was wiederum sehr billig in der Schweiz ist: Second-Hand Designer Mode. Während auf den Leipziger Flohmärkten ja mittlerweile schon verrostete Emailleeimer für 15 Euro verhökert werden, bekommt die eifrige Schnäppchenjägerin jeden Samstag auf dem Flohmarkt Bürkliplatz für den gleichen Preis fast schon irgendwas von Hermes oder Dior. Da ich nur mit Handgepäck reiste, musste ich die Designerschätze sehr schweren Herzens hängen lassen. Da wir unser Segelboot im Wattenmeer zurückgelassen hatten, es uns aber aufs Wasser zog, gönnten wir uns 1,5stündige Rundfahrt über den Zürichsee, die mit 8,60 CH ein wahres Schnäppchen war. Nicht nur konnten wir die am Seeufer gelegenen Villen der Reichen und Schönen aus nächster Nähe unverhohlen anglotzen, sondern auch ihre Segel- und Motorboote, mit denen sie auf dem Zürichsee rumcruisten. Viel zu schnell legten wir wieder am Bürkliplatz an und hatten die im Nachhinein fatale Idee in der prallen Mittagshitze den obligatorischen Spaziergang durch die Altstadt zu unternehmen. Da am Ende des Spaziergangs das kühle Nass des Flußbades auf uns wartete und ich mich dann auch allmählich wie ein Brathähnchen fühlte, das von allen Seiten in der Sonne gegrillt wird, kann ich gar nicht viel zur Innenstadt sagen, außer: Sie war sehr schön. Und sehr aufgeräumt.

Die deutlichste Erinnerung habe ich an die (klimatisierte) Convenience-Food-Abteilung des Supermarkts, in dem es vom Quinoasalat über Pizza bis hin zu diversen Joghurtvariationen alles gab. Ich entschied mich für einen Salat und eine Brezel mit Frischkäse, die zu dem für Schweizer Verhältnisse unschlagbaren Preis von 11,70 CH so gut wie umsonst waren. Und wie ich so am Ufer einer der teuersten Städte Europas saß und an meinem abgepackten Supermarktsalat knabberte und das Leitungswasser genoss, dass ich mir vorausschauender Weise im Hotel abgefüllt hat, war ich auf einmal sehr glücklich. Ich weiß nicht, ob es die Erleichterung war, nicht mehr in der Sonne gegrillt zu werden oder die Vorfreude auf die kleinen Tafeln Schokolade, die Swiss Air auf dem Rückflug an uns Passagiere verteilen würde, aber es war ein schönes Gefühl.

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