Feminismus, Frau Stromponsky sr.
Schreibe einen Kommentar

Frau Stromponsky sr.: Kaffeeklatsch und lesbische Liebesgeschichten

Kaffeeklatsch

Liebe Marla,

gestern war ein Sanne-Tag.
Sanne und ich kennen uns schon gefühlte 120 Jahre. Vielleicht sogar länger. Unter dem Namen Susanne Hipp schreibt sie lesbische Liebesgeschichten und das seit einiger Zeit sehr erfolgreich. Und seitdem unsere Kinder die Hotels „ Mama“ verlassen haben, treffen wir uns regelmäßig um über den Sinn des so wunderbaren Lebens zu diskutieren.  Jetzt haben wir wirklich die Zeit dazu. Wir gehen dann in unsere kleine Dorfwirtschaft, bestellen etwas Leckeres, dazu guten Wein und parlieren über die alten und neuen Zeiten. Wir treffen uns immer um 12 Uhr 30.Bis 16 Uhr haben wir alle Themen durch und gehen zufrieden nach Hause.
Gestern beschloss ich unsere Gespräche als ein Interview mit ihr zu gestalten. Sanne war einverstanden und ich freute mich, Dir meine inzwischen berühmte Freundin vorstellen zu dürfen.

Hallo Sanne! Vor 120 Jahren, als wie uns kennenlernten, waren wir mitten im Erziehungsstress mit unseren pubertierenden Kindern. Heute ist das Geschichte. Schreiben war damals noch kein Thema für Dich, oder doch?
Nein, Schreiben war damals kein Thema. Da hast Du Recht. Als meine Kinder pubertierten, war ich dabei „Pflegemanagement“ zu studieren, als Fernstudium, neben einer Leitungsstelle in der teilstationären/ stationären Pflege. Es war eine stressige Zeit, die keinen Raum mehr ließ für etwas Kreatives.
Warum lesbische Liebesgeschichten?
Weil sie es wert sind geschrieben zu werden (lacht). Ich halte es für ungeheuer spannend, wie Frauen zueinander finden.
In deinen Büchern steht manchmal Autobiographisches. Ist das eigene Leben Vorlage für gute Geschichten?
Nein, das würde ich nicht behaupten. Ich streue nur hier und da etwas von meinem Leben ein. Für mich ist es eine wunderbare Möglichkeit mir die eine oder andere Sache im Nachhinein schön zu schreiben. Das Genre bietet sich an, genauso wie die Handlungsorte meiner eigenen Biographie. Es gibt meinem Leben eine nachtägliche Leichtigkeit.
Du warst jahrelang mit einem Mann verheiratet, und hast dich dann in eine Frau verliebt. Wie kam es dazu? Wie hast du das neue Glück mit einer Frau erlebt?
Nun, ich war schon immer ein religiöser Mensch, habe wie alle anderen geheiratet, Kinder bekommen. Eine Familie habe ich mir immer gewünscht, nie in Frage gestellt. Dass Männer für mich gar nicht das Objekt wirklicher Partnerschaft sind, habe ich erst nach etlichen Jahren gemerkt. Das war mir dann doch zu wenig an wirklicher Nähe, Zweisamkeit, Erotik. Mit einer Frau war das schlagartig anders. Da fühlte ich mich verstanden, aufgehoben und begriff plötzlich warum alle Welt immer nur von Sex redet. Es ist ja wirklich etwas Schönes!
Hast du das Gefühl, die jungen Frauen von heute gehen offener um mit ihrer lesbischen Identität?
Ja, natürlich. Viele Wege wurden bereits von der früheren Lesbengeneration geebnet. Ein Arbeitgeber darf mich heute nicht mehr diskriminieren, auch wenn es sich um einen christlichen Arbeitgeber handeln sollte. Eine lesbische Frau hat heute mehr Möglichkeiten sich zu wehren, muss sich weniger gefallen lassen. Ich warte endlich auf die Gleichstellung der Ehe mit der Lebenspartnerschaft. Ein Armutszeugnis, dass es die große Koalition noch nicht geschafft hat, was in vielen anderen europäischen Ländern längst der Fall ist.
Klischees über Lesben, gibt es die?
Mein schwuler Kollege behauptet, Lesben erkennt man an ihren kurzen Haaren, karierten Blusen und Wander- Outfit. Ich sage ihm dann immer, woran ich schwule Männer erkenne. Wir schenken uns da nichts (lacht).
Käufliche Liebe wird immer mit sehr negativen Emotionen in Zusammenhang gebracht. Du beschreibst in deinem Buch über erotische Dienstleistung auch für die Frau. Eine geniale Sache, um Klarheit zu haben. Siehst du das wirklich so?
Vorweg: Ich distanziere mich von Formen der Prostitution, die Frauen unterdrücken, mit Menschenhandel einhergehenklar.
In meinem Buch beschreibe ich Tantra, als Möglichkeit sich berühren zu lassen und wahre Berührung zu lernen. Das sehe ich in der Tat so, erotische Dienstleistungen haben durchaus ihre Berechtigung. Insbesondere, wenn du dich selbst besser kennenlernen möchtest und dem Alter von One-Night-Stands nach Club-Besuchen entwachsen bist (sofern dies jemals für dich in Frage kam!).

Ist das Leben einer lesbischen Frau 2017 genauso, wie das einer heterosexuellen Frau? Oder brauchen wir noch ein paar Jahre, um existierende Vorurteile aus der Welt zu schaffen?
Bemerkenswerterweise entwickelt sich in den letzten Jahren eine zunehmende Polarisierung der Gesellschaft. Die Entwicklung in Frankreich hat mich sehr überrascht. Homophobe Ströme nehmen zu, unter dem Deckmantel dieser besorgten Bürger. Diesen Rechtsruck bekommen Homosexuelle zu spüren. Wir dürfen nicht aufhören uns zu wehren, und für unsere Rechte zu kämpfen.
Was war für dich das schönste Erlebnis, seit du schreibst?
Schreiben heißt für mich, in aller Stille an meinem Schreibtisch zu sitzen, aus dem Fenster zu sehen, und dabei meine Gedanken zu Papier zu bringen. Das ist für mich eines der schönsten Erlebnisse, zu sehen, wie Figuren, die ich erschaffe, ein Eigenleben beginnen. Immer wieder spannend!
Wenn Du darauf anspielst, was es mir an menschlichen Begegnungen gebracht hat, dann denke ich an die vielen netten Rezensionen, oder E-Mails, die ich von Frauen erhalten habe. Das hat etwas Beglückendes. Oder der Kontakt zu den Mitarbeiterinnen der Landesfachstelle für sexuelle Gesundheit und Familienplanung in Rostock, zum Beispiel, die auch mal mit Passagen von Sanne Hipp arbeiten. Das erfüllt mich mit Stolz und Freude, dass meine Texte in der Lage sind, Menschen zu berühren.
Sanne, ich danke Dir für das Gespräch. Es war toll, jetzt ist aber Zeit für einen Espresso, was meinst Du?

Wir tranken dann doch lieber einen Tee und aßen einen Erdbeerkuchen. Mit Schlagsahne.
Ein gemütlicher Nachmittag ging zu Ende.
Küßchen, Mama.

Bild: Matthew Henry // Unsplash.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.