Feminismus, Garderobe
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Deine Leben, Deine Lingerie

Unterwäsche Wäscheleine

Ich blättere durch Modemagazine. Eine Fotostrecke preist „20 Lingerie Trends für den Sommer“ an. Ich benutze das Wort Lingerie nie, ich bin mir auch nicht sicher, dass die bunt verwaschene Sammlung an Baumwollbuxen in meinem Kleiderschrank die Bezeichnung Lingerie verdient. Zudem folge ich in Bezug auf meine „Lingerie“ keinerlei Trends, außer dem der Bequemlichkeit und dass die besten Unterhosen in 5er-Packs kommen. Der Artikel ermahnt mich allerdings, dass meine Sammlung an verwaschenen Baumwollbuxen ein großes Manko ist. Würde ich mich und meinen Körper wirklich akzeptieren und lieben, so die Argumentation, würde ich meinen Körper schließlich nur in pastellige Spitze kleiden. Keine Frau, die noch bei klarem Verstand ist, kann schließlich ein aufregendes, selbst bestimmtes und erfolgreiches Leben führen, wenn schon die Unterwäsche eklatante Mängel aufweist. Ich weiß nicht, warum mich ein Haufen überteuerter Polyester-Spitze, die kneift und zwickt, glücklich machen soll. Das ist aber vermutlich ein klares Anzeichen für die Abgestumpftheit meines chaotisches Baumwollbuxen-Leben, das nach Rettung durch Lingerie schreit.

Der Artikel fleht mich an, mir etwas Gutes zu tun und mir wenigstens ein Set an farblich aufeinander abgestimmter Unterwäsche zu zulegen. Die abgebildete Unterwäsche kommt nämlich grundsätzlich nur in Sets. Ich blättere eine Seite weiter. Mehr Spitze, mehr Lingerie, mehr farblich aufeinander abgestimmt BHs und Unterhosen. Eine Frage drängt sich mir auf: Wie stellt sich die Marketingabteilung der Lingerie-Unternehmen unser Leben vor? Wieso werden diese Wäschesets mit lediglich einer dazu passenden Unterhose verkauft? Glaubt die Lingerie-Mafia, ich wasche jeden Abend die eine gute Unterhose im Waschbecken, damit ich die am nächsten Tag wieder mit dem dazu passenden BH anziehen kann? Weiß die Lingerie-Mafia denn nicht, dass Handwäsche der natürliche Feind meiner Freizeit ist?

Vielleicht ist es genau das, was in meinem Leben falsch läuft, denke ich, leicht beunruhigt. Und dann überlege ich: Ich würde gerne diese Frau kennenlernen, die nur perfekt aufeinander abgestimmte Lingerie trägt. Und die ihre farblich abgestimmten Wäsche-Sets mit den passenden Waschzyklen mühelos koordiniert. Bestimmt kann sie mir viel beibringen, denn wer bereits die eigene Unterwäsche so rigeros micromanagt, für den ist der ganze Rest ein Klacks. In ihrer Handtasche feiern nicht alte Fahrkarten, Bonbonpapiere, Tampons, Flyer, Haarnadeln und Kassenzettel eine wilde Party. Ihre Fenster sind geputzt, der Käse, die Butter und die Wurstwaren haben jeweils ihre eigene Dose im Kühlschrank, der Abfluss in der Dusche ist in jedem Fall nicht verstopft mit Haaren, Staub hat eine durchschnittliche Lebensdauer von einigen Stunden und sie vergisst nie, die alte Schicht Nagellack sorgfältig abzumachen und durch eine zu ersetzen. Kurzum, sie ist die perfekte Frau.

Aber, denke ich weiter, perfekt ist eigentlich ziemlich langweilig. Ich will eigentlich gar nicht erst anfangen, mein Leben bis auf die Unterwäsche zu micromanagen, dann fange ich bestimmt auch ganz schnell, Klopapier zu bügeln und wegen Katzenhaare auf meiner Bluse nervöse Zuckungen zu bekommen. Dann lieber farblich unkoordinierte Baumwollbuxen. Alle 20 Lingerie Trends für den Sommer werden also komplett an mir vorbeigehen.  Meine Selbstliebe drücke ich nämlich lieber mit dem Kauf eines saftigen Steaks aus – einfach, weil ich es mir wert bin.

5 Kommentare

  1. Die Frage nach dem Warum von nur einem Slip+BH habe ich mir auch schon mehrmals gestellt… und bin für mich zu der Antwort gekommen: Die Herstellen wollen auch nur verdienen. Anscheinend soll man jeden Tag Slip+BH wechseln. Zusammen. Und dann zusammen waschen. Aber das gibt weder mein Geldbeutel noch mein Schubladenplatz her 😀

    • Marla Stromponsky sagt

      Ich finde es besonders unlogisch, weil frau ja Unterhosen täglich wechselt, einen BH aber durchaus 3 Tage trägt.

  2. Ana sagt

    Haha der Trick ist sich die gleiche Unterhose paar mal zu holen. Ich habe, mit wenigen Ausnahmen, das gleiche Model zwanzig mal in Verschiedenen Farben. Allerdings alles Spitze bei mir; Baumwollunterhosen haben immer so komische Nähte die in mein Arschfett schneiden. Spannendes Thema.

    • Marla Stromponsky sagt

      Ja, so verfahre ich ja auch – aber für Frauenmagazine ist das vermutlich immer noch zusammengewürfelt. Die wollen ja explizit, dass ich ein Set von La Perla kaufe. Das so teuer ist wie all meine Unterhosen zusammen.

  3. Toller Text…und mal ehrlich? Wer wechselt bitte jeden Tag den BH um dann den passenden Schlüppi dazu anziehen zu können oder hat Bock 300€ für 30 cm Stoff zu bezahlen?

    Liebst,

    Madlén

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