Leipzig, Nachhaltigkeit, Selbermachen
Kommentare 2

Into the Wild: Ein Wildkräuter-Spaziergang

Wildkräuter

Es zeugt vermutlich von meiner Erwachsenwerdung, dass ich an einem Sonntag um halb neun aufstehe, um an einem Spaziergang zum Thema „Wildkräuter in der Stadt“ teilzunehmen. Veranstaltet von den wunderbaren Menschen vom Gemeinschaftsgarten Annalinde, die ich ja bereits für ihre köstlichen Dinner liebe.

Ich hatte mein Leben lang angenommen, dass die Stadt der falsche Ort für eine pralle Auswahl an Wildkräutern ist. Und mich, wie so oft, ganz schön geirrt. Mittlerweile findet sich in der Stadt, gerade in so einer schönen grünen wie Leipzig, mehr Auswahl als auf dem Land. Und so stapften ich und 19 andere Wildkräuter-Enthusiasten bei hitzigen Sommertemperaturen los. Hinter der Stadtbibliothek Plagwitz liegt der erste Stopp unserer Entdeckungsreise: Eine kleine unbeachtete Wiese neben einer Baustelle. Botanik-Analphabeten wie mir fällt auf den ersten Blick eigentlich nur der Holunder ins Auge, der Rest sieht aus wie normales Gras mit Blümchen dazwischen. Aber oh, wie ich mich da täusche.

Da gibt es zum Beispiel Gewöhnliches Hirtentäschle. Die Samen schmecken ein bisschen Kresse und eignen sich super, um einen Salat aufzupeppen. Und weil darin viele scharfe Senföle enthalten sind, kann man daraus richtigen Senf herstellen – die Samen werden dazu zerstoßen und mit Salz und Essig abgeschmeckt. Daneben geht es gleich spannend mit Wiesensalbei weiter, der mich bislang nur durch seine hübschen violetten Blüten begeistert hat. Die Blätter lassen sich entweder als Tee oder Presssaft verarbeiten. Friedlich daneben wächst die Schafgarbe, ein Kraut, das ich bislang wirklich nur als Unkraut kannte. Die zarten Blätter machen sich jedoch ungemein gut in jedem Kräuterquark – einfach mal ausprobieren!

Die Blüten des Schwarzen Holunder (die ironischerweise weiß sind) duften wunderbar zitronig und ich könnte den ganz Tag an einem Zweigchen schnuppern. Doch nicht nur olfaktorisch sind die Blüten ein Genuß, sie peppen auch wunderbar Pfannkuchenteig auf: Die frischen Blüten maximal 45 Minuten nach dem Pfin Pannkuchenteig tauchen und in der Pfanne ausbacken. Schmeckt wunderbar nach Holunder!

Schwarzer Holunder

Irgendwann wollen wir es aber wissen: Wie ist das nun eigentlich mit dem Fuchsbandwurm?  Der Biologe kann es uns beruhigen: Zwar gibt es Füchse in der Stadt, das Risiko ist jedoch gering, da man bei Kräuterblüten immer nur sehr geringe Mengen zu sich nimmt und oft davor auch abkocht. Und im Gegensatz zu Süddeutschland ist der fiese Wurm hier nicht so verbreitet.

Wo ein Wille ist, sind auch Wildkräuter

Wir ziehen weiter zum nächsten Stopp, dem Jahrtausendfeld. Hier werden wir gleich vom Namensgeber Leipzigs begrüßt: Die Winterlinde oder im slawischen Sprachraum „Lipsia“. Die Blüten lassen sich zu Lindenblütentee trocknen, der bei Halsschmerzen hilft und zudem eine beruhigende Wirkung hat. Die klebrigen Blüten haben aber auch tierische Fans: Bienen lieben den Nektar und stellen daraus leckeren Lindenblütenhonig her. Die kleinen roten Punkte sind übrigens harmlos und schaden der Pflanze auch nicht.

Wildkräuter gibt es auf dem Jahrtausendfeld in Hülle und Fülle. Gleich als erstes stoßen wir auf die Vogelwicke. Auch diese Blüte habe ich bislang nur am Rande wegen der hübschen Blüten registriert, auf die Idee, die Blüten zu essen, wäre ich nie gekommen. Sie schmecken leicht erbsenartig und entfalten besondere Köstlichkeit, wenn sie in Bierteig ausgebacken werden. Sehr beruhigend finde ich auch die Information, dass die Vogelwicke mit keiner anderen Pflanze verwechselt werden kann – es besteht also null Vergiftungsgefahr.

Vogelwicke

Direkt daneben wächst in rauhen Mengen Beifuß, den ich eigentlich nur als Gewürz für die Weihnachtsgans kenne. Das leicht bittere Kraut hilft fettiges Fleisch zu verdauen und passt generell gut zu Wildfleisch. Toll, da kann ich bald wiederkommen und in großem Stil sammeln. Einige Meter weiter bleiben wir vor einer unscheinbaren braunen Blüte stehen: Der Spitzwegerich. Er lässt sich prima zu Tee verarbeiten, kurioser finde ich allerdings den Tipp, die Blätter in Streifen geschnitten zum Beispiel mit einem Omlett anzubraten. Anscheinend entfalten die Blätter dabei einen Geschmack, der an Champion erinnert. Ich bin sehr gespannt!

Am Ende unseres Spaziergangs die größte Überraschung: Auf dem Jahrtausendfeld wuchert Orgeano. Ich dachte immer, das Kraut würde in deutschen Gefilden gar nicht wachsen und bin höchst begeistert, weil Oregano einfach spitze zum Würzen ist. Der frische ist allerdings weniger intensiv als getrocknet, da die ätherischen Öle sich im trockenen Zustand leichter lösen. Und ich habe beschlossen, ab sofort immer zum Kräuter sammeln zum Jahrtausendfeld zu spazieren.

Oregano

Vielen Dank für den tollen Spaziergang an die Annalinde!

2 Kommentare

  1. Wundervoll! Es ist schon erstaunlich, wie gut man sich auch in der Stadt von dem, was die Natur uns schenkt ernähren kann, ohne alles im großen Supermarkt zu kaufen. Ich habe auch schon ein paar Mal Kräuter gesammelt, aber dennoch würde ich gerne mal an so einer Tour teilnehmen, um noch mehr kennzulernen.

    viele liebe Grüße
    Rebecca

    • Marla Stromponsky sagt

      Liebe Rebecca, ich kann das nur empfehlen – ich hab so viel gelernt, vor allem was die Zubereitung angeht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.