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Endemittezwanzig trifft: Marcus Held, Regisseur von ORNIS

ORNIS Endemittetrifft

„Und, was machst Du so?“ „Ich drehe eine Doku über neun Leipziger Ornithologen und die Vogelwelt Leipzigs“. So oder so ähnlich mag das erste Gespräch von Marcus und mir über seinen Dokumentarfilm ORNIS ausgesehen habe. Der Film ist inzwischen abgedreht, eine Crowdfunding-Aktion zur Finanzierung der Post-Produktion läuft momentan, bevor die Doku ihre Runden auf diversen Filmfestivals drehen wird. Höchste Eisenbahn also für ein „Endemittezwanzig trifft“ mit Marcus.

Du hast Kunst studiert, drehst aber einen Dokumentarfilm über Vögel. Wie bist Du zum Filmen gekommen? Hat Dich das schon als Kind begeistert oder kam die Faszination Film erst später?
Ich habe Medienkunst in Leipzig studiert und während des Studiums kommt man mit zahlreichen Medien und Gestaltungsformen in Kontakt. Intensiver dem Film, bzw. nach der Digitalisierung ja eher dem Medium Video, habe ich mich nach dem Studium zugewandt. Mich hat erstmal interessiert zu dokumentieren. Da die Gestaltungsmöglichkeiten im Film sehr groß sind, siehe Bild-, Ton – und Zeitebene, ist es im nächsten Schritt möglich, relativ komplexe Eindrücke zu verarbeiten, ohne zu viel drumherum kommentieren zu müssen. ORNIS ist mein erster Langfilm und obwohl es einen recht klaren Erzählfaden gibt, merkt man sicher, dass ich keine klassische Filmausbildung genossen habe, einige gewohnte Konventionen bewusst ignoriere und das Bild gern für sich stehen lassen möchte.

In deinem neuen Dokumentarfilm ORNIS geht es um neun Leipziger Ornithologen sowie die Vogelwelt in und um Leipzig herum im Wandel der Zeit. Was meinst Du, wer hat sich den neuen Gegebenheiten (Wende, Kapitalismus, Globalisierung, Klimaerwärmung) besser angepasst: Die Vögel oder ihre Beobachter?
Ich glaube das eine eindeutige Antwort hier irreführend wäre. Eine Einteilung in Winner und Looser wird komplexen Prozessen wie Globalisierung oder Klimaveränderungen kaum gerecht. Die Intensivierung der Landwirtschaft z.B. wurde sowohl in der DDR als auch in westlichen Staaten vorangetrieben und wird aktuell durch die Globalisierung weltweit katalysiert. Für viele Vogelarten des Offenlandes wie Kiebitz, Feldlerche und Rebhuhn ist diese Entwicklung in Deutschland  sehr negativ einzuschätzen, da auf intensiv bewirtschafteten Flächen, die mit Pestiziden behandelt werden, keine Nahrung mehr für sie vorhanden ist. Andere Vogelarten wie der Haussperling, den jeder kennt, sind, durch anthropogene Transportmittel inzwischen quasi global verbreitet. Die Ornithologen aus meinem Film sind alle Teil einer Generation, die im 2. Weltkrieg aufgewachsen ist und in der DDR sozialisiert wurde. In den Gesprächen hatte ich das Gefühl, dass die starke Bindung an das Interesse für Vögel, vielleicht über gesellschaftliche Veränderungen hinaus auch eine Konstante ist, die Stabilität schafft, auch in Zeiten sozialer und persönlicher Unsicherheit.

ORNIS Marcus Held

Was sich bestimmt einige an dieser Stelle fragen: Wie kommst Du eigentlich darauf, einen Film über Leipziger Ornithologen zu drehen?
Die Idee schwelte erst einige Jahre vor sich hin, da sich mir schon die Frage stellte was mich genau an diesen Personen eigentlich interessiert und ob es nur mich interessiert. Nach einiger Zeit habe ich gemerkt, dass sich diese Fragen aber nur beantworten lassen, wenn man auf die Menschen zugeht und sich mit ihnen beschäftigt. So habe ich einfach begonnen die Interviews zu führen und auch schnell aufgegeben nach Antworten zu suchen, die ich mir vielleicht vorgestellt oder gewünscht hätte. Ich habe ihnen erstmal zugehört, um dann zu schauen was eigentlich in den Gesprächen steckt. Da war dann sehr viel Subtiles zwischen den Zeilen, oftmals auch stärker in der Art des Ausdrucks als den eigentlichen Inhalten. Ich hoffe der Film kann diese Art Gefühl für die Protagonisten ein wenig transportieren.

In Zeiten von Bungee Jumping, Social Media Live Streams und Iron Man wirkt Vögel beobachten als Hobby etwas behäbig. Würdest Du trotzdem eine Lanze für das Hobby der Ornithologie brechen?
Gibt es noch Leute, die Bungee Jumping betreiben? Also, wenn junge Menschen heutzutage Vögel beobachten, heißt das gerne auch mal Birding und der Birder hat dann in vielen Fällen eine entsprechende App auf seinem Mobiltelefon, mit er seine Beobachtungen live auf eine Online-Plattform uploaden kann. Das müsste auch für Digital Natives relativ flott klingen. Es wird auch verstärkt daran gearbeitet, solche erarbeiteten und öffentlich verfügbaren Daten durch sogenannte Citizen Science Projekte für die Wissenschaft verwertbar zu machen. Die Digitalisierung dringt also auch in solch scheinbar antiquierte Freizeitbeschäftigungen wie Vogelbeobachtung vor und assimiliert diese.

Etwas zugespitzter gefragt: Worin liegt der Reiz, stundenlang im Wald rumzusitzen und darauf zu warten, dass einem ein Vogel vor die Linse fliegt? Was treibt einen da an?
Klar scheint mir, dass Vogelbeobachtung dazu einlädt in eine Parallelwelt abzutauchen, in der man dem menschlichen Alltag vermeintlich entfliehen kann. Die Ornithologen mit denen ich gesprochen habe, sprachen aber weniger von tollen Einzelbeobachtungen die sie begeisterten, sondern mehr von Projekten wie dem Erfassen der Brutvögel eines bestimmten Ortes oder langjährigen Spezialisierungen auf eine Vogelart, mit der sich dann vorrangig beschäftigt wird. Ich denke man kann in diesem Zusammenhang von Arbeit sprechen, die geleistet wird und Struktur schafft. Ein wichtiger Aspekt ist auch das Sammeln. Ornithologen sowie die modernen Birder lieben Listen. Solches Abarbeiten bietet natürlich auch viele Belohnmomente. Ich denke aber auch, dass die Faszination in der Ornithologie darin liegt, dass die Objekte der Begierde eher Subjekte sind, also Lebewesen, die, um es etwas pathetisch auszudrücken, einem selbst auch widerspiegeln das man lebt und sich als Teil in diesem sehr großen System von Leben insgesamt verorten lässt. Ich glaube, diese Relation existiert zwischen der Briefmarke und ihrem Sammler nicht.

ORNIS poster

In Leipzig sehe ich vor allem Tauben und Krähen, ab und zu noch die obligatorische Meise oder einen Reiher im Park. Welche Vögel kann ich denn hier in der Stadt noch entdecken?
Ja, die Saatkrähen leiten auch meinen Film ein. Weitere typische Kulturfolger, die eigentlich vorrangig in Städten und anderen Siedlungen leben, sind Haussperling, Turmfalke, Mauersegler, Hausrotschwanz und Weißstorch. In den Parks findest du Nachtigall, Grün- Grau- und Buntspecht, Kleiber, Amsel, Singdrossel, Mönchsgrasmücke, Gartengrasmücke und Waldkauz, am Wasser Bachstelze, Gebirgsstelze, Eisvogel und natürlich Stockenten, Schellenten, Mandarinenten, Bläss- und Teichhuhn, sowie Teich-, Sumpf- und Drosselrohrsänger. Leipzig ist außerdem dahingehend besonders, dass die Stadt fast vollständig von einem leider etwas zu stark vom Wasser getrennten Auwald durchzogen ist, in dem Arten vorkommen, die kaum in anderen Städten zu finden sind. Zum Beispiel Rot- und Schwarzmilan, Mäuse- und Wespenbussard, Mittel- und Schwarzspecht, Kolkrabe, Trauerschnäpper oder Schlagschwirl. Auf den alten Tagebauflächen um die Stadt herum lassen sich dann auch spezialisierte Arten wie Braun- und Schwarzkehlchen, Steinschmätzer, Brachpieper und Flussregenpfeifer finden. Soweit nur auzugshaft. Du merkst, der erwähnte Listendrang kommt durch und es könnte durchaus noch so weiter gehen.

Und natürlich muss ich in diesem Zuge auch fragen: Was ist dein Lieblingsvogel?
Wenn wir in der Stadt bleiben, finde ich, dass der Mauersegler einfach einer der faszinierendsten Vögel ist. Er ist vollständig auf das Fliegen hin ausgerichtet und  verbringt bis zu 10 von 12 Monaten ununterbrochen in der Luft. Er schläft sogar im Flug und auch Intimitäten werden im Fliegen ausgetauscht. Mauersegler können außerdem nicht vom ebenen Boden aus von selbst abfliegen, sie brauchen immer einen erhöhten Punkt, von dem aus sie sich sozusagen fallen lassen können.

Falls es die ein oder andere Leserin jetzt angefixt ist: Wie fange ich denn an Ornithologe zu werden? Brauche ich dafür spezielles Equipment?
Dein wichtigstes Equipment sind deine Ohren und deine Augen, die sind schon mal kostenlos (also immer schön Ohrschutz rein beim Konzert- und Partybesuch). Da wir Menschen aber keinen Adlerblick besitzen, bietet es sich als Unterstützung an ein Fernglas zu benutzen. Das kann auch erstmal Oma´s altes Carl-Zeiss-Fernglas sein. Auch wenn es unzählige Internetseiten zum Thema gibt, ist es nicht schlecht ein paar Bücher zu besitzen. Allen voran ein Bestimmungsbuch für die hier vorkommenden Arten. Der Standard ist momentan Der Kosmos Vogelführer, der, nach seinem Autor, in der Fachwelt einfach nur der „Svensson“ genannt wird (gibt es natürlich auch als App). Wenn es um Vogelstimmen geht, kann ich auf diese Seite verweisen. Dort werden weltweit Vogelstimmen von Freiwilligen hoch geladen und können dort nach gehört werden. Es werden auch regelmäßig Vogelexkursionen in Leipzig und Umgebung angeboten. Einfach mal bei den Veranstaltungen der Naturschutzverbände reinschauen oder beim Ornithologischen Verein.

Als geborener Leipziger kennst Du die Stadt ja bestimmt wie Deine Westentasche. Wo gehe ich als Anfänger-Ornithologin hin, wenn ich Vögel beobachten will? Und vor allem: wann? Es heißt ja so schön „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ und das gibt mir zu denken.
Der Hausrotschwanz vor meinem Fenster hat vorgestern um dreiviertel vier am Morgen begonnen zu singen. Also ja, der frühe Morgen ist für Ornithologen meist das A und O, es lassen sich aber über den ganzen Tag hinweg Vögel beobachten, wobei in der  Mittagszeit am wenigsten los ist.
Und die Orte? Am besten mal die Parks der Stadt besuchen oder auch die Friedhöfe. Der Auwald selbst liegt für viele auch in Fußweite. Für Wasservögel bieten sich natürlich Gewässer an, die neu entstandenen Tagebaufolgelandschaften sind noch nicht vollständig mit Einfamilienhäusern und Zeltplätzen umzingelt, diese Chance sollte man  nutzen. Eigentlich kannst du aber fast überall in der Stadt auf Vögel treffen. Es ist vor allem die Aufmerksamkeit, die durch die Vogelbeobachtung unglaublich profitiert.

Wer ORNIS gerne sehen möchtet, spendet am besten gleich etwas. Die Crowdfunding-Aktion bietet tolle Goodies, neben Download-Link, DVD oder Filmposter könnt (vorrausgesetzt Euch brennt zu viel Kleingeld ein Loch in den Geldbeutel) Ihr Euren Namen vielleicht schon bald als Produzentin in den Credits bewundern. Und danach nichts wie raus in die Natur und Vogelstimmen erkennen üben!

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