Arbeitswelt, Frau Stromponsky sr.
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Ein Brief von meiner Mama: Traumjob, Realität und all der Shit

Liebe Marla,

bei dem Wort „Traumjob“ handelt es sich um zwei Wörter: Traum und Job. Eine gefährliche Zusammensetzung. Für mich ist es eine sanfte Umschreibung für: Utopische Maloche, lass die Finger davon! Da gehst Du unter! Das Wort Traum knöpft an unerreichbare Dinge an, an Sachen, die im wirklichen Leben nie stattfinden werden. Das Wort Job dagegen suggeriert entweder eine vorübergehende Tätigkeit oder eine Beschäftigung, die nur mit Unlust ausgeübt wird.

In meiner Endemittezwanzig Zeit, ach was, noch viel, viel früher, gab es eine innere Berufung für das, was Mann oder Frau im erwachsenen Leben machen wollten. So fanden sich die Berufe, in denen meine Generation ihr Leben lang das Geld fürs Butterbrot und Miete verdienen konnte. Diese Berufe waren in der Regel interessante Tätigkeiten, die das Talent und das Wissen des Arbeiters zu Geltung brachten. Fast meine gesamte Generation suchte also nach eine Berufung und nicht etwa lediglich nach einem schnöden Job.

Zum Beispiel mein Schulfreund Werner. Er, der seit Kindergartentagen gerne schnitzte, ergriff den Beruf des Tischlers und zimmerte später seiner Frau Lina eine wunderschöne  Küche. Ich platzte fast vor Neid. Jadwiga, meine älteste Freundin, nähte für ihr Leben gerne und absolvierte eine Lehre zu Schneiderin. Sie schneidert noch heute in ihrem kleinem Atelier. Sie verdient nicht viel, aber es erfüllt sie mit Glück mit Garnen und Stoffen zu arbeiten. Janosch, Jadwigas Bruder, wurde Steinmetz. Er beherrscht die Fähigkeit aus einem noch so unscheinbarem Stein ein Kunstwerk zu machen. Ich glaube, er haucht den Steinen Leben ein und gibt ihnen eine Seele. Diese begleiten dann unsere Verstorbenen auf den Friedhöfen, sie stehen als Skulpturen in unseren Häusern oder Gärten.
So viel ich weiß ist Erik, mein erster Freund, Landwirt geworden. Seine Liebe zu allem was wächst, entbrannte im Biologieunterricht in der fünften Klasse. Als Hausaufgabe füllten wir damals ein Glas mit Leitungswasser und bedeckten es mit Mull, auf dem eine Bohne Platz fand. Das Ganze stellten wir auf die Fensterbank. Auf meinem Fensterbrett standen 2 Gläser (eins als Reserve). Erik brachte es auf 23 Gläser- es war Liebe auf den ersten Blick und der Anfang seiner großen Leidenschaft, der Biologie. Jadwiga erzählte mir  vor paar Jahren, dass Erik sein Agrarstudium mit Bravour abgeschlossen hatte und einer der ersten Biobauern Deutschlands war.
Bei meiner Schwester Dorota verlief die Sache mit der Berufung anders. Sie studierte Romanistik, um als Übersetzerin zu arbeiten. Weil das Studim finanziell nicht zu stemmen war, brach sie es nach dem 3 Semester ab und machte eine Ausbildung zur Hebamme. Eine Liebe auf den 2 Blick sozusagen.

So war es damals, als Berufe noch Berufung waren und ihnen viel Achtung galt. Deine Generation, liebe Marla, kennt es leider nicht mehr. Heute gibt es stattdessen die sogenannten „Traumjobs“ Es sind zeitlich begrenzte Tätigkeiten, die nur kurzfristig Eure Existenz sichern.
Ich kenne viele Deine Freundinnen und Freunde und erinnere mich gerne an die stundenlangen Gespräche mit Euch an unserem Küchentisch. Ihr wart damals zwar alle zehn Jahre jünger, aber die Berufe Eurer Zukunft waren für die meisten von euch klar definiert. Ihr habt Eure Berufung gespürt und den passenden Beruf für die Umsetzung der Fähigkeiten gesucht. Genau hier liegt aber der Hund begraben. Manche Berufe existieren nicht mehr oder es lohnt sich nicht, sie zu ergreifen. Weißt Du noch, Klara, Deine damals beste Freundin, sie ging nach Berlin um Modedesign zu studieren. Sie hat bis heute keine Arbeit gefunden, was mich überhaupt nicht wundert. Wozu auch in Deutschland gute Mode entwerfen, wenn tonnenweise billige Ware aus China den Weg in unsere Kleiderschränke sucht.
Oder Jasmin. Sie studierte Soziologie, die Hälfte davon im Ausland, in der Hoffnung dieser Umstand würde sich positiv bei der Arbeitsuche auswirken. Sie spricht  drei Sprachen fließend . Momentan jobbt sie als Praktikantin bei eine Kreiszeitung. Wäre sie nicht verheiratet, hätte sie ihr altes Kinderzimmer als erste Adresse angeben müßen. Denn Geld für eine eigene Bleibe verdient in Deutschland keine einzige Praktikantin.
Handwerksberufe sind noch schlimmer aufgestellt. Entweder gibt es keine Lehrstellen, so der Fall beim Instrumentenbauer (China läßt grüßen), Steinmetz, Schneider und vielen anderen. Oder man erlernt einen Beruf wie z.B. Krankenpfleger, Masseur oder Erzieher und kann kaum davon leben. Die ungünstigen Arbeitszeiten erwähne ich lieber erst gar nicht.
Ich habe keinen Plan B für diese Misere. Die heutigen Endemittezwanziger sind genau so interessiert an ihrer Gegenwart wie wir vor dreißig Jahren. Auch Ihr wollt nur für Euer Leben sorgen, es gestalten und Eure Kräfte der Gesellschaft zu Verfügung stellen. Wir wie damals. Aber Ihr bekommt keine Anerkennung, keine Achtung und kein Geld für Eure Mühe.
Shit.

Küsschen, Mama

3 Kommentare

  1. Wie wahr, wie wahr – und total traurig eigentlich, dass Handwerksberufe nichts mehr wert sind, nicht mal mehr die, die eigentlich noch gebraucht werden.

    Liebe Grüße,
    Linda

  2. Irgendwie macht mich dieser Text traurig, denn er zeigt, wie sehr die Menschen an gesellschaftlichen Normen gefesselt sind und die Denkweise übernehmen, die uns jahrelang eingetrichtert wird. Hast du kein Geld, bist du nichts! Das beste Ziel ist der Erfolg!

    Ganz ehrlich, wir machen uns über alles mögliche Gedanken, manche planen ihre nächsten 10 Jahre bis ins kleinste Detail…Doch wer weiß schon was morgen passiert? Ich habe für mich persönlich entschieden, dass zu machen, was mir wirklich Freude bereitet und sollte dies nur für ein Jahr möglich sein, dann ist es so, aber vielleicht war dann dieses Jahr, dass beste meines Lebens. 🙂

    • Marla Stromponsky sagt

      Das klingt auf jeden Fall nach einer guten Entscheidung. Ich hoffe, es wird ein großartiges Jahr für Dich!

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