Stadt, Unterwegs
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Die große Endemittezwanzig Kaffeefahrt: Marienbad

Das Leben ist eine Reise…….
(Heinz Fischer, Reiseleiter)

Manchmal ergreift uns Fernweh. Dann möchten wir hinaus ins Weite, fremde Gestade erkunden, neue Abenteuer schmecken. Was aber tun, wenn das Geld knapp ist, die Zeit ebenso und es sich in unserem Fall um drei junge Fräuleins handelt, die ihre Freizeitvergnügen möglichst gediegen im Stile älterer Damen pflegen? So stöberte man hier, blätterte dort, bis schließlich die innere Rentnerin jubilierte beim Blick auf das Reiseangebot eines regionalen Busunternehmens: Eine Tagesfahrt ins tschechische Marienbad mit Polster & Pohl. Sommerfrische, here we come!

Marienbad mit seiner hochherrschaftlich-kaiserlichen Vergangenheit als Kurstätte der Reichen, Schönen und Paarungswilligen (Zitat Reisehandbuch: „Herzschmerz war hier nicht seltener als Rückenschmerz“)  sollte uns den perfekt Rahmen für unser Vorhaben bieten. Da wo schon Kafka, Goethe und Wagner  wandelten und Trinkkuren genossen, da wollten auch wir einige vergnügliche Stunden zubringen. Noch dazu bot die popkulturelle Referenz zur avantgardistisch angehauchten Filmkunstperle „Letztes Jahr in Marienbad“ einen wunderbaren Kontext, diese Reise ironisch verbrämt und intellektuell erhöht zu unternehmen. Marlas und Noras Versuch das Werk vor Reiseantritt in Augenschein zu nehmen, scheiterte  allerdings knapp am unschlagbaren Konkurrenzprogramm der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten.

So machen sich Marla, Nora und Anin ohne unnötigen intellektuellen Ballast an einem sonnigen Donnerstag Morgen auf dem Weg zum Busbahnhof. Lektion 1: Wer viel von seiner Tagesreise haben will, muss früh aufstehen. Punkt 7 Uhr rollt der fröhlich gelbe Reisebus samt 40 Passagieren im rüstigen Rentenalter, einem hochmotivierten Reisebegleiter und einem talentierten Busfahrer los in Richtung Süden. Wer während der etwa vierstündigen Fahrt auf gute Unterhaltung hofft, wird nicht enttäuscht: Reiseleiter Heinz  ist eine wahre Unterhaltungsgranate. In einem gewitzten Monolog serviert er seinen Lebenslauf, der ihn „im zarten Alter von 56“ ins Tourismusgewerbe führte und bildet mit Fahrer Tilo ein Duo infernale des „Einen hab ich noch“-Herrenhumors. Außerdem kennt Heinz eine Geschichte zu jedem Autobahndreieck, zu jeder Abfahrt und er hat Visitenkarten mit Palmenmotiv, die er während der Fahrt an alle Gäste verteilt – „falls jemand verloren geht“. Beschwingt und im Schlagerrhythmus von Matthias Reim bis Marianne Rosenberg schunkeln wir gut klimatisiert der tschechischen Grenze entgegen.

In Marienbad angekommen, ist der Parkplatz des Hotels Bohemia Ausgangspunkt unserer Erkundungen. Heinz empfiehlt das Etablissement nicht nur aufgrund des günstigen 3-Gänge-Mittagsmenüs, das optional mit der Reisegruppe eingenommen werden kann (Rindergulasch oder Fischfilet), sondern auch als mondäne Toilettenbenutzungsoption. Wir verzichten angesichts der Hitze auf das Essen und stürzen uns ins Marienbader Straßengetümmel. Dass das liebenswerte Örtchen ganz auf Tagestouristen ausgelegt ist, spürt man bei jedem Schritt, den man auf der Hauptstraße tut. Vor den Restaurants werben Angebotstafeln auf deutsch, Pferdekutschen mit fotografierenden Fahrgästen trappeln den Berg hinauf und Wechselstuben reihen sich an Souvenirläden. So oder so berauscht aber allein schon der Anblick der Häuser jedes kitschverliebte Auge: Zuckerbäckerverzierte Giebel, Erker, Balkone. Wir fühlen uns wie in Wes Andersons Budapest Hotel. Der Abglanz der Kaiserzeit wird hier geradezu greifbar.

Den architektonischen Höhepunkt des Ensembles bildet die Neue Kolonnade, ein pseudobarocker Kurtempel mit geschwungener Arkade, Deckenmalerei und Zierrat ohne Ende. In einem pavillonartigen Rondell können Heilwässer aus den verschiedenen Quellen der Umgebung verkostet werden. Angesichts  Temperaturen über 30 Grad im Schatten entscheiden wir uns, davon reichlich Gebrauch zu machen. Allerdings hat es so manches Wässerchen in  sich in Sachen Schwefelgehalt. Was anregend auf die Verdauung wirken soll, wirkt vor allem ekelerregend auf unsere Geschmacksnerven, die das faule-Eier-Aroma auch Stunden später noch nicht vergessen wollen.

Hitze und Hunger lassen uns schließlich in einem hübschen Straßencafé Platz nehmen und zu äußert günstigen Preisen Apfelstrudel, Palatschinken und frische Erdbeeren genießen. Dazu gibt es köstliche Limo-Variationen in hübschen Glasflaschen. Wir freuen uns mit den Wespen um die Wette. Frisch gestärkt gilt es nun das zu tun, was ein Kurgast im Heilbad zu tun pflegt: Wandeln durch schattige Parkanlagen. Das tun wir ausgiebig und gemächlich und sind dankbar über die vielen lauschigen Wasserpavillons, die uns mit ihrem kühlen und Gott sei Dank unschwefeligen Nass die Hitze erträglich machen.
Nicht verschwiegen werden soll schließlich unser kleiner Einkaufsbeutezug durch einen großen, wohltemperierten Supermarkt am nicht-touristischen südlichen Ende Marienbads, der besonders Marla in solch konsumbegeisterte Verzückung versetzte, dass sie alsbald noch separat davon berichten wird. Heinz‘ freundlichen Hinweis im Ohr, spätestens Viertel vor vier wieder im fröhlichen gelben Reisebus zu sitzen, treten wir den Aufstieg zurück ins Kurgebiet an. Erschöpft aber glücklich resümieren wir, dass unsere kleine Ausfahrt nichts zu wünschen übrig ließ: Kultur, Kulinarik, Konsum – für jeden ist etwas dabei. Beschwingt von den Weisen Helene Fischers aus den Bordlautsprechern spenden wir Reiseleiter Heinz und Busfahrer Tilo einen kräftigen Applaus und erreichen im Abendsonnenschein heimische Gestade.

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