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Die 400 Jahre alte Leiche

Shakespeare Todesanzeige

Liebe Marla,

davon muß ich Dir unbedingt berichten: Ich war auf eine Beerdigung. In Danzig.

Eigentlich nichts spektakuläres, bis auf die Tatsache, daß die Leiche  400 Jahre alt war. Vielleicht gerade deshalb, weil die Leiche längst über dem Verfallsdatum lag, erlebte ich eine gigantische Trauerfeier. Am Samstag, den 23. April 2016  um 13.30 Uhr traf sich eine englische Trauergemeinde am Grünen Tor der Danziger Altstadt. Die Mission: Einen Mann der Weltliteratur, oder besser gesagt, den Mann der Weltliteratur zu Grabe zu tragen – William Shakespeare.

Die Zeremonie begann mit einem Trauermarsch der 400 weinenden und traurigen Menschen, alles Lebensgefährten Shakespears.

Danzig Shakespeare

Die in tiefstes Schwarz gekleidete Trauergemeinde bewegte sich langsam Richtung Altstadt. Eine Gruppe  Trommler führte den Zug an. Die Trauernden und die Schaulustigen bewegten sich schaukelnd im Rhythmus der Trommeln, gingen durch die breiten Gassen der Altstadt, die Aprilsonne trocknete unsere Tränen. Trauer und Verzweiflung lagen über den Dächern der Ostseestadt Danzig. Nach ca. 30 Minuten erreichten die Trauernden das Gebäude des Shakespear-Theaters und füllten dort die Ränge.

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Die Schaulustigen, ich darunter, besetzten das Parkett. Nach kurze Wartezeit wurde das Testament des großen Dichters verlesen, sehr zum Nachteil seiner Witwe. Sie erbte nur das zweitbeste Bett aus dem Nachlass, aber immerhin mit Bettwäsche. Madame Shakespeare zeigte laut ihre Enttäuschung, es half nichts, es blieb bei dem alten Zeug.

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Herr Shakespear zeigte sich dagegen sehr großzügig gegenüber seiner Tochter Judith. Sie erbte einen Haufen Geld. Auch enge Freunde wurden mit kleinen Geschenken bedacht. Nachdem das Testament verlesen wurde, kam es zu Tumulten auf den höheren Rängen. Dort saß die entfernte Verwandtschaft, die auf reiche Beute gehofft hatte, aber nichts abbekommen hatte.

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Begleitet vom Geschrei der Enttäuschten (hauptsächlich Familienmitglieder) und Lachen der Beschenkten (hauptsächlich Freunde) ging die Geschichte zu Ende. Wir hatten Shakespeare  wahrlich mit einer fulminanten „Beerdigung“ gewürdigt. Vielen Dank Danzig, für dieses tolle Live-Theater – ich hatte wirklich riesiges Glück, zufällig vor Ort zu sein und den Trauerzug begleiten zu dürfen!

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Liebe Grüße, Mama

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