Frau Stromponsky sr., Schwerpunkte
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Ein Brief von meiner Mama: Dein Kotelett, Flüchtlinge und Politik

Fachwerk Murrhardt

Liebe Marla,
Politikerin zu sein stand schon immer auf dem letzten Platz meiner Berufswunschliste.
An dieser Einstellung hat sich wenig geändert, seit wir in Europa mit dem Zustrom der Flüchtlinge (das Ergebnis globaler Krisen an denen wir schuld sind) offensichtlich gar nicht umgehen können. Marla, laß uns doch bitte eine eigene Partei gründen: „Endemittezwanzig- die Lösung für das 22. Jahrhundert!

Spaß beiseite, ich habe das große Glück in Europa zu leben. Die aktuellen Probleme des Kontinents bereiten mir allerdings große Kopfschmerzen.
Wie muß es erst den Menschen in den zerbombten Ländern der Welt ergehen, deren einziger Ausweg die Flucht in ein sicheres Land ist? Frau Seyla Benhabib, eine türkisch- amerikanische Professorin für politische Theorie und Philosophie, untersucht die Probleme der Globalisierung und Migration. Sie sagte in einem Interview mit Julia Decker folgendes:

„Mir ist in all den Jahren meiner Forschungsarbeit zur Asylfrage nie eine  Massenbewegung unter Flüchtlingen oder Asylsuchenden untergekommen. Auch keine Gewalt gegen Frauen von einer solch großen Gruppe. Meistens sind Flüchtlinge eher verletzlich. Ich würde gerne wissen, wer diese Eskalation produziert“.

Ich auch. All die vorschnellen Generalverdachte gegen  Flüchtlinge, die gerade im Raum stehen, sind nämlich unsachlich.
In meinem Dorf wohnen Flüchtlinge. Nicht viele, vielleicht zehn Stück. Manchmal sehe ich sie spazieren gehen oder einkaufen. Und sie grüßen mich, „Grüß Gott“ höre ich dann und schenke ihnen mein schönstes Lächeln. Sie kaufen, wie ich auch, in unserem kleinem Dorfladen ein. Die neue Kassiererin muß das freundlich sein noch bisschen üben, dafür sind die Besitzer unwahrscheinlich sympathisch. Jeden Morgen fährt deren Sohn mit einem Putzauto durch die Gänge und bringt den Boden zum glänzen. Vor dem Ladeneingang liegt ein Fußabtreter. Für uns Kunden. Wir Kunden benutzen ihn aber gar nicht, wir schenken diese Matte keinerlei Beachtung. Wir latschen einfach in den Laden. Punkt.
Seit dem die Flüchtlinge im Dorf sind, ändert sich der Umgang mit der Fußmatte. Ich stand letzte Woche an der Kasse und habe folgendes beobachtet: Die Flüchtlinge kommen rein, sehen den  jungen Man reinigen und bleiben vor dem Fußabtreter stehen.Sie beobachten erst einmal, putzen dann ihr Schuhwerk darauf ab und gehen folglich mit sauberen Schuhen in den Laden.
Diese kleine Begebenheit brachte mich zum Nachdenken. Sie erzeugte sogar Scham in mir. Der Ladenbesitzer reinigt sorgfältig seinen Laden, um uns Kunden wertzuschätzen. Und wir? Und ich? Ich habe bis dato diese Fußmatte nicht einmal gesehen, geschweige denn benutzt. Nur schön rein mit dem Dreck, irgendjemand wird es schon sauber machen.
Diese kleine  Episode lehrte mich den Respekt vor der Arbeit anderer neu. Egal, was es ist: Ob Boden putzen, Lebensmittel verkaufen oder Brot backen, es ist wichtig, demjenigen Respekt zu zollen, der etwas für mich macht.

Angst essen Seele auf

Alles was anders ist, anders aussieht oder anders denkt als wir, macht uns Angst. Keine Ahnung wieso, wir benutzen jetzt jedenfalls den Abtreter vor dem Laden und solidarisieren uns mit den Flüchtlingen. Diese große Sisalmatte  ist ein Symbol für ein Miteinander im meinem Dorf geworden. Großartig!Vielleicht wurden genau deswegen Abtreter erfunden: Um den ganzen Dreck an komplizierten Gedanken und Gerüchte der Matte überlassen und gereinigt Neues erkunden.
Küßchen, Mama
P.S. Übrigens, das muß ich noch loswerden: Nicht die Asylsuchenden und deren Glaube werden unser Untergang sein. Nicht einmal in hundert kalten Wintern! Was uns dagegen vom Globus fegen wird: Bewegungsmangel und Übergewicht. Meine Oma wusste dazu einen tollen Spruch: „Jeder Pfund geht durch den Mund“. Unser Lokalblättchen sieht es genauso: „Dein Körper ist das Gepäck, das du durchs Leben tragen musst. Je höher das Übergewicht, desto kürzer die Reise.“ Spätestens jetzt sollte der Mülleimer runter.

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