Digitales Leben
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Gedankenquark: Es gibt kein analoges Leben im Digitalen

Analoges Leben im Digitalen

Dieses digitale Leben, es stresst. Es ist nicht einfach, immer on zu sein, zu liken, zu sharen und, ganz wichtig, zu snappen. Dem Stress entrinnen wir mit unserer Meditations-App, obwohl uns das klammheimlich stresst, dieser Zwang zu meditieren und abzuschalten. Wisst Ihr wie schwierig es ist, voll cute zu meditieren und dabei ein Selfie für Instagram zu knipsen? Statt „Ohm“ shanten wir dann schnell „Shit Shit Shit“, weil noch nicht einmal die Kombi aus fünf Filtern und aktuer Überlichtung das Bild retten können. Die Augen sind ja zu und die Körperkoordination im Arsch, das passt nicht zu unseren selbstauferlegten Influencer-Standards. Bei Konzerten stehen wir gerne ganz vorne, so live und ganz nahe dabei, aber schauen eigentlich nur durch unser Display zu. Die tausend kleinen Lichter im Dunkeln, das waren früher Feuerzeuge. Jetzt sind es tausende von blaustichigen Displays, die verwackelte Aufnahmen festhalten, die morgen schon wieder vergessen sind.

Totally mindful und so

Irgendwie haben wir es geschafft, Mindfullness und „im Moment zu leben“ zu predigen, aber dabei eigentlich zu meinen: Sei achtsam und lebe im Moment, aber vergiss bitte bei aller Self-Care nicht, dass wir in einer hyperkapitalistischen Welt leben. Wenn wir uns in einer Fünfzig-Stunden Woche verheizen und am Wochenende drei Flaschen Wein und zwei Linien Koks brauchen, um runterzukommen, dann sind wir es uns eben selbst schuldig, die Meditations-App anzuwerfen, um fit zu sein für den nächsten Burn-Out. Am Ende des Burn-Out Tunnels wartet schließlich der Heilige Gral der Selbstverwirklichung.

Neben toller Karriere muss also auch das Privatleben gepimpt werden. Achtsamkeit und gute Lebensführung werden zum Stress. Wir wollen nachhaltig essen, gut aussehen, schön wohnen und romantisch lieben. So wie die perfekten Menschen auf Instagram. Aber was, wenn unser Essen echt hässlich ist, weil wir Bock auf Essiggurken und Leberwurst haben? Wenn wir statt im Altbau in Stockholm in der Platte in Köln-Porz wohnen, unsere Wohnung wie ein Haufen Sperrmüll eingerichtet ist, unsere Klamotten von Primark und unser Make-up von DM stammen, ist dass dann Karma, weil wir es verpeilt haben, im vorletzten Leben Hitler zu erschießen?

Lieber Fake als real?

Das achtsame, das tolle Leben, es verkauft Zeitschriften, Yogakurse und Work-Out-Klamotten, es erhebt das dänische Wörtchen Hygge zum Leitfaden eines glücklichen Lebens und es ist treibende Kraft unzähliger Social-Media-Accounts. Die Likes trudeln ja von selbst ein, wenn wir Bilder von Tulpen und Kuchendates mit Freundinnen posten, uns in perfekter Balance in die Downward Dog Position schmeißen oder den Sonnenschein am Meer genießen. Das es zwölf Anläuft und fünf Filter für das Bild gebraucht hat, das wir eine Stunde über den Tweet nachgedacht hat, dass wir Geld ausgeben, dass wir nicht haben, damit es aussieht als ob wir es eben doch besitzen – egal. Den Gegensatz von unserem zur Schau gestellten „Abschalten“ und der Tatsache, dass wir 24/7 online sind, ignorieren wir geflissentlich. Genau wie die Wahrheit: Nämlich, dass die perfekten Menschen auf Instagram auch mal Pickel haben. Oder einen schlechten Tag. Aber bezahlt wird man eben nicht für ein verpickeltes Selfies

Ist analog besser?

Analog ist nicht besser, wir sind keine besseren Menschen, nur weil wir offline sind. Aber der Druck ein online präsentiertes „achtsames“ Leben möglichst perfekt zu reproduzieren, macht uns nicht satt, nicht glücklich, nicht verliebt. Er ist blanker Hohn. Wo bleibt die Achtsamkeit, die Ruhe und Gelassenheit, die Gemütlichkeit, wenn wir anstatt ein Avocadobrot zu essen, es lieber aus fünf Winkeln fotografieren, anstatt der Freundin zuzuhören, lieber eine Story drehen , anstatt den Sonnenuntergang mit unserem Herzblatt zu genießen, hektisch nach dem besten Filter suchen. Leben wir so etwa im Moment? Oder anders gefragt: Kann es ein achtsames Leben im digitalen Rraum geben?

Was sagt Ihr? Ist analog besser? Teilt Ihr Eure Mindfulness am liebsten digital mit? Lassen sich Momente genießen, ohne sie zu teilen?

6 Kommentare

  1. Hier gilt, wie fast immer: Die Dosis macht das Gift.
    Ich lebe viel digital, aber habe auch kein Problem damit mal analog unterwegs zu sein und meine Momente mit niemanden außer den körperlich anwesenden Personen zu teilen. Für mich ist es sogar so, dass ich die wirklich richtig herausragend tollen Momente nie digital verbreite, denn in dem Moment genieße ich und denke nicht daran, wie ich ihn digital festhalten könnte.
    Aber deswegen sind meine Social Media-Kanäle auch nur Spaß und keine Follower-Magneten 😉
    LG Lexa

  2. Pingback: Linkliebe № 2 - LexasLeben

  3. Bonsoir,

    wahre Worte – danke dafür!

    Irgendwie habe ich zu viel davon gesehen, von all diesen ach-so-selbstverwirklichenden Accounts. Was inspirieren sollte, langweilt. Es ist alles so perfekt inszeniert und arrangiert, dass es oft nur noch hohl wirkt.

    Und auch wenn diese oder jene Bildsprache oder bestimmte Motive fast schon ein Garant für mehr Herzchen sind… wayne. Was habe ich davon, dass ein paar Hundert mir unbekannte Leute ein Bild liken, was so auch x andere Menschen hätten aufnehmen können, nur weil ich mit Motiv & Umsetzung einem Trend folge? Klar, im ersten Moment fühlt es sich super an, die ganzen Likes eintrudeln zu sehen. Aber dann kommt der schale Beigeschmack durch. Geliked werde ja nicht ich mit meiner Arbeit, mit dem, was mich ausmacht… sondern bloß ein handwerklich annehmbares Bildchen, was gerade dem Zeitgeist entspricht. Und dafür ist mir meine Zeit dann doch zu schade. Da habe ich lieber weniger Follower, die ich dafür größtenteils kenne und deren Posts mich wiederum auch wirklich interessieren, der Menschen hinter dem Usernamen wegen.

    Liebe Grüße
    Anne

    • Marla Stromponsky sagt

      Hallo Anne,
      gelikt ist ja schnell, aber wie Du finde vermisse ich da auch oft die Auseinandersetzung mit dem Inhalt. Mittlerweile mag ich am liebsten die Menschen, die es schaffen individuellen und orginellen Content zu kreiern, egal ob es trendy ist oder nicht.

  4. Im Moment kann man sehr viel über diese Thematik lesen und ich verstehe das nicht so wirklich! Letztlich ist es doch so, jeder entscheidet, was er wie oft online unternehmen möchte. Bin ich gestresst von zu viel Social Media Kram, dann muss ich halt die für mich logische Konsequenz ziehen und mich ein wenig aus diesem Bereich zurückziehen.

    Die Frage ist aber natürlich auch immer, was man will! Berufsblogger leben nun einmal von dieser digitalen Welt und können wohl kaum ein paar Tage das Handy beiseite legen. Allerdings ist es doch so, dass egal in welchem Berufszweig man auch unterwegs ist, durchaus gestresst und nahe dem Burn Out sein kann. Nur wird es online halt für alle sichtbarer sein, als bei der Kassiererin an der Supermarktkasse, die aber auch einen extrem harten und dazu noch recht eintönigen Job hat.

    Ich denke egal ob digital oder nicht, wir achten generell zu wenig auf unser Selbst, was in einer schnelllebigen Zeit wie dieser aber auch unheimlich schwierig ist, da halt immer gewisse Dinge von uns erwartet werden und diese Erwartungen sind bitte in einem gewissen Zeitrahmen und auf eine bestimmte Art und Weise (bei Bloggern der überbelichtete Instagram-Account) zu erfüllen.

    Liebe Grüße
    Rebecca

    • Marla Stromponsky sagt

      Hallo Rebecca,

      du hast Recht, das kann jeder für sich selbst entscheiden. Nur können das vielleicht nicht alle so gut wie Du reflektieren und lassen sich zumindest auf einer unbewussten Ebene stressen und unter Druck setzen. Es ist in unserer digitalisierten Welt sehr schwer geworden, sich gewissen Bildern zu entziehen, egal ob man Berufsblogger ist oder nicht, weil sie einfach so häufig reproduziert werden und sich so tückisch im Kopf festsetzen.
      Etwas mehr auf sich selbst achten, wie Du sagst, macht also viel Sinn.

      Viele Grüße!
      Marla

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