Beste Freunde, Frau Stromponsky sr., Nachhaltigkeit
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Ein Brief von meiner Mama: Über Liebe, Leben und leben lassen

Silvester danach

Liebe Marla,
die für mein sensibles Nervensystem stressigste Jahreszeit ist endlich vorbei. Der nächste Advent und die nächste Weihnacht kommen erst in elf Monaten.
Ich habe tief eingeatmet, dann genau so tief wieder ausgeatmet und damit den ganzen Spuk als Abfallprodukt meiner Lungentätigkeit in die Luft befördert.
Der Advent stresst mich durch die sinnlose Jagd nach Geschenken, die Weihnachtstage durch den enormen Verzehr von fetten Vögeln. Aber alles ist nun ausgeatmet.
Das alte Jahr ist vorbei und das neue noch ganz jung und unverdorben. Noch liegen die Wochen und Monate vor uns, ganz leer, kaum verplant, geradezu jungfräulich. Da ich diese Jungfräulichkeit nicht stören will, plane ich nichts. Ich warte, was sich von selbst entwickelt, gebe lieber den spontanen Verrücktheiten die Vorfahrt.
Inspiriert dazu hat mich Jule, Deine Kusine aus Neuss. Wir feierten nämlich mit der ganzen Familie Silvester (dieses Mal leider ohne Dich, mein Schatz) bei meiner Zwillingsschwester Dorota. Traditionsgemäß versammelte sich die ganze Sippe um Dorotas riesigen Küchentisch. Wir haben wie immer viel gelacht und wie immer viel gestritten. Wir haben zu viel gegessen, zu viel getrunken und zu guter Letzt einen Haufen grandioser Vorsätze fürs neue Jahr ausgesprochen. Die meisten hatte auch dieses Jahr Jule, Dorotas jüngster Tochter. Jule beschloß 2016  alles komplett zu verändern. Neue Arbeitsstelle soll her, neue Haarfarbe (das hätte ich auch beschlossen, das Blond steht ihr gar nicht) und ein neuer Mann soll ihrem tristen Leben Glanz einhauchen!
Ihren Marc, Du weißt, der mit der lustigen Großmutter, den hat sie nach dem gemeinsamen Urlaub in Mexiko (den er ihr übrigens zum Geburtstag geschenkt hat) verlassen.
„Weißt Du  Agnieszka, er  war schon nett, aber irgendwie schlicht und unauffällig, du weißt, was ich meine, kein Vorzeigetyp.“ Dann fügte sie hinzu:“Er mochte keine Partys, weil er nicht tanzen konnte und seine Haare lichten sich bereits. Und das geht gar nicht bei mir“. Ich hörte erst einmal interessiert zu und schaute sie dann genau an.
Ihre hochgeschraubten Ansprüche an den künftigen Lebenspartner vernebelten ihr den Blick auf den eigenen Un-perfektionismus. Ich mag Jule wirklich sehr. Schade nur, das sie keine Wahrnehmung für die eigenen Unzulänglichkeiten entwickelt hat. Das schreckliche Blond ihrer Haare wäre so ein Punkt.
Marc konnte nicht tanzen – klar, das ist schade , wenn man selbst gerne das Tanzbein schwingt. Aber nicht überlebenswichtig. Jule kann zum Beispiel nicht Auto fahren und hat mit Bravour drei Mal die Führerscheinprüfung vergeigt.
Und ein Führerschein wiederum kann die Suche nach einer neuen Arbeitsstelle erleichtern. Ist also viel eher überlebenswichtig.
Es ist interessant zu beobachten, wie viel wir an unserem Gegenüber auszusetzen haben. Wir vergessen, dass wir umgekehrt genauso das Ziel mancher Kritik sind. Jule wird ihre Ansprüche immer höher schrauben, die Latte, an der sie sich selbst misst, bleibt aber schön weit unten. Auch 2016 wird sich daran nichts ändern. Ich vermute, Jules hohe  Ansprüche an das andere Geschlecht kompensieren ihre Angst, nicht wahrgenommen zu werden und lenken von eigenen Defiziten ab. Kann man machen, eigene Defizite haben wir schließlich alle reichlich. Oder aber wir hören auf unseren Gegenüber nach zu strikten Gesichtspunkten zu bewerten. Dann leben wir nämlich zufrieden im unperfekten Glück mit unperfekten Partnern.
Das nächste Silvester kommt wie das Amen in der Kirche. Bestimmt wieder in Dorotas Küche mit Jule und der ganzen Sippe. Es würde mich nicht wundern, wenn auch Marc dabei ist (er ist der einzige, der ihre blonde Haarfarbe toll findet). Auch nicht, dass Jule weiter im Krankenhaus um die Ecke arbeitet. Wo will das Kind sonst auch hin: Das erträumte Klinikum liegt 40 km von ihrem Wohnsitz entfernt. Aber Jule hat ja keinen Führerschein.
In der Regel passen wir das Leben den Möglichkeiten an und nicht umgekehrt. Das gilt auch für Jule.
Küsschen, Mama.

2 Kommentare

  1. Liebe Marla,

    eine weise Mama hast du da. Und schreiben kann sie dazu auch noch ganz toll.
    Spontanität und einfach mal schauen, was passiert, ist auch meine Absicht für dieses Jahr. Immerhin ist gerade eigentlich alles ganz gut so wie es läuft.

    Viele Grüße
    Annika

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