Pop & Kultur
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Decoding Popkultur

Feminismus Einhorn

Sie begegnet mir überall im Internet. In Profilbeschreibungen bei Twitter. In den Tweets dieser Profile. In Form von sorgsam kuratierten Memes bei tumblr und weniger sorgsam kuratierten Memes bei Facebook. Auf Online-Datingportalen sowieso. Die Rede ist von der kleinen Schwester der Hochkultur, der sogenannte Popkultur. Meine Generation besteht aus Millionen von kleinen Popkultur-Nerds, die nicht wissen wie die Hauptstadt von Sierra Leone oder der Ministerpräsident von Australien heißt (Freetown und Malcom Turnbull, you’re welcome), dafür aber die Filmografie von Joss Whedon auswendig runterrattern können. Meine Fähigkeit sowohl das Rat als auch das Brat Pack eindeutig identifizieren und alle Mitglieder benennen sowie einen kurzen Abriss ihrer Disco- oder Filmographie geben zu können, verschafft mir ehrlich gesagt mehr Credibility als die Tatsache, dass ich meine Abschlussarbeit über Foucault und das deutsche Kaiserreich geschrieben habe.

Popkultur gleich Hochkultur?

Popkultur ist ein Phänomen der Postmoderne und der Hipster. Sie scheint die neue Hochkultur zu sein. Anstatt ins große Konzert zu Gustav Mahler pilgern wir lieber in den neuen Star Wars Film, anstatt Dostojewski und Thomas Mann lesen wir lieber Benjamin Stuckrad-Barre und Game of Thrones. Die Comicifizierung des Mainstream-Kinos hat uns eine schier endlose Anzahl an Sequels und Prequels über gemarterte Superhelden beschert. Alles scheint die Fortsetzung, Einleitung oder Überleitung eines Buches, Comics, Computerspiels oder Blockbusters aus den 80er Jahren zu sein. Der Begriff Popkultur wird in diesem Zusammenhang schon fast inflationär verwendet. Dabei beschleicht mich häufig der Verdacht, dass der oder die VerfasserIn selbst gar nicht so richtig weiß, was diese Popkultur eigentlich ist. Aber mit dem Finger auf andere deuten ist nicht nett, denn ich sitze im Glashaus und darin ist es äußerst unklug mit Steinen zu werfen. Die Metapher stammt aus der Bibel, ist aber auch mir als ungebildeter Atheistin bekannt. Ist das also schon Popkultur? Ist „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ Popkultur? Ist Monopoly Popkultur? Warum ist Helene Fischer keine Popkultur? Und warum im Gegenzug ist Ayn Rand Bestandteil der Popkultur, obwohl niemand ihre Bücher gelesen hat?

Pop als Ware

Nachdem ich bemerkt hatte, das ich nicht in der Lage bin, in einem Satz zu erklären, was diese ominöse Popkultur ist, habe ich das getan, was jeder vernünftige Mensch meiner Generation tut, wenn das eigene Wissen ausgeht: Google anschmeißen. Was also ist diese Popkultur genau? An dieser Stelle fängt das Internet eigentlich sofort an, „Adorno“ zu schreien. Manchmal wird auch noch sein Bro Horkheimer genannt, obwohl nicht immer im selben Atemzug. Grob zusammengefasst schreibt Adorno, dass Kunst im Spätkapitalismus ihren autonomen Charakter verloren hat und Mittel zum Zweck geworden ist, sprich nur noch der Generierung von Kapital dient. Kunst wurde zur Ware reduziert und die Kulturindustrie wiederum reduziert das Individuum auf die Rolle des puren Konsumenten und bombardierte ihn fortan mit oberflächlichen Nichtigkeiten. Auf diese Weise ist ein Industriezweig entstanden, der sich mit der Herstellung von (Massen-)Kultur beschäftigt und das Individuum gezielt manipuliert. So weit, so theoretisch, so pessimistisch. Kultur ist also eine Ware und wird produziert – das mag für Adorno noch der Untergang des Abendlandes gewesen sein, nach der milliardenschweren Star Wars Merchandise Offensive letztes Jahr für uns aber wirklich kein Geheimnis mehr. Warum aber gefällt Popkultur dann so? Sind wir Liebhaber der Popkultur einfach nur gehirngewaschene Konsumschweine?

Es ist nicht zu leugnen, dass Konsum einen großen Teil der Popkultur ausmacht. Nicht nur der rein materielle Konsum in Form von Ticket-, Bücher- oder Memorabiliakauf sondern auch der geistige Konsum von an Fernsehserien, Filmen, Computerspielen, Büchern und Musik.

Angesichts all des Konsums und Überangebots an Waren liegt der Reiz der Popkultur in ihrem oftmals subversiven Charakter sowie dem ihr innewohnenden selbstreferentiellen System. Filme, Bücher, Musik, Spiele – das eine baut auf dem anderen auf. Kenner der Popkultur spielen mit ihr wie Paganini auf seiner Geige. Die Popkultur steht nicht allen offen – sie ist exklusiv, elitär und gleicht einem Nachtclub, in dem die Hälfte der potentiellen Besucher nie am Türsteher vorbeikommt. Drinnen allerdings wird nach Herzenslust zitiert, wobei zum Verständnis der Zitate ein Wissen um das zitierte Werk notwendig ist. Oft werden diese Zitate in einen neuen Kontext gesetzt und erhalten dadurch eine neue Aussage. Ein Meister des Zitats ist unangefochten Quentin Tarantino, der in jedem seiner Filme ein popkulturelles Feuerwerk abfackelt. Oder Resident Evil: Das Computerspiel wurde zu einem erfolgreichen Filmfranchise, das natürlich durch seinen Gaming-Charakter wiederum eine Horde von anderen Filmen beeinflusst hat. Der Reiz am populären Kanon ist für viele natürlich die Eingängigkeit und Zugänglichkeit, die das Werk zu einem populären Werk machen. Aber was uns Popkultur-Junkies fasziniert, sind die vielen versteckten Easter Eggs, die Fan Fiction, das Fandom, das Sammeln und Verstehen und Sezieren aller uns bekannten Fakten, um daraus eine Analyse des Pop-Diskurs abzuleiten.

The Kanon of Pop

Es ist schwer zu sagen, welche Filme, Bücher oder Songs den popkulturellen Kanon besonders geprägt haben. Einfacher ist es sich anzuschauen, welche Medien Eingang in den popkulturellen Diskurs gefunden haben und was sie wiederspiegeln: Zeitgeist, Subkultur, Rebellion oder Mode. Ayn Rand ist ja zum Beispiel ein wiederkehrender Witz der Popkultur, obwohl fast niemand das Buch gelesen hat. Ich habe es tatsächlich nur gelesen, weil in den Simpsons öfter mal Anspielungen auf Ayn Rand auftauchten und ich die verstehen wollte. Der popkulturelle Diskurs zeichnet  also durch eine versteckte gewollte „Deepness“ aus, die es zu entdecken gilt.

Andererseits ist Popkultur vor allem immer auch populäre Kultur und schwankt dadurch immer zwischen romantischer Naivität und kalkuliertem Zynismus. Der momentane Pop-Mainstream ist einerseits vom Wunsch nach Authentizität („Oh schau, ich mag vielleicht Taylor Swift heißen, aber bin auch nur ein normales Mädchen, dass Bilder auf Instagram stellt und Liebeskummer hat“) getrieben, anderseits zutiefst durch die artifizielle bonbonbunten Konstruktion eben dieses authentischen Image durch Social Media und Konsum bestimmt. Im Gegensatz zum prä-digitalen Zeitalter ist den Zuschauern der Waren-Charakter der Pop-Akteure deutlich bewusst, dem Erfolg tut das keinen Abbruch. Wenn Nicki Minaj in Anaconda die Künstlichkeit aller Klischees von Exotik bis Fitnessstudio auf die Spitze treibt, dann ist nicht nur ein mit Musik untermaltes sexy Filmchen. Uns Zuschauern wird das Produkt „Nicki Minaj“ verkauft, perfekt optimiert für den Geschmack der breiten Masse. Und wir kaufen es gerne und schauen uns den Clip fünfmal hintereinander an. Schau genau hin Adorno, Sex und Booty sell like crazy.

Die narrativen Handlungsstränge der 80er und 90er Jahre wie Kalter Krieg und nukleare Bedrohung sind weggefallen, dafür fehlt nun das eindeutige Feindbild. Globalisierung, Kapitalismus und Digitalisierung erwecken in uns den Wunsch nach einer Popkultur, welche die Welt wieder ein Stück verzaubert.  Deswegen erleben wir einen Hype übermächtiger aber doch zutiefst menschlicher Superhelden, die gegen Außerirdische kämpfen. Und weil uns Feminismus, Gender-Theorie und Dating-Apps anscheinenend in eine romantische Sinnkrise gestürzt haben und wir uns heimlich nach Biedermeier und einer festen Hand sehnen, erleben wir gleichzeitig eine Beschwörung von sehr traditionellen Geschlechterbildern. Frauen sind sexy, Männer sind groß und stark und am Ende wird bitte immer geheiratet.

Was ist also diese Popkultur? Sie ist tatsächlich eine am Fließband produzierte Massenkultur, ganz wie Adorno schrieb. Die behandelten Themen dieser Massenkultur sind gleichzeitig auch ein Abbild unserer gesellschaftlichen Werte und Wünsche. Denn nur wer die Wünsche der Masse errät und sie ansprechend inszeniert, hat eine Chance seine Ware zu verkaufen. Gleichzeitig ist innerhalb der Popkultur eine Subkultur von Nerds und Serienjunkies entstanden, die auch noch die obskurste Folge von Dr. Who auswendig rezitieren können und deren perfekter Montagabend darin besteht, darüber zu rätseln ob Bernhard Arnold ist und William der zukünftige Black Man. Deswegen: Es ist Herbst, das soziale Leben außerhalb der eigenen vier Wände eh nicht-existent, deswwegen ist jetzt die beste Zeit um sich in das Kaninchenloch zu stürzen und Serien von vorne bis hinten durchzuschauen, alle Artikel von Ann Helen Petersen zu verschlingen und Scott Pilgrim zu lesen. Viel Spaß!

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