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Decoding Stereotypes: Auf Klo ist das geilste, was uns allen passieren konnte

Auf Klo

Welche Geschichten würdet ihr Mädchen im Teenageralter erzählen, wenn ihr die Chance hätte ein Serienformat für sie zu entwickeln? Lydia Meyer und Patrick Stegemann von der Kooperative Berlin haben für funk, das junge Angebot von ARD und ZDF, eine feministische Talkshow entwickelt, die Auf Klo stattfindet und deshalb genauso heißt. Die Moderatorin Mai trifft dort immer donnerstags starke weibliche* Persönlichkeiten um mit ihnen über Themen wie Freundschaft, Übergewicht oder erste Küsse zu sprechen. Ich habe mich mit den beiden Köpfen hinter dem Format zu einem Gespräch über die Notwendigkeit von weiblichen Rolemodels, die Nervfaktoren von Youtube und den Umgang mit Hate Speech getroffen.

Lena Kuhlmann: Wie ist die Idee zu Auf Klo entstanden?

Lydia Meyer: Es gab eine Ausschreibung von ARD und ZDF ein Videoformat für Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren zu entwickeln. Für funk fanden Patrick und ich es spannend, uns mit einem jungen Publikum zu beschäftigen und gemeinsame persönliche Interessen wie z.B. den Umgang mit gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten mit eben diesem jungen Publikum thematisieren zu können. Wir dachten uns also: “Machen wir mal ein paar Überstunden und schreiben ein freches Konzept, weil wir ja eh keine Chance beim ZDF haben.”

Patrick Stegemann: Haha, genau. Frech, pfiffig und forsch sollte es werden. Wir haben uns mit einer Gruppe Mädchen aus Karlshorst getroffen um zu verstehen, welche Themen für unser potenzielles Publikum überhaupt interessant sind. Dabei entstand schnell der Eindruck, dass es ein Orientierungsformat sein muss, das eine erwachsene Sprechhaltung hat, aber trotzdem die Themen der Zielgruppe kennt. Dabei sollte es politisch sein, ohne es sich das auf die Brust zu schreiben, sondern eher eine allgemeine politisch orientierte Grundhaltung mitbringen und trotzdem entspannt sein.

LM: Und vor allem witzig sollte es sein! Die Mädchen nehmen selbst nicht zu ernst und sind irre witzig. Sie haben keinen Bock auf politische Ernsthaftigkeit. Gleichzeitig hatten wir den Eindruck, dass die sogenannte Zielgruppe viel weiter ist, als wir es vielleicht in dem Alter waren. Beispielsweise ist eine Mädchengruppe, mit der wir uns unterhalten haben, nach unserem Termin freiwillig in der Schule geblieben um sich weiter über Körperbehaarung als politischen Akt zu unterhalten. Deswegen glaube ich, dass so ein feministisches Format für Leute in dem Alter eigentlich das aller geilste ist, was ihnen und uns passieren konnte. Für uns ist das Ganze sowieso sehr schnell zu einem echten Herzensprojekt geworden.

PS: Ja, und das vor allem auf einer Plattform, die nicht gerade voll ist von Inhalten solcher Gestalt

LK: Klingt nach Kritik an Youtube, wo Auf Klo stattfindet. Welche Punkte seht ihr an Youtube kritisch, die ihr mit Auf Klo verändern wollt?

LM: Youtube ist sexistisch, kreischig und super kommerziell. Es verfestigt Stereotypen und Genderrollen, die wir hinterfragen wollen.

PS: Youtube ist irgendwie auch ein Abbild von unserer Gesellschaft. Man kann dort zum Großteil das finden, was Lydia gerade beschrieben hat, aber natürlich auch gute Formate. Wir hatten dabei aber den Eindruck, dass Youtube gerade bei einem jungen Publikum bestimmte Bilder darüber prägt, wie Menschen sein sollten. Gerade wenn es um Frauen, Männer oder Jungs und Mädchen geht. Es gibt ganz viele Videos darüber, was Männer und Jungs oder Frauen und Mädchen angeblich sind oder wie sie sein sollen.

LM: Oder dazu, was nur Mädchen machen, also vor allem sich die Zähne putzen oder die Nägel lackieren (lacht).

PS: Oder auch Jungs, die auf ihren Kanälen Videos mit dem Titel “10 Dinge, die Mädchen machen und nerven” posten.

Niemand ist perfekt: Weder wir als Redaktionsteam, noch unser Format und deshalb müssen es unsere Zuschauer_innen erst recht nicht sein!

LK: Wenn ihr in diesem Feld also mit einem Orientierungsformat ein Zeichen setzen wollt, welche Werte und Themen sind euch dabei wichtig?

PS: Wir wollen einfach eine gewisse Grundentspannung transportieren und vorleben. Niemand ist perfekt, weder wir als Redaktionsteam, noch unser Format. Dementsprechend müssen es unsere Zuschauer_innen auch nicht sein! In unserem ursprünglichen Konzept haben wir Auf Klo beschrieben als “ein Format in der Betaphase für eine Zielgruppe in der Betaphase.”  Dann kommt noch dieser absurde Ort dazu: Das Klo ist ein Zwischen-Ort, der gleichzeitig öffentlich und privat ist.

LY: … und der dafür bekannt ist, dass Frauen dort über “Frauenthemen” reden. Genau das wollen wir für uns nutzen: Bei uns sprechen auf Klo interessante Mädchen und Frauen miteinander über Themen, die gerne jenseits der üblichen “Frauenthemen” liegen können, aber diese genauso mit einschließen dürfen.

LK: Wollt ihr also Orientierung dazu geben, mutig und anders zu sein?

LY: Ja, das ist einer unserer Grundsätze. Wobei es nicht zwingend darum geht anders zu sein, sondern eher darum unser Publikum dazu aufzufordern mit mutigem Blick durch die Welt zugehen und sich unterschiedlichste Lebensweisen, Berufe oder Interessen anzuschauen. Wir  wollen aufzeigen, was es alles gibt, was man alles machen kann und dass alles okay ist.

Die Grundprämisse war von Beginn an, dass wir starke Frauen zeigen wollen

LK: Wonach sucht ihr eure Gäste aus? Wer sind die Menschen, die auf Klo dürfen?

PS: Wir sind anfangs schon sehr stark von den Persönlichkeiten ausgegangen. Die Grundprämisse war von Beginn an, dass wir starke Frauen zeigen wollen, weil es für eine überwiegend weibliche Zielgruppe an weiblichen Vorbildern mangelt. Diese Frauen müssen dann eine Geschichte erzählen wollen und können.

LM: Ich glaub tatsächlich, dass es Leute sind, die wir selber ganz interessant finden. Im zweiten Teil der ersten Staffel haben wir unsere Gäste aber viel mehr über Themen ausgewählt und auch jüngere Leute eingeladen, die etwas bodenständigere und normalere Rolle vertreten.

LK: Wie seid ihr auf Mai aufmerksam geworden und warum ist sie die Gastgeberin auf Klo?

LM: Wir sind durch einen komischen Youtube-Algorithmus-Google-Fehler auf sie gekommen, nachdem wir eine befreundete Moderatorin von einem Arbeitskollegen von uns gesucht hatten. Plötzlich wurde Mai vorgeschlagen. Sie bricht mit genau den Stereotypen, mit denen wir uns beschäftigen wollen. Als promovierte Chemikerin ist sie selbst die ganze Zeit mit Vorurteilen à la “Ey, du siehst ja voll gut aus, warum bist du dann Chemikerin?” konfrontiert, was sie schon auf ihrem eigenen Kanal “The Secret Life Of Scientists” thematisiert. Das war ein guter Ausgangspunkt für eine Moderatorin.

Wir haben alle Knöpfe gedrückt, die wir drücken können, und seitdem ordentlich Action in den Kommentarspalten unseres Youtube-Kanals

LK: Wo liegen die größten Herausforderungen bei eurer Arbeit für Auf Klo?

LM: Das Community Management ist eigentlich eine sehr große Herausforderung, weil wir natürlich mit sehr viel Hass konfrontiert werden. Denn wir haben alle Knöpfe gedrückt, die man drücken kann. Vor allem mit der ersten Sendung: Eine dicke, muslimische Person nicht deutschen Ursprungs mit nicht-binären Geschlecht als ersten Gast hat die Youtube Community ordentlich provoziert. Gleichzeitig haben wir GEZ-Hater angezogen, weil wir bei funk aufgrund unseres mit “A” beginnenden Titels in der ersten Reihe der Mediathek standen. Seitdem haben wir ordentlich Action auf unserem Youtube-Kanal und ganz schön viel dumme Kommentare zu kommentieren, die wir jetzt vielleicht auch einfach nicht mehr kommentieren. Die vielen Hate-Kommentar sind sehr schade, weil sie natürlich die Leute abschrecken, die coole Kommentare schreiben könnten.

PS: Wir mussten erst mal lernen, wie wir damit umgehen. Es war uns schon irgendwie klar, dass unser Format nicht jedem gefällt, aber dass es so krass wird, hatten wir nicht gedacht. Ich lese jetzt auch Kommentare auf anderen Plattformen durch, was ich früher nie gemacht habe, aber jetzt mach’ ich das überall!

LM: Ich habe schon gedacht, dass es viele Vollidioten gibt, aber ich hab nicht gedacht, dass Leute echt so stumpf sind und irgendwelche Gaskammer-, Göbbel- und Hitlersprüche bringen oder eben auch Vergewaltigungswünsche und Morddrohungen. Mit solchen krassen Äußerungen habe ich nicht gerechnet und auch nicht damit, dass Leute sich so viel Zeit dafür nehmen, uns mit ihren Hasstiraden zu attackieren.

Der stumpfe Hass ist schockierend

LM: Es ist uns ja klar, dass wir Leute einladen, die man nicht nur cool finden kann und die polarisieren. Und ich kann auch verstehen, warum man Hengameh oder Suzie Grime nicht nur feiert, aber trotzdem muss man der Person ja nicht gleich den Tod wünschen. Ich versteh auch gar nicht, wie man auf die Idee kommt. Der stumpfe Hass ist einfach schockierend.

LK: Hattet ihr eine Strategie, wie ihr mit Trollen umgehen würdet oder wenn ihr eine hattet, habt ihr die im Laufe der Zeit verändert?

LY: Unsere Strategie war von Anfang an: Wir lassen alles stehen, solange es nicht krass volksverhetzend wird. Diese Strategie fahren wir auch noch, aber wenn wir z.B. Leute wie von Jugend rettet da haben und dann stumpfe “Hey, lasst die doch alle ertrinken!”-Kommentare kommen, dann haben wir hier auch irgendwann keinen Bock mehr! Vor allem haben wir im Verlauf der Staffel gemerkt, dass diese Kommentare andere Leute abschreckt. Besonders die 14 bis 17-jährigen Mädchen, für die wir Auf Klo machen, fühlen sich nicht wirklich wohl, wenn zig Vergewaltigungswünsche unter einem Video stehen.

PS: Wir haben diese Strategie eher intuitiv entwickelt. Mit dem ersten Video kamen gleich richtig viele Kommentare, die wir zusammen mit unserer Redaktionsassistenz Annika kommentiert haben. Dabei haben wir ziemlich schnell einen Ton gefunden, mit dem wir uns wohl gefühlt haben. Alles, was irgendwie straffällig ist, wird gelöscht. Alles andere wollen wir witzig und ironisch brechen. Das war unsere Strategie von Anfang an.

LM: Prinzipiell ist das immer noch unser Plan, wenn die Anzahl der Kommentare überschaubar bleibt. Aber bei 800 Kommentaren macht es auch keinen Sinn mehr, wenn deine Antwort darauf auch noch so lustig ist – die sieht ja eh keiner. Im Zweifel bleibt nur der Troll-Kommentar oben stehen, der unseren Gästen oder uns den Tod wünscht und das ist einfach uncool!

LK: Das heißt, mittlerweile ignoriert und löscht ihr mehr als zu Beginn?

LY: Ja und wir schicken alles zu funk, was Volksverhetzung oder Aufrufe zu unterschiedlichsten Gewaltformen enthält. Die ganz krassen Sachen werden auch angezeigt.

Jeder Troll ist anders

LK: Gibt es sowas, wie einen richtigen Umgang mit Trollen?

LM: Ich glaube nicht, dass es eine richtige Art gibt. “Jeder Troll ist anders”, sagt man ja so schön (lacht). Bei Troll-Trollen, die einfach nur rumtrollen und deren Ziel es ist, dass die positiven Nachrichten unter ihren Kommentaren verschwinden, würde ich einfach gar nicht mehr reagieren, sondern sie einfach nur blocken. Dann gibt es Leute, die sich davon angegriffen fühlen, dass du eine Frau bist, dass du dich nicht als heterosexuell definierst oder dass du dick bist und du trotzdem auf deinen Körper klar kommst. Diesen Leuten würde ich immer versuchen zu sagen: “Hey, das sind die Fakten und hey, du hast mich grad beleidigt!” Ich glaube, eine richtige Mischung aus “Hallo, ich bin ein Mensch und ich habe Gefühle, die du gerade verletzt hast!”, in Kombination mit Fakten aus nachvollziehbaren Quellen stellt einen Weg dar. Und Humor ist wichtig!

PS: Aber es ist auch total schwer zu sagen, wo die Grenze liegt, die ein Troll gerade überschreitet. Ab wann diskutiere ich nicht mehr mit ihm oder ihr und wieviel müssen wir miteinander diskutieren, damit wir weiterhin für die von uns vertretenen liberalen Werte einstehen können? Es muss Grenzen geben um zu sagen: “Nein, das geht nicht und da hört eine Diskussion auf!” Und gleichzeitig müssen wir Diskussion auch an vielen anderen Stellen führen. Deshalb stehen wir vor allem vor der Herausforderung abzuwägen, ob sich das Diskutieren lohnt oder nicht.

LK: Im Rahmen der No Hate Speech Kampagne gibt es ein Video vom Bundestrollamt gegen digitalen Hass mit euch. Wo liegt für euch der Mehrwert in der Vernetzung mit dieser Organisation?

LM: Erstmal geht es uns um Vernetzung an sich. Wir sind als Team ziemlich neu in dem ganzen Feld und finden es deshalb wichtig uns mit anderen Organisationen auszutauschen. Außerdem scheint gefühlt die ganze Welt gerade an einem Punkt zu sein, an dem die Menschen überhaupt erst mal lernen müssen mit dieser Form von hasserfüllter Kommunikation umzugehen. Ich glaube, es ist wichtig offen mit der Problematik umzugehen. Wir wollen den schweigenden Usern zeigen, dass sie nicht die einzigen sind, die so ein hasserfülltes Verhalten nicht richtig finden. Es geht uns allen so! Wir wollen die schweigende Masse dazu bewegen weniger leise zu sein, damit der ganze Hass nicht ständig alles andere übertönt.

PS: Dazu kommen einfach auch praktische Argumente: Die Trolle und Hater sind in gewisser Weise organisiert aber die andere Seite hat leider vergessen sich zu organisieren. Diese Neuorganisation können wir jetzt unterstützen. Neben der No Hate Speech Kampagne läuft die gegenseitige Unterstützung mit anderen funk-Formaten auch ganz gut. Die anderen Formate bekommen übrigens dann besonders viele Hasskommentare ab, wenn sie von keinen eindeutig deutschen Frontfrauen oder -männern moderiert werden.

Es ist jedes Mal krass zu bemerken, dass wir etwas in unserem Publikum bewegen

LK: Was motiviert euch trotz des ganzen Stress durch Trolle und Hasskommentare jede Woche eine neue Folge Auf Klo zu produzieren?

PS: Wir kriegen tatsächlich viele Kommentare und private Nachrichten, in denen uns die Community genau solche Situationen beschreibt, von der Lydia vorhin gesprochen hat. Uns schreibt zum Beispiel jemand, dass seine Schwester übergewichtig ist und ihr das Video mit Hengameh gezeigt hat und die beiden es einfach richtig cool und wichtig fanden. Es ist jedes Mal krass beeindruckend und motivierend Feedback von unseren Zuschauer_innen zu bekommen. Die Schwelle, so eine Nachricht zu schreiben und von sich persönlich zu erzählen, ist schon ziemlich hoch. Da zeigen diese Reaktionen umso mehr, dass wir unser Publikum mit unseren Themen und Gästen erreichen und sogar noch etwas in ihnen bewegen.

LM: Ja, auch konstruktive Kritik von unsere Publikum motiviert extrem. Uns schreib z.B. jemand, dass sie Auf Klo prinzipiell geil findet, es aber nicht okay findet, wie wir mit psychisch Krankheiten umgehen. Diese Person macht sich erstens die Mühe diese Nachricht zu schreiben und gesteht uns zweitens zu, dass wir auch nur Menschen sind. Sowas ist dann eine echt gute Erfahrung für uns!

LK: Zum Schluss noch ein kleiner Spoiler: Wer sind eure Traumgäste für die zweite Staffel Auf Klo?

LM: Erst einmal müssen wir noch kurz Daumen drücken, dass die zweite Staffel auch kommt. Aber mein Traumgast wäre Patti Smith, auch wenn die wohl etwas alt ist…

PS: Beyoncé! (lacht)

LM: Haha, ja! Oder Taylor Swift.

PS: Klar. Und Emma Watson!

LM: JD Samson und Kathleen Hanna wären natürlich auch noch ein Traum. Englischsprachige Gäste würden wir dann auch schön overvoicen, damit alle verstehen, was sie zu sagen haben.

PS: Es gibt einfach ganz schön viele coole Frauen und coole Geschichten, die wir noch erzählen wollen. Und das sind zum Glück sehr viel mehr als 16!
Auf Klo findet ihr auf Youtube, Facebook, Twitter, Instagram und als “aufklo” auf Snapchat.

Lena hat sich immer schon für Menschen, Popkultur, Muster und für Themen interessiert, die mit Transformation in unterschiedlichsten Kontexten zusammenhängen. Sie lebt in Berlin und arbeitet für die Initiative Start Coding e.V.,die digitale Bildungsangebote unterstützen möchte um Menschen aller Altersgruppen durch einen kreativen Zugang zu modernen Technologien zur aktiven Gestaltung unserer digitalen Welt zu ermutigen. Lena mag keine frischen Gurken, deshalb auch keinen Moskau Mule, aber andere Getränke und Gemüsesorte sind voll okay.

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