Beste Freunde, Schwerpunkte
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Für immer Punk.

punk

Für immer Punk
Für immer Punk möchte ich sein
für immer Punk
willst du wirklich immer Hippie bleiben,
für immer, für immer

Manchmal, wenn ich Fahrrad fahre, Wäsche zusammenfalte oder koche, schießt diese Liedzeile durch meinen Kopf, gesungen von einem brüchigen Bariton, spielt sich dann in einer Endlosschleife ab: „Für immer Punk möchte ich sein, für immer Punk. Willst Du wirklich immer Hippie bleiben? Für immer. Für immer.“
Ich habe ehrlich gesagt ganz schön lange gebraucht, um zu kapieren, was Punk wirklich bedeutet.

Punk ist authentisch

Grunge war in meiner Jugend schon lange vorbei, statt Flanellhemden und ungewaschenen langen Haaren erhoben die späten Neunziger und die frühen Nullerjahre das artifizielle zum Maßstab aller Dinge. Die Kleidung war aus Polyester und kreischend bunt, am besten Sonnenblumen auf himmelblauem Hintergrund. Wir sollten Platauschuhe zum eisblauen Lidschatten tragen, künstliche Felljacken, die aussahen, als ob wir einen verfilzten Eisbär gehäutet hatten und Hosen mit Reflektorstreifen. Damit ja niemand unsere natürliche Haarfarbe erahnen konnten, färbten und bleichten wir, was das Zeug hielt und betonierten dann alles mit Mousse und Gel fest. Zu allem Überfluss wurde mit Guildo Horn dann auch noch Schlager salonfähig. Dann lieber Punk.

Punk ist unbequem

Als erstes muss ich wohl zugeben, dass ich gar nie richtig aussah wie eine Punkerin. Natürlich hatte ich irgendwann in der Pubertät quietschrote Haare, aber es waren die Nullerjahre und wir wollten alle sein wie „Lola rennt“. Meine Schwester war Punk und all ihre Freunde waren Punk und sie trugen schwere Boots mit Stahlkappen und Hosen, die sie mit Bleiche gebatikt hatten, die Haare waren verwaschen-bunt und bei besonderen Gelegenheiten wurden die heruntergeklappten Iros mit Föhn und Bier zu voller Pracht aufgerichtet. Verziert waren alle Punker mit einem Haufen Nieten, an den Jacken, den Gürteln, den Hosen und Rucksäcken, je größer und länger und spitzer, um so besser. Ich mochte lieber diese kleinen Pyramidennieten. Ich trug sogar einen zweireihigen Nietengürtel, aber ich gehörte nicht so richtig dazu.  Skatepunk, so nannten die richtigen Punker verächtlich meinen Musikgeschmack. Noch schlimmer: Ich mochte keinen Deutschpunk, ich hasste durchgefeierte Nächte und den Geschmack von Bier. Nicht einmal skaten konnte ich. Wie konnte ich da Punk sein?

Punk ist Rebellion

Was ich damals nicht wusste: Punk ist eben nicht nur Nieten, Siff, Sex Pistols und mittags damit anfangen palettenweise billiges Dosenbier zu trinken. Dieses Jahr feiert Punk seinen 40. Geburtstag und steht damit ein bisschen vor der Midlife Crisis. Ich dagegen habe endlich kapiert: Irgendwie bin ich auch ganz schön Punk. Weil Punk eben mehr als Musik ist. Sondern eine Lebenseinstellung. Während mir die optimistische Friede-Freude-Eierkuchen-Einstellung der Hippies einfach zu utopisch ist, kommt die desillusionierte Geisteshaltung des Punk ziemlich nahe an meine eigene ran. Ja, die Gesellschaft ist abgefuckt, ja die Welt geht vor die Hunde und ja, Kapitalismus ist zu großem Teil schuld dran. Und es liegt an uns, dagegen aufzubegehren, zu rebellieren und Dinge zu verändern. Das ist Punk.

Für immer Punk

Die roten Haare sind Vergangenheit, der Nietengürtel wurde schon seit Jahren nicht mehr gesehen, aber Skatepunk höre ich manchmal immer noch ganz gerne. Bier trinke ich inzwischen ganz gerne, hauptsache ich komme vor Mitternacht ins Bett. Ich glaube nicht, dass Anarchismus eine Gesellschaftsform ist, die mir zusagen wird. Trotzdem bin ich für immer Punk. Weil ich nicht für immer ein Hippie bleiben will.

Was denkt Ihr – ist Punk das was im Kopf passiert oder das, was wir am Körper tragen? Oder vielleicht beides?

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