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Dorf vs. Stadt

Polen Breslau

Ostern, ich liege im Bett im Haus meiner Eltern, vor mir den aufgeklappten Rechner auf dem „The Rock“ läuft, weil „The Rock“ vermutlich der beste Actionfilm aller Zeiten ist. Und da meine Eltern in einem winzigen 1800-Seelen-Dorf mitten im Wald wohnen, ist da nicht viel Action. Mein Handy vibriert und reißt mich aus Überlegungen, ob es denn wirklich tragbar für die US-Regierung ist, für die Verfolgungsjagd nach einem einzelnen entflohenen Straftäter ganz San Francisco in Schutt und Asche zu legen. Was nämlich in dieser Art Film nie angesprochen wird: Wer bezahlt den Schaden? Gibt es denn keinerlei Protokolle, um so ein Milliardengrab zu verhindern? Bin ich die einzige Person, die Actionfilme anschaut und darüber nachdenkt? Eine Nachricht von einem Kumpel, ebenfalls bei den Eltern über Ostern:

„Ich bin in einem Provinzclub und fühle mich so Großstadt.“

In Leipzig kümmert es keine Sau wie Du aussiehst

Seit acht Jahren wohne ich nun in einer deutschen Großstadt, allerdings nicht in einer deutschen Metropole, was dazu führt, dass ich mich wiederum in deutschen Metropolen wie Berlin oder Hamburg oft sehr Provinz fühle. Jedenfalls fühle ich mich in der Provinz, bei meinen Eltern, auch oft sehr Großstadt. Nicht, weil ich es besonders darauf anlege: Ich packe mittlerweile nur noch ausgeleierte Wollpullover und ausgelatsche Chelsea Boots für den Fronturlaub ein. Nachdem ich herausgefunden habe, dass es in Leipzig niemanden juckt, wenn ich in Yogaleggings, zerlöchertem Hoodie und zerrupften Haaren meinen Wocheneinkauf absolviere, hat sich meine Definition von „ausgehfein“ ungemein geändert. Und vielleicht beginnt hier schon das erste Verständigunproblem: In einer Stadt wie Leipzig macht sich niemand schick. Schick ist uncool, uralte Sweater, Sneakers, Mom-Jeans und Oversized-Jeansjacken sind hip. Farbe ist ebenfalls eher uncool. Einmal in pinker Jeans gesichtet zu werden, wäre für die eigene Reputation furchtbar. Meine größte Angst in Leipzig besteht oftmals darin, vollkommen overdressed zu. So geschehen während der Buchmesse, als ich in meiner liebsten Vintage-Seidenbluse und rotem Lippenstift eine Lesung besuchte. Das Bier danach tranken wir in einer Connewitzer Punkerkneipe, wo alle außer mir und meiner Begleitung Nietenjacken, zerrissene Jeans, buntes Haar und definitiv keine Vintage-Seidenblusen trugen. Ich kam mir schrecklich overdressed vor und fühlte mich uncool. Genau so wie ich mich in einem Provinzclub zu cool fühle – außer mir haben sich alle schick gemacht und formen nach zwei Jacky-Cola begeistert einen Kreis, um Arm in Arm auf und ab hüpfen, weil endlich dieses eine Lied von Linkin Park läuft und man dazu traditionell im Kreis hüpft. Das ist nämlich so ein anderes Ding in deutschen Großstädten: Niemand tanzt. Also nicht so richtig, mit Gefühl und Emotion und hingerissener Freude. Coole Großstädter gehen in Clubs, in denen cooler Indie oder noch kühlerer Elektro läuft und dann steht man entweder rum und zeigt wenig Emotion oder man tanzt alleine, manisch, für sich zu Techno. Und leider (ja, wirklich, leider) bin ich nach so langer Zeit Großstadt so an un-emotionales Tanzen gewöhnt, dass mich so etwas befremdet. Wofür ich mich natürlich umgehend schäme. Mein Leben ist nicht besser oder schlechter, weil ich in der Stadt wohne. Es ist anders.

Stadt mag Retro, Dorf den Fortschritt

Auf dem Dorf habe ich in meiner Jugend begeistert ein Getränk namens „Korea“ konsumiert: Es war Rotwein, gemischt mit Cola. Von meinem heutigen Standpunkt ist dieses Gebräu ein Trank des Wahnsinns, sozusagen die Antithese eines Getränks, dass ich in meiner Hand wissen möchte. Damals allerdings kam ich mir wahnsinnig Avantgarde vor, weil ich überhaupt Rotwein zu mir nahm. In meinem Dorf wird jede noch so kleine Entfernung mit dem Auto zurückgelegt, wegen der viele Berge und Serpentinen überall, Fahrrad fahren ist etwas für ältere Herren in der Midlife-Crisis, die sich in hautengen knallbunten Trikots die engen Serpentinenstraßen den Berg hinauf quälen, während sich unmutige Mercedesfahrer hinter ihnen stauen. In der Stadt wiederum fährt man Rad, am besten Rennrad. Radfahren ist cool – Tram fahren leider nicht. Und wenn schon Auto, dann höchstens einen alten Volkswagen für das sogenannte #vanlife-Gefühl. Am Wochenende besuchen wir Städter Flohmärkte und erstehen allerlei Accessoires für unsere Wohnungen wie antike Milchkannen, Retro-Sessel oder bunt bemalte Bauernschränke, Gegenstände die wir für ihre Authentizität und Handwerkskunst schätzen. Auf dem Dorf landen sich solche Gegenstände oft genug im Sperrmüll, weil die neue Generation bei Möbel-Porta einkaufen war.

In der Stadt leben wir zwar näher an der Schwelle zu morgen, aber unser Leben gestalten wir gerne wie gestern: Altbauwohnung, Vintage-Rennrad, Second-Hand Klamotten, Mid-Century Möbel. Dem Leben auf dem Dorf weht ein bisschen der Ruf von gestern nach, mit Tradition und Folklore, die irgendwie auch noch mit vollem Herz gelebt werden. Aber man umgibt sich gerne mit den Symbolen von heute: Heimkinoanlage im Eigenheim darf es ruhig sein, blitzendes Auto und dank Zalando und Konsorten müssen wir auch im Dorf nicht auf die neusten Klamottentrends verzichten. Ist Stadt also besser? Oder leben wir womöglich freier auf dem Dorf? Ich glaube, die Antwort ist simpel: Home is where the heart ist. Mein Herz habe ich vor langer Zeit an Leipzig und damit das Stadtleben verloren. Stadtluft macht frei – zumindest mich. Und vielleicht verliere ich mein Herz in ferner Zukunft neu, an eine andere Stadt oder sogar ein Dorf. Denn das Allerwichtigste ist nicht Stadt oder Dorf, es sind die Menschen, die dort mit uns wohnen.

 

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