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Über Essen schreiben

Telefon

Über Essen zu schreiben ist irgendwie unbefriedigend. „Is das so?“ fragt meine Schwester per Telegram. Die App, nicht die mit Hilfe von Fernschreibern übermittelte telegrafische Nachricht. „Ja, is so“ antworte ich. Wir beide schreiben uns jeden Tag ungefähr zwanzig Nachrichten, die meisten davon drehen sich um Essen. Was ich gegessen habe, was sie gegessen hat, was ich essen werde, was sie essen wird, was ich zu Essen gekauft habe und wie die neue vegane Spinatpizza von Lidl schmeckt. Früher haben wir SMS geschrieben. Aber weil es so viel Geld kostet, ein Foto per SMS zu schicken, strenggenommen also eine MMS zu senden, haben wir nur Worte benutzt. „Es was lecker“, „Nom Nom Nom“, „Yummy“ oder „Eklig“, „Furchtbar“, „Würg“ – subjektive Kurzkritiken in 140 Zeichen. Seit drei Monaten kommunizieren wir über Telegram. Schreiben wir über Essen, schicken wir gleich ein Foto mit. Oft schicke ich auch nur ein Foto. Ohne Text. Letzte Woche zum Beispiel, als ich meiner Schwester um 18:11 Uhr ein Foto von dem in meinen Augen besonders gelungenen vegetarischen Ragu Bolognese schickte. „Mhhhhhhhhhmmm“ kommentiert meine Schwester um 19:13 Uhr. „Ich glaube, ich habe jetzt herausgefunden, wie man das beste vegetarische ragu bolognese macht“ schreibe ich ihr um 19:21 Uhr. Das weckt ihr Interesse, denn bereits um 19:22 Uhr fragt sie „Ahhhhjaaaaa???!???“, gefolgt von einem drängenden „Wie???“ um 19:23 Uhr. Um 19:44 Uhr musste ich ihr gestehen, dass ich den Vorgang nicht schriftlich transkribieren konnte „Ich muss dir das mal demonstrieren. Das Geheimnis ist anscheinend der mix von gemüsefrühe, in wasser gelöstem tomatenmark, tomaten und Rotwein.“ Wir diskutieren noch bis 20:39 über die Form des Bolognese-Ersatzes, ich schlug Linsen vor, sie Sojageschnetzeltes, dann musste ich los, weil ich mit Freunden in der Kneipe verabredet war.

Wir schreiben über Essen, weil ein „Puh, mieser Tag, heute brauche ich unbedingt eine Pizza“ manchmal mehr sagt als tausend Worte. Es das Teilen eines Alltags, den wir 650km entfernt voneinander leben. Einen Alltag, den ich gerne mit meiner Schwester teilen würde, aber nicht kann, weil noch niemand eine Messenger-App erfunden hat, mit der ich ihr Wontons im Bruchteil eines Wimpernschlags schicken kann, um sie davon kosten zu lassen. Also ja: Über Essen schreiben ist unbefriedigend, weil kein Wort einen Löffel mit dampfender buttriger Polenta  ersetzen kann. Aber wenn wir schon nicht miteinander essen können, ist das Foto eines Tacos mit dem Kommentar „Hammer!!“ das Äquivalent zu „Lecker war es, aber wish you were here.“

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